Solidarität in Zeiten der Krise

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  Mit Bürgermeister Roland Burger gedachten die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat bzw. deren Stellvertreter in der Gedenkstätte der Synagoge dem 09. November 1938, an dem auch in Buchen der millionenfache Mord am jüdischen Volk die ersten furchtbaren Schatten vorauswarf. (Foto: pm)
Buchen.  (pm) Der 09. November wird oft als „Schicksalstag“ der Deutschen genannt. Auf die Ereignisse 1918, 1938 und 1989 beziehen sich Feier- und Gedenkstunden.

Auch in Buchen wird seit vielen Jahren an oder um diesen Tag dem unheilvollen Geschehen des 09. November 1938 gedacht, der Pogromnacht, in der in vielen deutschen Städten Synagogen angegriffen und zerstört und jüdische Mitbürger bedrängt, gedemütigt, festgenommen, ihre Geschäfte geplündert und getötet wurden. Diesem brutalen Verbrechen folgte der Holocaust mit dem millionenfachen Mord am jüdischen Volk.

Die Corona-Pandemie hat die würdevolle Feier verhindert, zu der in den vergangenen Jahren meist die Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie, Prof. Dr. Dr. h.c. Eveline Goodmann-Thau und der Geschäftsführer der Akademie, Dr. Christian A. Bauer, gekommen waren, um ergänzend in Schulen zu gehen und Vorträge zu halten. Ganz ohne Gedenken sollte dieser wichtig Tag aber nicht verstreichen; Bürgermeister Roland Burger hat wegen des Grundsatzes der Kontaktminimierung nur die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, Dr. Harald Genzwürker (CDU), Martin Hahn (Freie Wähler) und Klaus Lampe in Vertretung für Johannes Volk (SPD/Grün-Links. Bündnis für Buchen) zur Gedenkstätte der Synagoge eingeladen, um mit ihnen der Buchener Opfer des Nationalsozialismus, die wegen ihres jüdischen Glaubens oder im Rahmen der Euthanasie als „unwertes Leben“ ermordet wurden, zu gedenken.

Erfreulicherweise hatten Bürger das besondere Datum nicht vergessen und legten am Gedenkstein und entzündeten tagsüber Kerzen und legten kleine Steine ab, eine jüdische Sitte, die Anteilnahme bezeugt.

In einer schlichten Veranstaltung verlas der Bürgermeister Burger die Namen von Jakob Mayer und Susanna Stern, die sich schon vor der Deportation nach Gurs im Oktober 1940 das Leben genommen hatten oder erschossen worden waren und die der 20 Buchenerinnen und Buchener, die den Weg ins südfranzösische Lager und damit oft direkt oder indirekt in den Tod antreten mussten. Weitere sechs jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger waren schon aus Buchen weggezogen, wurden aber ebenfalls nach Gurs verschleppt.

Es folgten 18 weitere Namen von Menschen, die als psychisch krank oder behindert und damit als „unwertes Leben“ galten. Auch sie wurden aus Buchen und den heutigen Stadtteilen in Tötungsanstalten wie das berüchtigte Grafeneck oder Hadamar deportiert und dort ermordet.

In Anlehnung an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hob Bürgermeister Roland Burger hervor, dass es wichtig sei, keinen Schlussstrich zu ziehen und nicht in das alte Verdrängen zurückzufallen. „Nicht die Erinnerung an die Vergangenheit ist eine Last. Zur Last wird sie, wenn wir sie leugnen“, zitierte Burger das Staatsoberhaupt.
 

Aus Jerusalem hatte Prof. Eveline Goodman-Thau eine Botschaft nach Buchen gesandt:
„Heute feiern wir den 09. November-Gedenktag in besonderen Umständen: Es gibt in diesen Zeiten eine Bedrohung, die uns alle trifft und betrifft.

Einer der bewegendsten Momente der jährlichen Gedenkveranstaltung in Buchen sind für mich die Begegnungen mit Ihnen im kleinen Kreis unten im Tauchbad der ehemaligen Synagoge, wo wir allen Opfer – Juden und Nichtjuden – im Gedenken die letzte Ehre erweisen.

Die Rabbinen sagen im Talmud: „Gott ist das Tauchbad Israels.“ Das Tauchbad ist der Ort, wo wir gemeinsam durch den Akt der Erinnerung eine Reinigung der Seele erleben, ein Gefühl der Betroffenheit und des stillen Zusammenseins im Wissen über das Geschehene. Wir fragen uns immer: Was gibt es aus der Geschichte zu lernen?

In diesem Jahr ist diese Frage ganz akut geworden, weil die Geschichte der ganzen Welt in diesem Jahr eine gemeinsame ist: Die Geschichte der Corona-Pandemie.
Das tödliche Virus COVID-19 trifft uns alle: Alte und Junge, Reiche und Arme, Mächtige und Untertane. Er schließt uns alle – nolens volens- in einen Kreis der Betroffenheit und wir fragen uns: „Wie, warum, wohin, wie lange, was zu tun … ?“ Und hier geschieht der menschliche Durchbruch: Nicht das Versprechen eines Impfstoffes oder Heilmittels verspricht den Durchbruch, sondern die Soldarität, die Empathie, die Verantwortung des Einen für den Anderen.

„Wer einen Menschen rettet, rettet eine ganze Welt.“, heißt es in der jüdischen Tradition.  
Es sind eben nicht die Zahlen, die das Ausmaß der Krise zeigen, sondern das Maß des Mitgefühls und die Verantwortung, welche jeder einzelne von uns auf sich nimmt für das eigene Wohl und für das Wohl seiner Mitmenschen.

Die Antwort auf die Frage „Bin ich meines Bruders Hüter?“ (Gen 4,9) muss in Zeiten der Krise das laute Wort „Ja“ der Solidarität sein.
Auf ein gesundes Wiedersehen im nächsten Jahr in Buchen!
 

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