Vom Freischärler ins Benimmstudio

 Ehestand und Wehestand“ hieß 1980 das Stück, mit dem Michaela Kistner 1980 zum ersten Mal bei der Kolpingfamilie Mudau auf der Bühne stand. 40 Jahre und 40 Stücke später durfte sie als „Marianne Häberle“ von Kolpingvorstand Manfred Dambach und allen Kollegen herzliche Gratulationen und von den Besucher stehende Ovationen entgegen nehmen. (Foto: Simone Schölch)

Kolping-Schauspieler begeistern mit Probenfleiß, Talent, Originalität und ganz, ganz großer Spielfreude

Mudau. (sis) „Der Freischärler“ war 1895 das erste Theaterstück der ein Jahr zuvor gegründeten  Kolpingfamilie Mudau. „Benimmstudio Häberle“ war 2020 das letzte in einer langen Reihe von Aufführungen, die den sensationell guten Ruf des Kolpingtheaters in Mudau begründen. Gerade das aktuell Stück, traditionell dreimal zu sehen rund um den Dreikönigstag, hat die Messlatte  noch einmal ein gutes Stück höher gelegt. Mit anderen Worten:  Eine gute Vorlage kombiniert mit Probenfleiß, viel Talent, Originalität und ganz, ganz großer Spielfreude der Schauspieler unter der Regie von Klaus Erich Schork ergaben in Summe einen wirklich wunderbaren Abend, der trotz vier Akten keinerlei  Längen –  ein häufiges Manko solcher Stücke – aufwies und den vielen Besuchern einfach nur ganz viel Spaß und Freude beschert hat.

Nicht ganz so gut drauf war zumindest über drei Akte Hermann Häberle (Mario Gaibler), abgebrochener Jurastudent, der mit einem Benimmstudio über die Runden zu kommen bzw. das Studium von Tochter Biggi (Martina Drabinski) zu finanzieren versucht. Unterstütz wird Hermann, der privat ein eher ungehobelter Patron ist, von Carmen (Anette von Wedel), seiner langjährigen Sekretärin. Beide eint das jeweilige an frustrierenden Erlebnissen reiche Single-Dasein im fortgeschrittenen Alter und die fehlende Einsicht, dass „die Jacht halt irgendwann auch mal vorbei ist“, wie es Biggi unverblümt ausdrückt.

Unvergleichlich agierte einmal mehr Michaela Kistner im 40. Jahr ihrer Schauspielerkarriere, für die sie später regelrechte Ovationen entgegen nehmendurfte, als besorgte Mutter ihres „Hermännle“, die immer und überall dazwischen funkte und einen beherzten Kleinkrieg gegen die „Sachverzögerin“ Carmen und zeitweise auch gegen den italienischen Computerspezialisten Enrico Racotti (Daniel Herkert) führte. Natürlich gab sich allerhand skurrile Kundschaft im Benimmstudio die Klinke in die Hand: Willibald Krisotzki (Elias Noe mit tollem Einstand als Schauspieler),  Baggerfahrer mit Berliner Schnauze, der  zuliebe seiner „neuen schnieken Flamme det feine Benehmen“ erlernen möchte  und natürlich kläglich, aber höchst amüsant scheitert.

Oder der steife Dr. Franz Meierbeer(Gerald Hemberger), der nicht ganz so vornehme, unsägliche Reden schwingende  Staatssekretär, der in Wirklichkeit ein vorbestrafter Heiratsschwindler ist und ein Zellenkumpan von Krisotzki war. In seinem Schlepptau die unvergleichliche Andrea Thier als seine reiche Frau Brunhilde,  die ihren Gatten nur mit viel Mühe und noch mehr „Flüssigem“ ertragen kann und sich, nachdem dessen wahre Identität aufgedeckt ist, schwankend und sehr schnell mit dem charmanten Italiener Racotti tröstet.

Dazwischen will auch Ferdinand Mühleisen (Paul Scheuermann) von seinen Problemen bei einem zutiefst menschlichen Bedürfnis befreit werden. Zu guter Letzt wirbelt mit der „Manta-Tussi“ Gisela Weidenbach (Gudrun Westenhöfer) dann auch noch eine echte Rock-Oma über die Bühne, die mehr als einem der anwesenden Herren das Herz gebrochen hat und auch von Rambo Schlatterer  (Timo Huberty), dem omnipräsenten, leicht chaotischen Hausmeister und gutem Freund von Bigginicht im Zaum gehalten werden kann . Stattdessen fädeln die beiden aber geschickt das romantische Happy-end für Hermann und Carmen ein und beim großen gemeinsamen „Übungsessen“ mit heißer Suppe,  Spargel und reichlich Fischgräten , bei dem das gelernte feine Benehmen gezeigt werden sollte,  geht dann fulminant alles schief und doch wird irgendwie  auch wieder vieles  gerade gerückt. Wie das eben so ist in diesen Komödien – und oft auch im echten Leben.  

Originell wurde bei diesem Gala-Dinner die Gratulation für Michaela Kistner eingebaut, die diese zu Tränen rührte. So sehr, dass sie sich auch danach bei den überaus wertschätzenden Worten von Manfred Dambach und Klaus Erich Schork völlig überwältigt schlicht nur bedanken konnte. Die Besucher konnten diese Emotionen durchaus einordnen, denn klar ist:  Kolpingtheater in Mudau ist etwas ganz, ganz Besonderes! Komplettiert wurde die Gruppe durch Souffleuse Alexandra Meixner sowie Hilmar Rechner und Maskenbildnerin Beate Volk. Um das gesamte Drumherum kümmerte sich Manfred Dambach.


Mit dem wunderbaren Stück »Benimmstudio Häberle« hat die Kolpingfamilie Mudau, deren Theaterspiel eine ganz lange Tradition und einen hervorragenden Ruf hat, die Messlatte noch einmal ein ganzes Stück höher gehängt. Wieviel Teamarbeit hier ineinander spielt, wurde beim Gruppenbild mit allen auf und hinter der Bühne Tätigen deutlich. (Foto: Simone Schölch)

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