700 Jahre Wagenschwend

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Gerhard Schäfer begeistert mit einem tiefen Einblick in die Wagenschwender Hausnamen und Dorfhistorie. Fünf Hausnamen haben sich über drei Jahrhunderte gehalten. (Foto: Brauch-Dylla)

Wenn Häuser Geschichten erzählen

++Wagenschwend.** (bd) Das Jubiläumsjahr „700 Jahre Wagenschwend“ hätte kaum spannender beginnen können. Zum Auftakt des Veranstaltungsprogramms lud der Heimat- und Museumsverein am vergangenen Sonntag in das bestens besetzte Dorfgemeinschaftshaus ein. Gut 130 interessierte Bürgerinnen und Bürger waren gekommen, um den Ausführungen von Gerhard Schäfer, dem Leiter des Heimatmuseums, zu folgen. Sein Thema: Die faszinierende Welt der alten Hausnamen.

Eine Landkarte zur Verortung

Als Grundlage für den Abend diente ein Ortsplan von Wagenschwend aus dem Jahr 1894. Das Besondere daran: Fast alle dort verzeichneten Gebäude stehen noch heute an denselben Plätzen – wenn auch großteils umgebaut und modernisiert. Basierend auf den akribischen Recherchen von Wolfgang Frankhauser aus den 90er Jahren, entfaltete Schäfer eine detailreiche Zeittafel der Besitzer und erklärte, wie die teils rätselhaften Beinamen entstanden sind.

„Hausnamen waren früher die eigentliche Adresse“, erläuterte Schäfer. Sie unterlagen einem ständigen Wandel durch Heiraten oder Besitzerwechsel. Doch die Kontinuität beeindruckt: Einige Namen, wie „Scholze“, „Münche“, „Weise“, „Schorke“ oder „Aresch“, haben sich trotz aller Umbrüche über drei Jahrhunderte hinweg im Dorfgedächtnis gehalten.

Kurios, wie der Name s’Aresch entstanden ist: der Ende des 17. Jahrhunderts amtierende Schultheiß Johann Jakob Zimmermann hatte die Auflage für das Dorf eine Arrestzelle zu errichten – das Anwesen mit der Arrestzelle wurde im Laufe der Jahrzehnte mit dialektalem Lautwandel zu s’Arres und schließlich zu s’Aresch.

Von „Hinnedinnsch“ bis „s’Trienzersch“

Die Analyse der Namen bot einen tiefen Einblick in die Sozialstruktur vergangener Tage. Schäfer kategorisierte die Ursprünge anschaulich:
Vornamen & Nachnamen: Mit 15 Ableitungen von Vornamen (z. B. s’Merdlisch nach Martin, s’Nazisch nach einem Ignaz oder im Ausnahmefall auch nach einer Frau, so bei Friederika Schneider, auf die der Hausname s’Rigge zurück geht) und 27 von Nachnamen bilden sie die Mehrheit.

Berufe: 10 Namen zeugen von altem Handwerk (Schreiner, Bäcker, Küfer, Schuster) oder beruflicher Tätigkeit, darunter besondere wie s’Scholze (Schultheiß/Bürgermeister), s’Polizeidienersch, s’Ratschreibersch oder s’Wertsch für ein Haus mit Schankrecht.

Kuriositäten: Besonders amüsiert zeigten sich die Zuhörer über Namen wie “s’Hinnedinnsch”. Dieser Name haftete einer Familie an, die vor dem Bau ihres eigenen Heims im hinteren Teil eines Nachbarhauses zur Untermiete gewohnt hatte.

Fusionsnamen: Wenn Familiennamen verschmolzen, entstanden Kreationen wie s’Dammschlinke (Damm und Link) oder es gab auch die Kombination aus Beruf und Vornamen, z.B. “s’Millkarlsch” (Müller und Karl).

Neuanfang nach dem Dreißigjährigen Krieg

Schäfer wagte auch einen Blick in die dunklen Kapitel der Geschichte. Während Namen vor dem Dreißigjährigen Krieg aufgrund der totalen Verwüstung des Dorfes nicht überliefert sind, markiert die nach einem Viertel Jahrhundert erfolgte Wiederbesiedlung einen Wendepunkt. Nach einem kurzen Intermezzo protestantischer Schweizer Bauern, die im katholischen Umfeld einen schweren Stand hatten, prägten schließlich Zuwanderer aus der Pfalz, darunter der spätere Schultheiß Johann Jakob Zimmermann (s’Aresch), das Dorfbild und die Namensgebung nachhaltig.

Schicksale zwischen Amerika und Russland

Augenmerk legte der Referent auf die menschlichen Schicksale, die mit den Häusern verbunden sind. So wie die Geschichte von Ferdinand und Maria Emilie Hess, die im Haus Emmertsch ab 1879 21 Kinder gebar, von denen jedoch 9 bereits im Kleinkindalter verstarben. Drei der Söhne fielen im Ersten Weltkrieg.

Oder die einzigartige Geschichte von Rosa Link (von „s’Bilse”, nach einem dort bis 1867 lebenden Franz Michael Bilz): 1883 als 15-Jährige nach Amerika ausgewandert, kehrte sie 1907 nach fast einem Vierteljahrhundert zurück, um im Jahr darauf ihren direkten Nachbarn Josef Schork zu heiraten.

Spektakulär auch die Odyssee der Familie Edelmann. Um 1800 noch in der „Streuheimat“ am Waldrand ansässig, folgten sie 1820 dem Ruf der Zarin Elisabeth (ehemals Prinzessin Luise von Baden) zur Besiedlung Russlands. Doch das Heimweh oder die harten Bedingungen führten sie acht Jahre später zurück nach Wagenschwend, wo sie am Anfang der Hauptstraße neu bauten und der Name „s’Edelmannsch“ bis heute präsent ist.

Ein lebendiges Erbe

Ob das Haus Henrizisch (nach dem zugezogenen Erwerber Wendel Henrizie), das einst als kath. Schulhaus diente, oder das Haus* s’Trienzersch, zugleich s’Constantinsch – der Abend machte deutlich, dass Hausnamen in Wagenschwend weit mehr sind als nur alte Begriffe. Sie sind ein lebendiges Archiv der Dorfgeschichte und überdauern die Jahrhunderte.

Constantin Scheuermann aus Trienz hatte das Haus vor 150 Jahren von Angehörigen einer nach USA ausgewanderten Familie erworben. Und just die Nachfahren dieser Auswanderer (Franz-Josef Schork und Josepha, geborene Nörpel) waren vor zwei Jahren im Dorfmuseum auf der Reise zu den Wurzeln ihrer Vorfahren zu Besuch.

Die Auswanderung von ”Dorfarmen” führte beispielsweise auch dazu, dass eines der beiden Armenhäuser Wagenschwends gegen Ende des 19. Jahrhunderts verkauft werden konnte, an Carl Theophil Rothengass, das Anwesen hieß seither s’ Rothengasse.

Der langanhaltende Applaus am Ende des Vortrags zeigte, dass Gerhard Schäfer einen Nerv getroffen hatte. Das Jubiläumsjahr hat damit einen ersten bereichernden Höhepunkt geboten, der die Vorfreude auf die kommenden Festivitäten schürt.

Der nächste historische Vortrag folgt am Sonntag, 12. April um 19 Uhr, dann wird die Ortschronik des Dorfes und Geschichten aus 7 Jahrhunderten Wagenschwend präsentiert

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