„Cem schenkt aus“ sprengt Erwartungen

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Der grüne Spitzenkandidat kurbelt die Wirtschaft in „Tante Gerda“ an. (Foto: Brauch-Dylla)

Özdemir wie Popstar empfangen

Mosbach. (bd) Drei Tage vor der Landtagswahl am 08. März verwandelte sich die Mosbacher Kultkneipe „Tante Gerda“ in das politische Epizentrum des Landes. Wo sonst gemütlich Bier getrunken wird, herrschte am Donnerstagabend eine Stimmung und Andrang wie bei der Mosbacher Kneipennacht – nur mit einer klaren politischen Botschaft. Deutlich über 400 Besucher drängten sich auf der Terrasse und in der Gasse, um den grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir und den lokalen Bewerber Arno Meuter live zu erleben.

„Hagel mal 4“

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während CDU-Herausforderer Manuel Hagel bei seinem Gastspiel in Mosbach rund 120 Gäste mobilisierte, kratzten die Grünen an diesem Abend an der 500er-Marke. „Das ist der Rückenwind, den wir für das Foto-Finish am Sonntag brauchen“, freute sich Arno Meuter.

Heimatliebe und „Champions League“ im Odenwald

Lokalmatador Arno Meuter, der seine Rede mit einer “Liebeserklärung” an den Neckar-Odenwald-Kreis begann, betonte das enorme Potenzial der Region. Von der Pflege bis zum Handwerk leiste man hier Arbeit auf „Champions League Niveau“.„Wir sind zwar nicht so laut wie SAP oder Schwarz (Lidl), aber wir schaffen einfach“, so Meuter. Besonders symbolträchtig: Meuter überreichte Özdemir ein Replik des Mosbacher „Lumpenglöckle“. Während das Original im Rathausturm die „Lumpen“ nach Hause läutet, solle es Cem in Stuttgart daran erinnern, dass die „Gescheiten“ dann gerne noch für ein gutes Gespräch bleiben. Meuters Fazit unter dem Jubel der Gäste: „Cem, Ministerpräsident kannst du!“

Ein Kompliment zum Auftakt

Die Stimmung war bereits bestens, als Arno Meuter das Mikrofon übergab. Özdemir gab den Ball direkt zurück: Auf Meuters Satz „Ministerpräsident kannst du!“ entgegnete der Gast aus Stuttgart unter großem Applaus: „Du sagst über mich, der kann es – aber ich muss sagen: Arno, du kannst es auch!“. Ein starkes Signal der Unterstützung für den lokalen Kandidaten im Endspurt.

Patente statt Prahlerei: Ein Seitenhieb nach Bayern

In seiner Rede streifte Özdemir die klassischen Wirtschaftsthemen, setzte dabei schmunzelnd einen Seitenhieb in Richtung des Nachbarbundeslandes. Mit einem Augenzwinkern verglich er die Mentalitäten: Während man die Bayern wohl laut „hier“ geschrien haben, als das Selbstbewusstsein verteilt wurde, seien die Baden-Württemberger derweil unterwegs gewesen, um Patente anzumelden. „Wir schwätzen nicht viel, wir schaffen“, so das Credo des Abends.

Vom Arbeiterkind zum Spitzenkandidaten

Besonders still wurde es rund um die „Gerda“, als Özdemir persönlich wurde. Er erzählte von seiner Kindheit als Arbeiterkind, als Sohn von Einwanderern, in einem Haushalt ohne Bücherschrank. Dass ihm bis zur vierten Klasse prophezeit wurde, er würde nie richtig Deutsch lernen oder eine weiterführende Schule besuchen, habe ihn geprägt. Nur dank einer engagierten Nachhilfelehrerin habe er seinen Weg gehen können – ein Glück, das vielen ebenso talentierten Kindern verwehrt blieb.„Mein Antrieb ist eine Bildungslandschaft zu schaffen und zu erhalten, in der es nicht vom Geldbeutel oder dem Status der Eltern abhängt, was aus einem Kind wird“, versprach Özdemir. „Alle Talente in diesem Land zu fördern, ist keine Wohltat, sondern die Voraussetzung für unseren künftigen Wohlstand.“

Beste Ideen statt Parteibuch

Özdemir betonte zudem seinen Anspruch auf einen neuen politischen Stil. Ihm gehe es um einen anständigen Umgang, auch mit den Mitbewerbern. „Erst das Land, dann die Partei und die Person“, so sein Versprechen. Unter Berufung auf den Philosophen Hans-Georg Gadamer beschrieb er seine Maxime des miteinander schwätzens: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“ So wolle er das Land führen, wenn die Bürgerinnen und Bürger ihm am Sonntag das Vertrauen als Ministerpräsidenten geben.

Er wolle die besten Ideen verwirklichen – völlig unabhängig davon, welches Parteibuch der Urheber trage. Es zähle allein die Qualität für Baden-Württemberg. “Deshalb begeben wir uns auch nicht auf das Niveau Deines Gegenkandidaten Minister Peter Hauk, der behauptet hat, die Grünen wollten Privatautos verbieten”, wandte er sich nochmals an Arno Meuter. Er werde Winfried Kretschmann fragen, warum und wie er das vor ihm geheim gehalten habe, beschloss Özdemir das Thema mit Kopfschütteln

„Wirtschaft angekurbelt“: Cem am Zapfhahn

Wirtin Bärbel Raitzig brachte es schließlich auf den Punkt, als sie zum Mikrofon griff: „Heute Abend haben Sie die Wirtschaft hier mal so richtig angekurbelt!“ dankte sie Cem Özdemir für seinen Besuch. Danach gab es kein Halten mehr: Özdemir wechselte hinter den Tresen, zapfte eigenhändig und nutzte die Zeit für unzählige Gespräche. Seine authentische Nahbarkeit sorgte dafür, dass viele Gäste noch lange blieben, um mit dem potenziellen nächsten Ministerpräsidenten direkt „zu schwätzen“.

Optimismus für den 08. März

Die Botschaft des Abends war deutlich: Die Kreis-Grünen setzen voll auf Sieg. Die Mischung aus Meuters tiefer lokaler Verwurzelung und Özdemirs Erfahrung auf nationalem und internationalem Parkett scheint im Neckar-Odenwald-Kreis anzukommen. Nach diesem Abend in der „Tante Gerda“ steht fest: Das Rennen um die Spitze im Land bleibt bis zur letzten Sekunde spannend. Denn zeitgleich erschien die letzte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen: Grüne plus 3 Prozent, CDU plus 1 Prozent, beide mit 28 Prozent gleichauf, Fotofinish. Mit Özdemirs umjubelten Auftritt in Mosbach sind die Chancen seiner Partei sicher nicht schlechter geworden.


Hunderte Gäste besuchten die Veranstaltung mit Cem Özdemir in Mosbach. (Foto: Brauch-Dylla)

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