Das Beste aus der Krise gemacht

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Grüne Landtagskandidatin Pfeiffer von „Schatzinsel“ beeindruckt

Buchen.  (pm) Es gibt Menschen, für die ist der Beruf Berufung. Mazlum Oktay ist einer von ihnen. Seit acht Jahren ist er Gründer, Ideengeber und Geschäftsführer des Buchener Pflegedienstes Hand in Hand. Hier, in seiner Heimat, fühlt er sich wohl und will mit seiner Arbeit die Region stärken. „Ich habe in Bad Mergentheim an der dualen Hochschule studiert und bin drei Jahre lang nach Berlin zu meinem Ausbildungsbetrieb gependelt.

Da habe ich gemerkt: Ich verstehe das Land, aber nicht die Großstadt. Ich will hier in der Region etwas bewegen.“ Gerade plant Oktay Angebote der ambulanten Dienste und Tagespflege im Neckar-Odenwald-Kreis und angrenzenden Main-Tauber-Kreis auszuweiten. Dafür weiß er die kurzen Wege, gute Vernetzung und geringe Anonymität zu schätzen.

Dabei begann alles ganz klein: „Meiner Frau habe ich damals versprochen, nach 20 Mitarbeitern ist Schluss. Dann wurden 2017 die Räumlichkeiten zu eng, wir kauften in Buchen neue dazu, eröffneten weitere Filialen in Osterburken, Hardheim, Boxberg/Unterschüpf. Der Pflegedienst wurde zum Selbstläufer.“ Sein engagiertes Personal steht ihm dafür mit dem nötigen Einsatz zur Seite. An den vier Standorten arbeiten heute über 120 Menschen.
 
Amelie Pfeiffer, Landtagskandidatin der Grünen und selbst in Buchen verwurzelt, verfolgt die Erfolgsgeschichte des jungen Unternehmers schon lange. Anlässlich der Pandemielage, in der uns der Wert der Pflege- und Gesundheitsberufe besonders bewusst wird, lud sie Oktay zu einem Gespräch ein – per Videoschalte ging es um den neuen Corona-Alltag und Pläne für die Zukunft.

Auch am Pflegedienst Hand in Hand geht Corona nicht spurlos vorbei. „Bei uns sind vereinzelt Fälle aufgetreten“, berichtet Oktay, fügt jedoch hinzu: „Wir haben schon im Herbst letzten Jahres ein Konzept für regelmäßige Schnelltests ausgearbeitet, Schutzausrüstung ist vorhanden und Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen. Nur die Einmalhandschuhe wurden zeitweise aufgrund der deutschlandweiten Lieferengpässe knapp. Wir haben das Beste aus dieser Krise gemacht.“

Im vergangenen Sommer wurden Arbeiten im Außenbereich angegangen und es blieb auch Zeit anderen Gutes zu tun: 60.000 Schutzmasken spendete Hand in Hand an ein Krankenhaus in Peru. „Das beeindruckt mich besonders“, so Pfeiffer, „dass Sie sich trotz aller Widrigkeiten noch die Zeit genommen haben, anderen zu helfen.“

Über Nacht ist in der Pandemiezeit auch noch ein „Essen auf Rädern“ entstanden. Das Tagespflegepersonal, das trotz der Schließung im März weitergearbeitet hat, setzte die Idee in die Tat um, regionale frische Speisen in der Region auszuliefern.

„Wir kochen jetzt nicht nur für die Tagespflege, sondern liefern auch nach Hause. Dabei bereiten wir alles frisch zu, verwenden heimisches Gemüse, gerne auch in Bio-Qualität.“ Darauf, dass die angebotenen Speisen mittlerweile mit Restaurantstandards mithalten können, ist Oktay besonders stolz.

Ganz besonders interessierte Amelie Pfeiffer das Angebot der flexiblen Kinderbetreuung für Schichtdienstpersonal. Bereits als Gemeinderätin in Buchen (2009-2014) war es ihr ein Anliegen, eine schichtdienstgerechte Kinderbetreuung zu entwickeln. Während ihres Studiums in Stuttgart-Hohenheim gründete sie außerdem mit ihrem Mann eine Kinderbetreuung, um Studium und Familie vereinbaren zu können. Sie ist bis heute, nach 30 Jahren, noch immer in studentischer Hand.

Seit 2020 bietet Hand in Hand eine Kindertagespflege an, die die Randzeiten für Schichtdienstpersonal betreut: die Morgenstunden zwischen 6 und 8 und den Nachmittag ab 12 Uhr. Gemeinsam mit engagierten Mitarbeiterinnen entwickelte Oktay die gemeinnützige Kindertagespflege Schatzinsel. Sie bietet für Kinder zwischen 0-14 Jahren individuelle Betreuungszeiten an, die sich an den Bedarfen und Bedürfnissen der Familien orientieren.

