Leserbrief: „…wir haben Angst!“

Der AK Flüchtlingsbegleitung Seckach bangt mit seinen Schützlingen – Abschiebungen in Kriegsgebiete – Sozialdemokratischer Außenminister stellt Sicherheit in Frage und warnt vor Reisen – christlich-demokratischer Innenminister hält Afghanistan für sicher


 Shermohammad Barati im Kreise seiner Kollegen, Arbeitgebern und Unterstützern. (Foto: Liane Merkle)

Der Arbeitskreis Flüchtlingsbegleitung Seckach verabschiedete am Montag vergangener Woche einen seiner Schützlinge, den Afghanen Shermohammad Barati. Nach Ablehnung seines Asylgesuchs durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte er der angebotenen freiwilligen Rückkehr nach Afghanistan zugestimmt, der einzigen Alternative zur Abschiebung. Shermohammad sollte noch in derselben Woche vom Flughafen Frankfurt aus nach Kabul ausgeflogen werden.

Er wurde 1969 in Ghazni/Afghanistan geboren und kam im April 2015 nach zweijährigem Aufenthalt aus der Gemeinschaftsunterkunft Hardheim in die kommunale Anschlussunterbringung nach Seckach. Im Wasserschloss Großeicholzheim lebte er mit weiteren männlichen Flüchtlingen, ausschließlich Afghanen, friedlich und harmonisch zusammen. Durch seine Hilfsbereitschaft und ausgleichendes Wesen trug er dort wesentlich zu einem guten Miteinander bei. Shermohammads Familie (seine Ex-Frau, zwei Töchter und fünf Enkelkinder) lebt in Bensheim. Die Enkelkinder sind in Deutschland geboren und haben einen deutschen Pass. In Afghanistan hat Shermohammad keine Familie mehr. Eventuell könnte dort noch eine Schwester leben, aber er weiß nicht wo.

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Seit 01. Juni 2016 bis zu seiner Rückführung nach Afghanistan war Shermohammad bei dem Unternehmen RTM Hiertz in Seckach- Zimmern beschäftigt, zunächst in einem befristeten Arbeitsverhältnis. Dabei erlernte er grundlegende Aufgaben eines Bauhelfers. Aufgrund seiner Leistungen und seines Arbeitswillens wurde er später in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen.
Nicht nur sein Chef und seine Kollegen waren sehr zufrieden mit ihm, auch die Kunden äußerten sich positiv über seine Arbeit und sein freundliches Wesen.
Alle bedauern außerordentlich die Ablehnung seines Asylgesuchs. Die Firma würde ihn gern weiter beschäftigen. Daher hat Shermohammad von ihr einen Arbeitsvertrag mit auf den Weg nach Kabul bekommen, durch den die kleine Chance besteht, ein Arbeitsvisum in Afghanistan zu beantragen, um wieder nach Deutschland zurückkehren zu können.

Die Belegschaft der Firma Hiertz verabschiedete sich von Shermohammad zusammen mit seinem Paten, Herrn Otto Schmutz, einem Mitglied des Arbeitskreises Flüchtlingsbegleitung Seckach.
Otto Schmutz kümmerte sich engagiert in allen, zum Teil sehr umfangreichen Belangen um seinen Schützling. Er hat ihn auch am Mittwoch auf seinem schweren Weg zum Flughafen Frankfurt begleitet. Denn eins ist klar: Shermohammad hat große Angst! Angst in Afghanistan getötet zu werden. Angst, total alleine auf sich gestellt zu sein – ohne Familie, ohne Freunde – zu überleben. Nur die kleine Hoffnung, wiederkommen zu dürfen, hält ihn aufrecht. Durch seine „freiwillige Ausreise“ erhielt er die Möglichkeit, keine EU-weite Wiedereinreisesperre zu bekommen und somit die Chance, ein Arbeitsvisum in Deutschland beantragen zu dürfen.

Dazu Gabriele Aurin, ehrenamtliche Deutschlehrerin des Arbeitskreises:

„Für die Betroffenen ist die „freiwillige Ausreise“ nichts anderes als die Flucht vor der Abschiebung: Wer nicht freiwillig geht, wird erfahrungsgemäß nachts von der Polizei aus dem Bett geholt, in Abschiebezentren transferiert (ähnlich Gefängnissen) und ausgeflogen.
Im Falle einer Abschiebung wird dem Betroffenen ein mehrjähriges Einreiseverbot für die gesamte EU erklärt, bei einer Wiedereinreise werden außerdem die Kosten für die erfolgte Abschiebung, meist mehrere Tausend Euro, in Rechnung gestellt.“

Erklärung der Regierungspräsidien Baden-Würtemberg:

Gemäß § 59 Abs. 1 Satz 1 AufenthG wird der freiwilligen Ausreise von Ausreisepflichtigen Vorrang vor der zwangsweisen Rückführung eingeräumt. In diesem Zusammenhang soll seitens der Ausländerbehörde zur Vermeidung von Abschiebungen und Abschiebungshaft auf eine Förderung der freiwilligen Ausreise hingewiesen werden.

