Machtlos – und gerade deshalb relevant

Machtlos – und gerade deshalb relevant
Machtlos – und gerade deshalb relevant

Dr. Leonhard Emmerling referierte im Café Salz & Zucker. (Foto: Brauch-Dylla)

Kunst als Gegennarrativ zu Regierungsdoktrinen

Mosbach. (bd) Der Vortrag von Dr. Leonhard Emmerling, Leiter der Goethe-Institute Chicago und Houston, stieß auf außergewöhnlich großes Interesse. Mehr als doppelt so viele Besucher wie erwartet erfüllten den Raum bis auf den letzten Platz. Dieses hohe Interesse verdeutlicht die Aktualität kulturpolitischer Fragen in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung.

Bedeutung des Austauschs zwischen Kunst und Politik

Harald Kielmann, der Vorsitzende des Kunstvereins Neckar-Odenwald, sowie Klaus Brauch-Dylla vom Kreisvorstand von Bündnis 90/Die Grünen, begrüßten die Gäste und hoben die Bedeutung des Austauschs zwischen Kunst, Zivilgesellschaft und Politik hervor. Dieser Austausch soll zu einem tieferen Verständnis und grundlegenden Überlegungen führen.

Die Rolle des Goethe-Instituts

Emmerling gliederte seinen Vortrag in zwei Teile, wobei er zunächst die Geschichte und Aufgaben des Goethe-Instituts skizzierte. Als offizielles Instrument der deutschen Außenkultur- und Bildungspolitik seit 1951 fördert das Institut die deutsche Sprache und den interkulturellen Dialog. Anders als andere Kulturinstitute agiert das Goethe-Institut in relativer Autonomie gegenüber Regierungsinteressen, was der Glaubwürdigkeit seiner weltweiten Tätigkeit zugutekommt.

Kunst und ihre gesellschaftliche Relevanz

Im zweiten Teil seines Vortrags entwickelte Emmerling die zentrale These der „Machtlosigkeit der Kunst“. Er betonte, dass Kunst nicht in der Lage sei, unmittelbar politischen oder gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Die Rolle der Politik bestehe hingegen darin, verbindliche Entscheidungen durch gesetzgebende, ausführende und rechtsprechende Instanzen zu entwickeln und durchzusetzen.

Reflexion über das Politische

Emmerling wies auf den Begriff der reflektierenden Urteilskraft hin, den er Immanuel Kant zuschrieb. Kunst könne zwar keine verbindlichen Urteile fällen, sie ermögliche jedoch eine Diskussion individueller Wahrnehmungen, was ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zugutekommt.

Beispiel eines erfolgreichen Kulturprojekts

Am Beispiel des Projekts „In Good Company“, das Emmerling mit unterschiedlichen Communities im Mittleren Westen der USA realisierte, illustrative er, wie Kulturarbeit politisch wirksam werden kann. In gemeinsamen Spaziergängen kamen Gruppen zusammen, die oft gesellschaftlich voneinander getrennt sind, um gegen spalterische Narrative und chauvinistische Politik der Trump-Administration zu demonstrieren.

Kunst als Gegenkraft

Zum Abschluss betonte Emmerling den Begriff des Politischen im Sinne eines offenen Miteinanders im öffentlichen Raum. Die Kunst, so stellte er fest, verfüge zwar nicht über Macht, aber über die Fähigkeit, Gegennarrative zu den Erzählungen der Macht zu entwickeln. Diese Fähigkeit sei gerade in repressiven Systemen von hoher Wichtigkeit, um Freiräume für bedrohte Gruppen zu schaffen.

Intensiver Dialog und Ausblick

Die anschließende Diskussion entwickelte sich zu einem intensiven, kenntnisreichen Dialog, der sowohl dem Publikum als auch dem Referenten Freude bereitete. Die Veranstalter sahen sich in ihrer Einschätzung bestärkt, dass Emmerling der Intellektuelle ist, den Mosbach benötigt. Die Idee entstand, die wertvollen Themen und Erkenntnisse in einer Folgeveranstaltung im Frühjahr weiterzuführen.

 

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