„Unerwünscht! Jüdische Jugend im 3. Reich“

Dr. Kurt Maier, als Zehnjähriger mit seiner gesamten jüdischen Familie in Deutschland unerwünscht, gelingt nach der Deportation nach Frankreich, die Flucht über Marokko in die USA. Vielen anderen badischen Juden gelang dies nicht. Sie wurden in Gurs, Auschwitz oder einem anderen deutschen KZ oder Vernichtungslager feige ermordet. Die Habe der Opfer, und war sie noch so gering, rissen sich gierige „Herrenmenschen“, oft die Nachbarn, unter den Nagel. (Foto: Liane Merkle)

Eberstadt. (lm) „Unerwünscht! Eine jüdische Jugend im 3. Reich“ lautet der Titel seines Buches und unter diesem Titel stand auch der sachlich informative Vortrag von Dr. Kurt Maier als einer der wenigen Überlebenden des Holocaust im bis auf den letzten Platz besetzten Eberstadter Rathaus nach der Enthüllung des Gedenksteins „Wider das Vergessen. Zum Gedenken an die während des Nationalsozialismus 1940 deportierten Juden, die mit uns lebten“.

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Wie Ortsvorsteher Nico Hofmann mit einem Dank an den Referenten hervorhob, war es dem 88jährigen hervorragend gelungen, eine für ihn und seine Familie grausame Zeit informativ mit viel Charme und besonderem Humor gespickt, den Eberstädtern nahezubringen und dadurch die Gedenksteinenthüllung zum einen sehr zu bereichern und die Zeit einer Generation, die sich das nicht mehr vorstellen kann, nahe zu bringen.

Wie Dr. Maier kurz erläuterte, lebt er jetzt in Washington, kommt aber seit 18 Jahren jeden Oktober nach Deutschland, um mit Vorträgen an diese Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust zu erinnern. Zur Gedenksteinenthüllung meinte er erfreut: „Dieser idyllische Platz in unmittelbarer Nähe zur Synagoge ist ideal, die Feier war sehr ansprechend, nicht zu kurz und nicht zu lang“.

Seinen Vortrag mit unglaublich vielen Fotos untermalt, begann Dr. Kurt Maier mit einem Bild seines Großvaters, der Bäckermeister in Diersburg war und mit einem Foto seines Vaters, der für Deutschland im 1. Weltkrieg gedient hatte, doch „das hat in der Zeit des Nationalsozialismus nicht geholfen“. Weiter erzählte er von seiner Jugend zusammen mit seinem Bruder in Kippenheim, wo er einen evangelischen Kindergarten besuchte, seine Mutter einen kleinen Tante-Emma-Laden betrieb und sein Vater mit Stoff reiste.

„Christen und Juden haben friedlich zusammen gelebt“ und noch bis 1935 hätten seine Eltern lachen können, doch in Vorahnung schlimmer Zeiten hätten sich die meisten jüdischen Familien 1938 noch fotografieren lassen. Gut ist ihm noch im Gedächtnis, dass ein Kinderbuch mit dem Titel „Der Giftpilz“ mit den wüstesten Verunglimpfungen der Juden als Weihnachtsgeschenke für die christlichen Kinder in Umlauf war und wie die Eltern ihr Kinder immer mehr von den jüdischen Freunden zurückhielten.

Und dann seien schreckliche Gesetze erlassen worden: Juden mussten ihre Autos abgeben, durften keine Haustiere halten und mussten sich einen „Judenpass“ besorgen, wobei die Frauen einen jüdischen Vornamen dazuschreiben mussten und die Männernamen einheitlich durch „Israel“ ergänzt wurden. Seine Großeltern bestanden auf Auswanderung, aber entweder fehlte das Geld oder die Genehmigung. Die ganze Familie wurde wie alle anderen Juden in Baden im Oktober abgeholt und nach Gurs im unbesetzten Teil Frankreichs transportiert.

Darauf waren die Franzosen überhaupt nicht vorbereitet. Entsprechend unorganisiert waren die Lagerverhältnisse bezüglich Unterkünfte und Hygiene. „Wir haben auf dem Boden in den Baracken geschlafen und ich habe mich ein halbes Jahr lang nicht ausgezogen oder waschen können“. Schon das haben viele Alte und Kranke nicht überlebt.

Der zehnjährige Kurt Maier erkrankte an Diphterie, doch er überlebte. Unter unglaublichen Bedingungen gelang es den Eltern, einen Brief an die texanische Verwandtschaft zu schreiben und abzuschicken. Als dieser Brief dann endlich am Ziel war, setzten sich die Verwandten mit dem auswärtigen Amt ein und erreichten, dass der ganzen Familie – einschließlich der Großeltern – die Ausreise genehmigt wurde. 1941 schließlich – mit einem weiteren zweimonatigen Lageraufenthalt in Cassablanca – konnte die Familie auf einem portugiesischen Schiff nach New York fliehen.

Humorvoll erinnert er sich an das schreckliche Brot in Amerika. „Wir haben unser gutes Berches sehr vermißt“, doch schließlich gab es in Amerika so viele Juden, dass unter ihnen auch gute Bäcker und koschere Metzgereien zu finden waren, erinnerte sich der verschmitzt lächelnde Referent unter dem großen Abschlußbeifall in Eberstadt.

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