700 Jahre Wagenschwend

700 Jahre Wagenschwend
700 Jahre Wagenschwend

Am Unser Bild zeigt (v.li.) Ortsvorsteher Sebastian Preidl, Wolfgang Frankhauser, Lara Brauch und Gerhard Schäfer. (Foto: Klaus Brauch-Dylla)

Chronik einer wechselvollen Geschichte

Wagenschwend. (bd) Zu einem fundierten historischen Vortragsabend im Rahmen des 700-jährigen Dorfjubiläums kamen etwa 100 Besucher:innen zusammen, um sich mit der wechselvollen Geschichte Wagenschwends auseinanderzusetzen. Unter der Leitung von Gerhard Schäfer, dem Vorsitzenden des Heimat- und Museumsvereins, und dem gebürtigen Wagenschwender Wolfgang Frankhauser, der seit vier Jahrzehnten zur Dorfgeschichte forscht und für diesen Anlass aus Dresden angereist war, entfaltete sich ein faktenreiches Panorama von der Römerzeit bis in die Gegenwart.

Von der Grenzanlage zum Rodungsdorf

Die Referenten spannten den Bogen von der frühen Antike bis in die Neuzeit. Bereits im zweiten Jahrhundert nach Christus hinterließen die Römer ihre Spuren auf der heutigen Gemarkung; der Odenwald-Limes mit den Wachturmstellen 10/46 und 10/47 verlief direkt durch das Gebiet.

Nach dem Rückzug der Römer und der Zeit der Völkerwanderung setzte im Hoch- und Spätmittelalter die gezielte Besiedlung ein.
Die offizielle Geburtsstunde des Ortes markiert das Jahr 1326. Im Lehenbuch des Würzburger Hochstiftes wurde „Wachengeschwende“ erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsname weist auf eine Rodungssiedlung hin, die vermutlich auf einen Siedler namens „Wacho“ zurückgeht.

Zerstörung und Wiederaufbau

Ein düsteres Kapitel der Ortsgeschichte bildete der Dreißigjährige Krieg. Nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahr 1634 wurde auch Wagenschwend vollständig zerstört und blieb über vier Jahrzehnte unbewohnt. Erst ab 1674 begann die Wiederbesiedlung, unter anderem durch Schweizer Mennoniten und pfälzische Kolonisten, die das Dorf mühsam neu aufbauten.

Soziale Not, „Sittenlosigkeit“ und Auswanderungswellen

Besonders eindringlich schilderten die Vortragenden die soziale Not des 19. Jahrhunderts. Durch Missernten und die Agrarkrise (1845–1855) verarmte die Bevölkerung zusehends. Zeitgenössische Quellen, die im Vortrag zitiert wurden, zeichnen ein düsteres Bild: Der Limbacher Pfarrer Vierneisel konstatierte damals erhebliche „Demoralisation“., dass „das Elend und die Verderbnis […] insbesondere in Wagenschwend in einem so hohen Grade vorhanden“ sei.

Hunger trieb viele Bewohner in die Kriminalität; 1842 standen 25 Bürger unter polizeilicher Aufsicht, weitere 14 verbüßten Haftstrafen in Zuchthäusern von Bruchsal, Mannheim und Heidelberg.

Sogar das Großherzogliche Bezirksamt sah sich 1850 genötigt, gegen die „Sittenlosigkeit“ und das „uneheliche Zusammenwohnen“ im Dorf einzuschreiten. Die Verzweiflung war so groß, dass der Gemeinderat 1842 dem Badischen Ministerium gar den Verkauf der gesamten Gemeinde anbot, um den verbliebenen Bauern eine geschlossene Auswanderung nach Nordamerika zu ermöglichen, und dort – ohne die Armenlast des Dorfes – neu zu beginnen.

Auch wenn der Verkauf unterblieb zwang bittere Armut rund 140 Einwohner – einen erheblichen Teil der damaligen Bevölkerung – zur Auswanderung nach Amerika, Brasilien oder Russland.

Zeitzeugnisse der Auswanderung

Ein emotionaler Höhepunkt des Abends war die Lesung von Originalbriefen Wagenschwender Auswanderer durch Lara Brauch. In originaler Schreib- und Ausdrucksweise vermittelten die Briefe die Härte des Neuanfangs in der Ferne („Williamsburch“/New York).

So schrieb Apolonia Heß 1853 an ihre Mutter: „… ich muß Euch Schreiben daß man in Amehrika sehr hart Arbeiten muß denn hier darf man nicht Spatzzieren gehen wer hier nicht Arbeiten will der soll in Deutschland bleiben“.

Ein weiteres Dokument, die Bittschrift von Katharina Schimmel aus dem Jahr 1854, verdeutlichte das familiäre Leid der Migration: Sie flehte die Behörden an, ihr in Deutschland zurückgelassenes Kind nachkommen zu lassen: „Ach wie oft reden wir von ihm, wir hatten jetzt Brod für unser liebes Kind wenn es doch auch bei uns were.“

Stabilisierung und Modernisierung

Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine Konsolidierung ein. Meilensteine wie der Bau der heutigen Kirche Hl. Kreuz (1870), des Schulhauses (1892) und die Gründung zahlreicher Vereine – darunter der Radfahrverein Wanderlust (1910), der Musikverein Eintracht (1928) und der Sportverein (1929) – zeugen vom erstarkenden Gemeinschaftssinn. Auch technische Infrastruktur hielt Einzug: 1906 wurde für das gesamte Dorf eine Wasserversorgung eingerichtet, 1921 wurde das Dorf an das Stromnetz angeschlossen.

Mit dem späteren Ehrenbürger Anton Damm stellte Wagenschwend einen eigenen Reichstagsabgeordneten der katholischen Zentrumspartei.

Nachkriegszeit mit großem Bevölkerungszuwachs

Nach dem Zweiten Weltkrieg, dem 40 junge Männer des Dorfes zum Opfer fielen und der mit der Schießerei im Gasthaus Linde am 24. Februar 1945 auch im Dorf eine Tragödie mit vier Toten, darunter die polnische Zwangsarbeiterin Hanka Szendzielarz, auslöste, stand die Gemeinde vor der Herausforderung, über 190 Heimatvertriebene zu integrieren, was die Einwohnerzahl sprunghaft ansteigen ließ.

Die 1954 unter Pfarrer und späteren Ehrenbürger Ottmar Volz erfolgte Gründung der katholischen Landjugend, gemeinsam mit Balsbach, war eine Vereinsneugründung, aus der Dutzende Ehen entstanden.

In der Nachkriegszeit entwickelte sich Wagenschwend zudem zu einem bedeutenden Standort für die Viehzucht und Milchwirtschaft; die Gemeindebullen des Ortes errangen regelmäßig staatliche Auszeichnungen.

Wagenschwend heute

Den Abschluss des Vortrags bildete der Blick auf die jüngere Geschichte, geprägt durch die Eingemeindung nach Limbach im Jahr 1973 und die kontinuierliche Ortsentwicklung. Mit dem Abschluss des Glasfaserausbaus im Jahr 2023 ist der Ortsteil technologisch für die Zukunft gerüstet.

Und er verfügt mit dem 1998 eröffneten Museum und seinem rührigen Vorstand über eine Institution, die beispielgebend die Erinnerung an die wechselhafte Lebensrealität auf dem Winterhauch nahebringt, wofür den Referierenden großer Applaus gezollt wurde.

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