Aurin: Für Afghanistan besteht vom Auswärtigen Amt eine Reisewarnung: „Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt! Wer dennoch reist, muss sich der Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein“……
„In ganz Afghanistan besteht ein hohes Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden. Landesweit kann es zu Attentaten, Überfällen, Entführungen oder anderen Gewaltverbrechen kommen.“

Aurin:
Interne Einschätzungen von Bundeswehr und Hilfsorganisationen zeichnen ein düsteres Bild von der Sicherheitslage in Afghanistan.

Nichts desto trotz hat die Bundesregierung Afghanistan wie ein sicheres Herkunftsland ausgewiesen und schickt Menschen, die vor Krieg, Terror und Verfolgung nach Deutschland geflüchtet sind, dorthin zurück. Freiwillig oder nicht!

Man fragt sich da schon, hält die Bundesregierung sowie der Innenminister das Auswärtige Amt sowie die Sicherheitsexperten für inkompetent?

Oder ist es politisches Kalkül im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen, einem Großteil der Wähler gerecht zu werden? So viele abschieben, als möglich.

Viele Begleitpersonen von afghanischen Flüchtlingen berichten, das die Anhörer/innen des BAMF, insbesondere bei männlichen Flüchtlingen, kein wirkliches Interesse an deren Ausführungen zu den Fluchtursachen zeigen. Sie arbeiten lediglich Ihren Fragebogen durch. Die Flüchtlinge werden u.a. genötigt und gedrängt, „schnell, schnell – da warten auch noch Andere“. Teilweise haben auch die Dolmetscher Probleme und übersetzen nicht richtig.

Wie kann man da noch von einem Recht auf eine faires und individuelles Verfahren sprechen? Dem Recht des Flüchtlings, seine Fluchtursachen ausführlich schildern zu dürfen.

Man kann sich auch da die Frage stellen, ob nicht von vornherein feststeht, wer gehen muss? (Ehemalige Mitarbeiter des BAMF berichteten darüber.)

WIR Ehrenamtlichen kennen diese Menschen sehr gut. Kennen ihre schlimmen Erlebnisse und ihre TODESÄNGSTE. WIR haben sie integriert, Ihnen Deutsch beigebracht, einen Ausbildungsplatz besorgt oder in Aussicht gestellt, Arbeit für sie gefunden. Einige sind Teil unserer Gemeinde geworden und trotzdem sollen sie gehen! Obwohl man sie hier dringend brauchen würde! WIR haben Pflichten übernommen – Rechte haben WIR aber keine. Kein Veto-Recht für – aber auch gegen eine Abschiebung!

Um zwei unserer afghanischen Schützlinge bangen wir noch:

Yaqoob Muhammadi, beschäftigt bei der Firma Huth-Haus, Seckach
Nach erfolgter Ablehnung seines Asylantrages und Abweisung seiner Klage beim Verwaltungsgericht Karlsruhe wurde Mitte letzten Jahres eine Eingabe bei der Härtefallkommission gemacht (für sein Bleiberecht wurden rund 1.300 Unterschriften gesammelt).
Die Entscheidung steht noch aus. Yaqoob hat Angst – wir auch!

Jafar Hosseini, besucht die Zentralgewerbeschule in Buchen, mit Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz.
Dieser mutige junge Mann nannte die Namen der Taliban, die für nächtliche Bombenexplosionen in seiner damaligen Straße verantwortlich waren. Dafür wurde er von diesen entführt und halbtot geschlagen, von deren Hund gehetzt und gebissen. Er konnte mit Glück schwer verletzt entkommen und wurde mit Hilfe in ein Krankenhaus gebracht. (Seine schweren Verletzungen wurden in Deutschland diagnostiziert und bestätigt.) Die Eltern und er konnten nicht zurück in ihr Haus – aus Angst vor der Rache der Taliban-Männer. Zuerst ging die Flucht nach Pakistan, wo sich die alten und kranken Eltern heute noch illegal aufhalten. Dort war Jafar aber auch nicht sicher und von Ausweisung bedroht. Seine Eltern gaben alles für ihn, was sie noch hatten und ermöglichten ihm damit die Flucht. Er schlug sich nach Europa/Deutschland durch mit der Hoffnung, in Sicherheit leben zu dürfen.

Auch sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt! Auch er hatte kein faires Anhörungsverfahren! Es wurde bei einer Anwältin Klage erhoben.
Jafar hat Angst – wir auch.

Es entspricht weder dem christlichen Glauben noch unseren Wertvorstellungen, Menschen in ein de-facto-Kriegsgebiet zurückzuschicken. Ich schäme mich für die Verantwortlichen!

Der Arbeitskreis Flüchtlingsbegleitung Seckach

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