80 Jahre nach Kriegsende besuchte der Brite Nigel Fletcher den Odenwald. (Foto: privat)
Von Jochen Herkert
Michelbach. Es waren bewegende Szenen, die sich dieser Tage im kleinen Odenwalddorf Michelbach abspielten. Am Bahnhof in Aglasterhausen stieg der Brite Nigel Fletcher aus dem Zug aus Heidelberg, wo ihn Bürgermeister Stefan Kron sowie Michelbachs Ortsvorsteher Jochen Herkert herzlich willkommen hießen.
Nigel Fletcher ist der Neffe von Edward Walter Fletcher, der am 28. Januar 1945 zusammen mit sechs weiteren Soldaten der britischen Armee in Michelbach ums Leben kam. Ihre Lancaster stürzte in den dortigen Wald, nachdem sie im Luftkampf schwer beschädigt worden war. Für Nigel Fletcher war es der erste Besuch auf deutschem Boden. Er war eigens aus der Nähe von Newcastle angereist, um die Absturzstelle seines Onkels, von der Familie liebevoll „Teddy“ genannt, zu besuchen.
Symbolträchtiger Empfang und Besuch der Absturzstelle
Bereits der Ankunftsort trug eine historische Bedeutung: Der heutige Kopfbahnhof Aglasterhausen geht auf die Sprengung der Eisenbahnbrücke über den Neckar während des Zweiten Weltkriegs zurück. Von dort führte Ortsvorsteher Jochen Herkert gemeinsam mit seinem Stellvertreter Achim Rößler den britischen Gast direkt nach Michelbach an die Absturzstelle der Lancaster mit der Kennung 153/O.
Für Nigel Fletcher war der Moment, 80 Jahre nach dem Tod seines Onkels an eben dieser Stelle zu stehen, zutiefst emotional. Jochen Herkert sprach Worte des Gedenkens und erinnerte an die Opfer, aber auch an die Verantwortung, den Frieden zu bewahren. Das Denkmal, 1974 von Karl Frauhammer geschaffen, mahnt seither zu Freundschaft und friedlichem Miteinander.
Zeichen der Freundschaft und Erinnerung
Im Michelbacher Wald nahm sich Fletcher Zeit, um still am Denkmal zu verweilen. Er gedachte seines Onkels, der im Alter von nur 21 Jahren ums Leben kam. Gemeinsam mit Herkert und Rößler brachte er ein Holzkreuz aus England sowie ein Blumengebinde an. Mit dem Hissen der britischen und deutschen Fahne wurde die Freundschaft zwischen den Nationen sichtbar bekräftigt.
Besonders bewegte Fletcher die Dankbarkeit gegenüber den Michelbacher Einwohnern, die damals mit großem Respekt und Würde mit den sterblichen Überresten der Crew umgingen. Auch der Gedenkstein auf dem Michelbacher Friedhof, der die Namen der abgestürzten Soldaten trägt und direkt neben dem Denkmal für die gefallenen Deutschen steht, gilt ihm als starkes Symbol für Frieden in Europa.
Erinnerungen an Edward Fletcher
Edward Fletcher befand sich auf seinem 29. Einsatzflug, als er den Tod fand. Seine ersten Einsätze hatte er im August 1944 geflogen. In Großbritannien wurde ihm zu Ehren ein fast zwei Meter hohes Denkmal errichtet. Seine sterblichen Überreste wurden nach dem Krieg auf den „Durnbach War Cemetery“ bei Tegernsee überführt, wo fast 3.000 Commonwealth-Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Nigel Fletcher, der zuvor diesen Friedhof besucht hatte, sprach von einer „unvergesslichen Erinnerung“. Für ihn war der Besuch in Michelbach ein tief bewegender Moment, der ihn seinem Onkel auf besondere Weise nahebrachte.
