„Nur Gedenken ermöglicht Umkehr“

Wir bleiben für Sie am Ball, spendieren Sie uns dafür einen Kaffee!

Rund 150 Menschen kamen am Sonntag zur Gedenkfeier für die vor 80 Jahren nach Gurs deportierten badischen Juden am Mahnmal in Neckarzimmern. (Foto: ekiba/Christian Wisura)

„Gewissheit des ,Nie wieder‘ trägt nicht mehr“

Neckarzimmern.  (pm) Eine hohe Aktualität hatte die zentrale Gedenkfeier für die 1940 aus Baden verschleppten Jüdinnen und Juden. 80 Jahre nach der Deportation nahezu der gesamten badischen jüdischen Bevölkerung ins südfranzösische Internierungslager Gurs hat Landtagspräsidentin Muhterem Aras die Menschen aufgefordert, „für Zusammenhalt und gegen Spaltung einzustehen und populistischen Parolen „Wir gegen die“ den Nährboden zu entziehen“.

Bei der zentralen Gedenkfeier am Sonntag in Neckarzimmern trat Aras gemeinsam mit dem Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, Weihbischof Peter Birkhofer für die Erzdiözese Freiburg und Landesrabbiner Moshe Flomenmann für eine offene Gesellschaft und gegen Antisemitismus ein. Seit 15 Jahren findet die Gedenkfeier am Mahnmal für die aus Baden nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden in Neckarzimmern im Odenwald statt – verantwortet durch die Evangelische Landeskirche in Baden in Kooperation mit der Erzdiözese Freiburg und dem Förderverein Mahnmal Neckarzimmern. Die Veranstaltung fand unter strengen Hygieneregeln mit einer begrenzten Zahl angemeldeter Gäste ausschließlich draußen statt.

„Vor 80 Jahren geschah das Unvorstellbare, Millionen Menschen wurden in der Schoa ermordet. Die allgemein anerkannte Reaktion war: Das darf nie wieder geschehen. Heute müssen wir feststellen, die damalige Gewissheit trägt nicht mehr“, sagte Landesrabbiner Moshe Flomenmann. Für eine wachsende Minderheit seien antisemitische Äußerungen und Taten wieder denkbar, und immer mehr Menschen handelten auch danach. „Dem müssen wir entschlossen entgegentreten. Die freiheitliche, demokratische Gesellschaft kann Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit nicht dulden und akzeptieren. Im Gegenteil: Sie muss sie aktiv bekämpfen und zurückdrängen“, bekräftigte der Landesrabbiner.

„Die Freiheit und Sicherheit unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ist Maßstab für die Freiheit und die Solidarität in unserer Gesellschaft. Wer sie antastet, tastet uns alle an“, betonte Landesbischof Cornelius-Bundschuh. „Die Kirchen, die damals geschwiegen haben, erheben heute ihre Stimme gegen Antisemitismus und Rassismus“, so der badische Landesbischof.

Am 22. Oktober 2020 jährt sich zum 80. Mal die Deportation von mehr als 6.500 Männer, Frauen und Kindern. Sie wurden vom 22. auf den 23. Oktober 1940 von den Nationalsozialisten, häufig auch Nachbarn darunter, aus ihren Wohnungen und Unterkünften geprügelt, bestohlen und gedemütigt, um dann verschleppt zu werden. Die meisten wurden in Gurs und seinen Nebenlagern und später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

„Die Bestialität dieser Vorgänge“ würden den Jugendlichen heute über die Arbeit für das Mahnmal vermittelt, unterstrich Weihbischof Peter Birkhofer für die Erzdiözese Freiburg: „Jugendliche sehen: Jede und jeder Deportierte war ein Mensch, der Hoffnungen, Träume, Wünsche hatte“. Dies führe „von der Vergegenwärtigung zur Verinnerlichung und zu einer proaktiven Haltung“. Ziel sei es, gemeinsam zu erklären: „Wir stehen ein für ein Miteinander der Anerkennung, die jede Einzelne und jeden Einzelnen als das sieht, was uns alle verbindet: Person, Subjekt, Handelnde zu sein, mit dem Wunsch und Willen zu träumen, zu leben, zu gestalten, zu lieben, geliebt zu werden.“

„Es ist ein sehr ermutigendes Zeichen, dass es Jugendliche sind, die das Mahnmal in Neckarzimmern und an den Orten der Deportationen durch Steinskulpturen gestalten“, so Landtagspräsidentin Muhterem Aras. „Wenn wir die Erinnerung als Fundament begreifen, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen, dann hat Gedenken ein ganz wichtiges Ziel erreicht“, so die Landtagspräsidentin.

„Wir sind damals als Kirche schuldig geworden, denn nur sehr wenige von uns, wie etwa der Heidelberger Pfarrer Hermann Maas, haben widerstanden“, mahnte Landesbischof Jochen- Cornelius Bundschuh. Nur durch das Gedenken werde Umkehr möglich. Es mahne alle: „Widersteht dem Bösen! Wehrt euch, wenn Menschen sortiert werden, wenn Antisemitismus und Rassismus wieder um sich greifen! Die Würde des Menschen ist eine Gabe Gottes; niemand hat das Recht, sie anderen streitig zu machen“.

Am eigentlichen Jahrestag der Deportation, Donnerstag, 22. Oktober, sind landesweit Gedenkfeiern und Läuten der Totenglocken in den Deportationsorten geplant.

Artikel teilen:

Zum Weiterlesen:

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen