Prähistorische Axt im Hebammenhaus

von Liane Merkle

Unser Bild zeigt von links: Ottmar u. Birgitta Hofmann, M.A. Joachim Neumaier mit der Steinaxt, Ingrid Mißler, Helmut Kegelmann.

Großeicholzheim. Wie gut es ist, wenn man nicht so schnell mit dem Wegwerfen ist, wurde deutlich, als Helmut Kegelmann vom Verein „Großeicholzheim und seine Geschichte“ die Expertise über „einen historisch wertvollen Fund“ erhielt, der gar nicht so wertvoll aussah.

Birgitta und Ottmar Hofmann hatten schon vor rd. 20 Jahren das ehemalige Hebammenhaus Wetterauer erstanden und ausgeräumt. Dabei fanden sie einen schön marmorierten Gegenstand mit einem sehr akkuraten Loch in der Mitte, der Birgitta Hofmann so gut gefiel, dass sie ihn als Briefbeschwerer aufhob.

Doch nach Eröffnung des Heimatmuseums im Wasserschloss entdeckte ihr Mann dort in der Vitrine ein ähnlich aussehendes Teil, das als Steinbeil beschrieben war – und schon war sie ihr schönes Dekostück los. Allerdings war das Ehepaar Hofmann selbst neugierig, was der eigens beauftragte freiberufliche Archäologe M.A. Joachim Neumaier alles herausfinden würde. Der Fachmann war durch Aufträge des Buchener Bezirksmuseums und des Osterburkener Römermuseums bereits bestens mit der Materie vertraut, wie sein Bericht zur „Jungsteinzeit im Bezirk“ im Heimatblatt „Der Wartturm“ zeigte.

Seiner speziellen Expertise zu der 15 Zentimeter langen, 4,5 cm dicken und 5,3 cm breiten nahezu unbeschädigten Steinaxt mit 2,8 cm Bohrlochdurchmesser ist folgendes zu entnehmen:
„Ebenso wie das schon länger bekannte Beil ist auch dieses aus Serpentinit gefertigt, einem Grüngestein, welches aus dem Spessart, dem Thüringer Wald, dem Fichtelgebirge oder der Oberpfalz importiert werden konnte. Man hat ganz gezielt ein Gestein grüner Färbung ausgewählt, um den damals in unserem Raum nur schwer erhältlichen und damit teuren Rohstoff Kupfer zu imitieren. Die auffällige Maserung geradezu zur Verwendung gerade dieser Steinbrockens ein.

Der Studie ist folgende Prämisse zur Terminologie voranzustellen. Der Prähistoriker bezeichnet mit ‚Axt’ ein Schneide- oder Hiebgerät mit Schaftloch, während ‚Beil’ ein solches ohne diese Vorrichtung meint; die Größe spielt hingegen keine Rolle bei der Klassifizierung (K.-H. Brandt 1967). Die Archäologen haben all den verschiedenen Axt- und Beilformen zweckdienliche Funktionen zugeordnet. Anders als die ‚Schuhleistenkeile’ der Bandkeramiker der älteren Jungsteinzeit, so benannt aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Arbeitsgerät der Schuhmacher, dienten Flachbeile wie diese nicht als Werkzeuge oder Waffen, sondern fungierten vielmehr als Würdezeichen von Personen, die innerhalb der Dorfgemeinschaft bzw. den diese bildenden Familienverbänden eine herausragende Stellung innehatten (Familienoberhäupter, Häuptlinge, Dorfvorsteher oder Priester).

Die Schneide zeigt keine Abnutzungsspuren, sondern ist scharf geschliffen. Dieser Umstand weist ebenso wie bei dem anderen Beil auf eine Grabbeigabe hin und weist für das Bauland einmal mehr auf eine erheblich höhere Siedlungsdichte als bisher angenommen hin, besonders was das Jung- und das Endneolithikum angeht.

Der Umstand, dass die Axt in einem Bauernhaus der Neuzeit aufbewahrt wurde, legt eine ganz bestimmte Deutung nahe: die Verwendung als ‚Donnerkeil’. Das deutsche Wort ‚Donnerkeil’ bezeichnet im etymologischen Wortsinn den Keil, die Waffe des Gottes Donar; dem entspricht das englische ‚thunderbolt’. Die Volkskunde bezeichnet mit diesem Begriff vorgeschichtliche Steingeräte, die in späterer Zeit als Amulette gegen Blitzschlag besonders in landwirtschaftlichen Anwesen.

Damals – im 18., 19. und wohl auch noch im frühen 20. Jahrhundert – war unter der ländlichen Bevölkerung der Glaube weitverbreitet, dass Blitze beim Aufschlag versteinerten. Folglich sah man in Objekten wie diesen, von denen wir heute wissen, dass es sich um vorgeschichtliche Artefakte handelt, keineswegs von Menschenhand geschaffene Gebrauchsgegenstände sondern quasi steingewordene Blitze. Eine Variante dieser Glaubensvorstellung ist, dass die Steinbeile zwar selbst (keine Blitze waren) aufgrund ihrer jenen in der langgestreckten Form gleichenden Form geeignet waren, die gefürchteten Himmelszeichen zu bannen. Abwehrkräfte maß man auch bestimmten Fossilien, nämlich den Belemniten wegen der langgestreckten Gestalt und den Ammoniten bei, in denen man aufgerollte Blitze erkennen wollte.

In all diesen Fällen spricht die Volkskunde von Analogiezauber. Die Idee hinter der analog-magischen Vorstellung ist, dass man mit etwas Ähnlichem, einem Abbild oder Symbol, auf das einwirken könne, was mit dem Abbild oder Symbol dargestellt ist, in unserem Falle einem Blitz.“ Ingrid Mißler dankte als 2. Vorsitzende des GusG ebenso wie Helmut Kegelmann dem Ehepaar Hofmann für seine Umsicht und die Übergabe des Fundes, der beim Museumsfest am 11. September ab 14 Uhr der breiten Öffentlichkeit näher vorgestellt wird.

Des Weiteren erwarten die Besucher an diesem Tag Planwagenfahrten mit historischen Führungen durch Großeicholzheim, Laubsägearbeiten für Kinder, die Kunst des Seildrehens und des Mostens. Und möglicherweise gibt es bis dahin auch erste Erkenntnisse über die Reibesteine, die Rainer Kampfhenkel gefunden hat.

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