Von der Streuobstwiese zum Apfelbrand

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Waldbrunn. (mh) Im Rahmen der Waldbrunner Mostwochen fand gestern eine Wanderung über die Streuobstwiesen rund um Mülben statt. Fachkundiger Führer war Gerhard Neureither, der sich im Rahmen seines Engagements beim NABU Waldbrunn, aber auch als Lehrer viele Jahre lang mit dieser speziellen Odenwälder Kulturlandschaft befasste.

Zu Beginn der Wanderung bemerkte der Naturschützer, dass bereits der Vater des Dichterfürsten Schiller, Johann Kaspar Schiller, im Jahr 1776 die Bedeutung der Obstbaumzucht für den Menschen erkannt hatte. Laut Schiller verschafft die Baumzucht nicht nur einen „angenehmen Teil der Nahrung“, vielmehr gereichen Obstbäume bzw. Streuobstwiesen laut Schiller „zur Zierde eines Landes, zur Reinigung der Luft, zum Schutz und Schatten für Mensch und Tier und in vielen anderen Dingen zum trefflichen Nutzen“, ließ Neureither seine Zuhörer an über 200 Jahre altem Wissen teilhaben.

In seinen weiteren Ausführungen, die der NABU-Ehrenvorsitzenden immer wieder an verschiedenen Apfel- und Birnbäumen  erläuterte, stellte Neureither heraus, dass es sich bei Streuobstwiesen um sogenannten „Kultur-Biotope“ handelt. Dies bedeute, dass der artenreiche Lebensraum ohne Betreuung durch den Menschen keinen dauerhaften Bestand habe, weshalb es für den NABU von großer Bedeutung sei, dass die Mostwochen sich dieses Themas angenommen haben. Nur durch Pflege der landschaftsprägenden Wiesen, könne man den Lebensraum für die über 1.000 verschiedenen Tier- und Pflanzenarten erhalten. Je nach Alter beherbergen extensiv bewirtschaftete Streuobstwiesen bis zu 2.000 Tier, berichtete der Experte seinen staunenden Zuhörern.

Vom Mittelalter bis etwa 1945 habe der Mensch den Odenwald  Landschaft in dieser Form genutzt. Seither habe die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft für einen massiven Rückgang der Streuobstwiesen gesorgt. Apfel und Birne wurden zu Industrieprodukten, die auf intensiv gepflegten Buschobstplantagen produziert wurden. Die Marktbereinigung infolge der EU-Harmonisierung habe zu einer Bereinigung und damit zu einem Verlust an Obstbaumarten geführt. Der wachsende Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten tat ein Übriges, da das Interesse an einer Selbstversorgung mit Obst und selbstproduzierten Getränken wie Apfelsaft und Apfelmost schwand. So wurden in der Folge keine neuen Hochstamm-Obstbäume gepflanzt, was zu einer Überalterung des derzeitigen Bestands führte.

Der NABU versuche gemeinsam mit anderen Mitstreitern diese unheilvolle Entwicklung abzumildern. Daher vermittle man seit vielen Jahren Obstbäume an Privatpersonen, aber auch Landwirte, die erkannt hätten, dass der Erhalt der Odenwälder Landschaft aus vielerlei Gründen erstrebenswert ist. Durch Schulungen zu Obstbaumschnitt, Herstellung von Saft und Most seien weitere Schritte, denn ohne Nutzen gebe es keinen Schutz, so Gerhard Neureither. Vonseiten des NABU Waldbrunn seien die Waldbrunner Mostwochen daher eine sehr begrüßenswerte Aktion, das man hier Ökologie und Ökonomie verbinde.

In seinen weiteren Ausführungen ging der Naturschützer auf die 12.000-jährige Geschichte des Kultur-Apfels ein, die in Asien begann. Verschiedene Kreuzungen führten zu den heute bekannten Sorten. Allerdings sei die Artenvielfalt stark rückläufig, gab Neureither zu bedenken. So waren 1880 weltweit über 20.000 Zuchtarten bekannt, über 2.300 davon in Mitteleuropa. Heute gibt es in Deutschland 1.500 Arten, wovon aber nur 60 Sorten wirtschaftlich Bedeutung haben.


Auf dem weiteren Weg beantwortete Gerhard Neureither viele Fragen zu Veredelung, Blüte, Schädlinge, Voraussetzungen für Neupflanzungen und vieles mehr.

Der Rundgang endete an einer NABU-Hecke, die der verstorbene NABU-Ehrenvorsitzende Peter Edelmann maßgeblich geschaffen hat. Auch dort gab es Apfelbäume, die zwischen den Sträuchern mit ihren Früchten leuchteten und als Nahrung, aber auch als Unterschlupf für viele Insektenarten dienen.

Nach der Fülle an Informationen konnten die Teilnehmer im Gasthaus Engel in Mülben nicht nur zahlreiche Mostspezialitäten kosten. Auch den hauseigenen Most aus dem uralten Gewölbekeller sowie einen Apfelbrand nach Calvadosart durften die Gäste verkosten.

Noch bis zum 16. Oktober finden in Waldbrunn die Mostwochen statt. Neben verschiedenen Leckereien hat die Veranstaltergemeinschaft ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt.

468MW Wanderung

Mit dem NABU-Ehrenvorsitzenden Gerhard Neureihter an der „Peter-Edelmann-Hecke“. (Foto: Hofherr)

Infos im Internet:

www.mostwochen.de

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