„An mehr „grüne“ Ecken gewöhnen“

Auch im Buchener Stadtbild – hier der Eingang zum Museumshof – ist mehr Unkraut zu sehen. Ein wichtiger Grund dafür ist der Verzicht auf den hochwirksamen, aber umstrittenen Wirkstoff Glyphosat. (Foto: pm)

Der Unkrautvernichter Glyphosat wird vom Buchener Bauhof schon seit vier Jahren nicht mehr verwendet – Rund 10.000 m² städtische Grünflächen wurden zu Blumenwiesen

Buchen. (pm) Manche halten den Wirkstoff Glyphosat – besser bekannt unter dem Namen „Roundup“- für harmlos und die Diskussionen um eine mögliche Gefährdung von Mensch und Tier für übertrieben. Viele andere können nicht verstehen, dass Deutschland die Verwendung des hochwirksamen Unkrautvernichters analog der Zulassungsverlängerung der EU bis Ende 2022 grundsätzlich erlaubt.

Millionenschwere Schadenersatzprozesse in den USA heizen das kontrovers diskutierte Thema zusätzlich an. Und auch in Buchen scheiden sich die Geister. Der Bauhof der Stadt aber verwendet schon seit Jahren kein Roundup mehr.

Einschränkungen bezüglich der Verwendung gibt in Deutschland schon lange. „Früher durfte Roundup in der Land- und Forstwirtschaft und auf „gärtnerisch genutzten Flächen“ eingesetzt werden“, erklärt Bernd Egenberger von der Stadtverwaltung Buchen.

Der Begriff „gärtnerisch genutzt“ umfasste bis 2015 Sportanlagen, Friedhöfe, öffentliche Grünflächen und sonstige Außenanlagen, im weitesten Sinn also alle öffentlichen Plätze und auf Antrag auch sämtliche Straßenränder und Gehwege der Kernstadt Buchen.  „Das ist vorbei, unser Gärtnermeister Norbert Schurz und die Bauhofmitarbeiter verwenden das Mittel nicht mehr.

Die „gärtnerische Nutzung“ wurde nämlich neu definiert und die Anwendungsbestimmungen geändert,“ so Egenberger. Konkret bedeutet das: „Gärtnerisch genutzte Flächen“ und damit praktisch alle öffentlichen Flächen, die der Buchener Bauhof zu pflegen hat, müssen grundsätzlich mechanisch oder thermisch von Unkraut oder „Beikraut“ – manche bevorzugen diese Bezeichnung – befreit werden.

Was personal- und zeitaufwändig, teuer und oft weniger wirksam ist. Aber nach der Überzeugung der Glyphosat-Gegner eben auch die Umwelt schont.

„Wir müssen damit leben, dass unterm Strich mehr Unkraut wächst und die Flächen nicht mehr so „gepflegt“ aussehen wie früher “, stellt der Stadtmitarbeiter klar. Daran ändern auch die Ausnahmegenehmigungen nichts, die immer wieder neu für bestimmte Flächen wie die Friedhöfe oder den Museumshof beantragt und vom Fachdienst Landwirtschaft des Landratsamtes erteilt werden. Damit wird der Einsatz von Mitteln mit dem Wirkstoff Pelargonsäure erlaubt. Umweltfreundlicher als Glyphosat, aber laut Egenberger auch lange nicht so wirksam.

Grundsätzlich findet er den langsam stattfindenden Perspektivwechsel gut. Wie Bürgermeister Roland Burger auch: „Ein sensibler Umgang mit der Natur ist angezeigt. Ein unkrautfreier englischer Rasen oder eine makellose Pflasterfläche waren uns wichtig. Dass dieses Ziel manchmal mit zweifelhaften Mitteln erreicht wurde, war den Verantwortlichen in der Vergangenheit nicht bewusst.“ Meldungen über das Arten- und vor allem Insektensterben, immer neue Hitzerekorde, weltweite Dürre- und Unwetterperioden zeigen Wirkung und sensibilisieren.

„Ich weiß nicht, wie giftig Glyphosat wirklich ist. Aber wo wir es einsparen können, sollten wir das auch tun“, so Burger. Der im Übrigen auch stolz ist auf die wiederholte Beteiligung der Stadt an der Aktion „Blühender Naturpark“ des Naturparks Neckartal-Odenwald. 2018 wurden zehn städtische Flächen, zusammen 8800 m², mit mehrjährigen heimischen Saatgutmischungen („Schmetterlingssaum“ und „Blumenwiese“) eingesät. 2019 kamen weitere 1200 m² zuvor intensiv gemähte Grünflächen dazu.

Alle Wiesen wurden vorab von einer Biologin begangen und begutachtet. Der Bauhof arbeitet in der Pflege, die genau vorgegeben ist, eng mit Verantwortlichen des Naturparks zusammen. Dauerhaft ist eine zweimalige Mahd im Jahr durchzuführen. Unter anderem am Schulzentrum, am Steinäckerweg und in Hettingen am Ortseingang und im Oberhölzle wachsen jetzt wieder die Echte Schlüsselblume, der Kleine Odermennig, der Wiesen-Salbei und viele andere selten gewordenen Pflanzen – zur Freude von Mensch und Tier.

„Beides, sowohl das Un- oder Beikraut auf öffentlichen Flächen als auch die Blumenwiesen, sind für uns kleine Schritte zurück zu mehr Natur“, stellt Bürgermeister Burger dazu fest.

Hintergrund

Glyphosat ist seit den Siebzigerjahren der weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter. Als Wirkstoff ist es weltweit unter dem Namen „Roundup“ im massenhaften Einsatz und vernichtet als „Totalherbizid“ jede Pflanze, die nicht gentechnisch entsprechend verändert wurde.

Seit Jahren wird sehr kontrovers über die Gesundheitsgefahren für Mensch und Tier diskutiert, die von Glyphosat möglicherweise ausgehen. Schlagzeilen machen die millionenschweren Schadensersatzprozesse in den USA gegen die Herstellerfirma Bayer bzw. deren US-Tochter Monsanto.

Österreich hat als erstes Land in der EU in einem nationalen Alleingang kürzlich den Einsatz von Glyphosat verboten, Deutschland dagegen orientiert sich an der von den EU-Staaten bis Ende 2022 verlängerten Zulassung. Erst danach erwartet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein grundsätzliches Ende des Glyphosat-Einsatzes in der Europäischen Union und damit auch in Deutschland. Allerdings bestehen bereits heute Einschränkungen in der Nutzung.

Rund 10.000 m² zuvor intensiv gemähte städtische Grünflächen wurden seit 2018 mit mehrjährigen heimischen Saatgutmischungen eingesät und dürfen künftig nur noch zweimal jährlich gemäht werden. (Foto: pm)

 

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