„Diese Idee fand anfangs nicht jeder gut. Kritische Stimmen gab es auch im Gemeinderat, wo man fürchtete, dass Kinder mit diesem Angebot öfter in die Tagesbetreuung ‚abgeschoben‘ werden“, so Oktay.

Dabei weiß Oktay, dass dies eine reine Wohlstandssorgen sind. Als Kind einer siebenköpfigen Einwandererfamilie versteht er diejenigen, die im Schichtdienst arbeiten müssen und sich die Betreuung der Kinder zuhause schlicht nicht leisten können. „Das Betreuungsangebot der Schatzinsel schafft in diesem Fall Rechtssicherheit und Vertrauen. Eine flexible Kinderbetreuung ist die Voraussetzung, um überhaupt im Schichtdienst arbeiten zu können. Sie wird vor allem von Frauen in Anspruch genommen, die alleinerziehend sind oder nicht auf Verwandtschaft vor Ort zurückgreifen können und wollen.

Mit der Schatzinsel können sie sich finanziell absichern, in ihre Rente einzahlen und wissen die Kinder dabei in guten Händen.“
Heute besuchen nicht nur Kinder der eigenen Mitarbeitenden Hand in Hand. Auch Arbeitgeber der Region werben mit der neuen Möglichkeit, eine Kinderbetreuung für Angestellte, die außerhalb regulärer Arbeitszeiten gebraucht werden, sicherstellen zu können – ein wichtiger Punkt für die Fachkräftegewinnung, weiß Oktay. Dafür wirbt er weiterhin um Spenden und steht in regelmäßigem Kontakt mit Unternehmen vor Ort.

In diesen Zeiten ist es besonders schwierig Personal zu finden, weiß er. „In einem Dienstleistungsgewerbe ist qualifiziertes, motiviertes Personal alles. Die Pflege lebt von dem, was meine Angestellten täglich leisten. Deshalb stelle ich mir jeden Morgen die Frage, was ich meinen Leuten Gutes tun kann. Für mich ist ein wertschätzendes Miteinander von der Führung bis zur Reinigungskraft selbstverständlich. Ich setze hohes Vertrauen in meine Mitarbeiter und motiviere sie dazu Verantwortung zu übernehmen.

Und wer beste Dienstleistungen anbieten möchte, muss die Menschen dahinter auch überdurchschnittlich bezahlen. Ich spare nicht an den Gehältern: Wir investieren alles, was wir haben in unser Personal. Diese besondere Teamatmosphäre hilft, qualifizierte junge Menschen, die es sonst in Großstädte zieht, in der Region zu halten.“
 
Welche Auswirkungen denn die Pflegeberufereform für seinen Ausbildungsbetrieb hat, wollte Pfeiffer wissen. Mit ihr entfällt die alte Aufteilung in Alten-, Kinderkranken- oder Krankenpflege und künftige Pflegekräfte erlernen in den ersten beiden Jahren ihrer Ausbildung die gleichen Inhalte in Theorie und Praxis.

„Das Gesetz wurde schon früh auf den Weg gebracht, aber die Details wurden erst in letzter Minute geregelt. Ausbildungsverträge mussten vier- bis fünfmal abgeändert werden. Wir hatten zum Glück eine leistungsstarke Verwaltung im Haus, die das aufgrund der Größe abfangen konnte. Es war aber trotzdem ein hoher Papier- und Verwaltungsaufwand.“, so Oktay. Dennoch: Die Reform sei auch eine Chance, den Fachkräftemangel abzuwenden.

In seinem Betrieb werden derzeit sechs Pflegefachfrauen und -männer ausgebildet. Durch die umfassendere, medizinische Ausbildung hofft Oktay, kann zukünftig das medizinische Pflegepersonal stärker entlastet werden. „Altenpfleger waren bisher nicht so tief in dieser Materie drin. Durch die neuen Ausbildungsinhalte werden sie besser qualifiziert und vielfältiger einsetzbar sein.“ Persönlich würde er sich wünschen, dass ein Freiwilliges Soziales Jahr für alle Schulabgänger verpflichtend eingeführt werde. Das würde nicht nur den sozialen und pflegerischen Dienstleistungen zugutekommen, sondern auch das Bewusstsein für die Schwächeren unserer Gesellschaft stärken.
 
Pfeiffer war von Oktays unternehmerischem Engagement tief beeindruckt: „Sie haben das Herz am richtigen Fleck! Ihr Optimismus und ihre Fröhlichkeit stecken an und Sie zeigen, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt vor Ort gestärkt werden kann.“

Zum Abschied lud sie die Mitarbeiter und Kinder der Tagespflege Schatzinsel noch zu einem Besuch ihrer Ponyreitschule ein – als Lichtblick für die Zeit nach Corona.

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