Schwerverletztenversorgung ist Teamaufgabe

Beim 7. Odenwälder First Responder Tag stand die Versorgung von Unfallopfern im Mittelpunkt

Die Stadthalle Buchen war beim OFIRTA 2017 mit über 330 Einsatzkräften sehr gut gefüllt. (Foto: Michael Genzwürker)

Buchen. (pm) Über 330 Einsatzkräfte trafen sich am Samstag zum 7. OFIRTA – Odenwälder First Responder Tag – in der Buchener Stadthalle. Rund um die Uhr sind First Responder, also qualifizierte Ersthelfer oder „Helfer vor Ort“ (HvO), in ihren Gemeinden einsatzbereit, um die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken und so ehrenamtlich teils unmittelbar lebensrettende Hilfe zu leisten. Für diese wichtigen Helfer organisieren die Leitenden Notärzte in Kooperation mit dem Förderverein psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im Neckar-Odenwald-Kreis jährlich eine ganztägige Fortbildungsveranstaltung. Dank der Unterstützung mehrerer Sponsoren und vieler engagierter Mitwirkender war die Fortbildung für die Teilnehmer wie immer kostenlos.

Vorrangige Zielsetzung der Veranstaltung ist es, durch gemeinsame Fortbildung verschiedener Fachdienste die Zusammenarbeit bei der Notfallversorgung immer weiter zu optimieren. Ganz wichtiges Element der Veranstaltung war auch der Austausch der Teilnehmer untereinander. Im Rahmen einer Ausstellung unterstützender Firmen und des Fördervereins PSNV konnten zusätzliche Informationen eingeholt werden.

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Eine besondere Würdigung erfuhr das ehrenamtliche Engagement der Helfer durch die Anwesenheit und die Grußworte des OFIRTA-Schirmherrn Landrat Dr. Achim Brötel, Bürgermeister Roland Burger als „Hausherrn“ und Präsident des DRK-Kreisverbandes Buchen sowie das Mitglied des Deutschen Bundestags Alois Gerig. Sie alle betonten den unschätzbaren Wert der rund um die Uhr verfügbaren, gelebten Nachbarschaftshilfe, mit der die Einsatzkräfte bei zeitkritischen Notfällen zur Verfügung stehen. Mehrere Sponsoren hatten Preise gestiftet, sodass die Glücksfeen Pia, Anna und Lea Genzwürker dafür sorgten, dass sich über 100 Teilnehmer über kleine und größere Geschenke freuen konnten.

Dankbar für die vielfältige Unterstützung und begeistert von der stetig wachsenden Teilnehmerzahl mit neuerlichem Rekordergebnis zeigte sich Priv.-Doz. Dr. Harald Genzwürker, Sprecher der Gruppe Leitender Notärzte und Organisator des OFIRTA. „Wir freuen uns, dass so viele Engagierte sich die Zeit nehmen, um sich weiterzubilden.“ Aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland reisten die Teilnehmer an. Besonders würdigte er die Unterstützung verschiedener Sponsoren, des Kreisauskunftsbüros unter Federführung des DRK Hettingen, das sich um die Teilnehmerregistrierung kümmert, und ganz besonders die Leistung der Küchenmannschaft des DRK Ortsvereins Hardheim, die wieder – ebenfalls ehrenamtlich – für das leibliche Wohl der anwesenden Einsatzkräfte sorgte.

Roter Faden der diesjährigen Veranstaltung war die Versorgung Schwerverletzter nach Verkehrs- oder Arbeitsunfällen, aber auch im häuslichen Bereich. Den Auftakt machte Dr. Bernd Gritzbach, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie an den Neckar-Odenwald-Kliniken in Buchen und Mosbach, der unter dem Titel „Lokal handeln, regional denken“ die Strukturen des TraumaNetzwerks Kurpfalz vorstellte, bei dem Kliniken verschiedener Versorgungsstufen zusammenwirken, um eine schnellstmögliche Diagnostik und Behandlung von Unfallopfern zu erreichen. Dies beinhaltet auch Vorgaben für die Ausstattung und die Ausbildung des Personals, die in den Krankenhäusern Buchen und Mosbach im Rahmen der Zertifizierung als lokales bzw. regionales Traumazentrum dokumentiert wurden. Besonders lobte er die enge Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften vor Ort, den Rettungsleitstellen sowie den beiden Universitätsklinika Heidelberg und Mannheim.

Ganz praktische und praxisnahe Tipps und Hinweise bot der Stuttgarter Notarzt und Fachautor Dr. Ralf Schnelle, der in seinem Vortrag „ABC im Mittelpunkt“ die wichtigsten Erstmaßnahmen beim Traumpatienten darstellte. A wie Atemweg, B wie (Be-)Atmung, C wie Circulation sind die Grundlage moderner Ausbildungskonzepte mit dem Ziel, die richtigen Prioritäten zu setzen. Mit zahlreichen Bildern rief er die Einsatzkräfte dazu auf, am Notfallort sehr aufmerksam zu sein – und zwar im eigenen Interesse ebenso wie hinsichtlich der Beachtung wichtiger Grundsätze bei der Versorgung lebensbedrohlich Verletzter.

Oberfeldarzt Dr. Björn Hossfeld von der Sektion Notfallmedizin des Bundeswehrkrankenhauses in Ulm zeigte unter der Überschrift „Stop the bleeding!“, welche aktuellen Ansätze zur Behandlung schwerer Blutungen zur Verfügung stehen. Erfahrungen aus militärischen Einsätzen ebenso wie die Auswertungen von Anschlägen führten dazu, dass in den letzten Jahren grundsätzliche Änderungen bei der Ausbildung und Ausstattung der Rettungskräfte erfolgten. Wurde beispielsweise „Abbinden“ vor wenigen Jahren noch extrem kritisch bewertet, gehört die fachgerechte Unterbrechung der Blutversorgung an Armen oder Beinen mit sogenannten Tourniquets mittlerweile zu den wesentlichen Ansätzen zur Verhinderung des Verblutens bei Schwerstverletzten. Großen Wert legte er auf die korrekte Ausbildung und Anwendung für entsprechende Maßnahmen.

Priv.-Doz. Dr. Tim Viergutz, Anästhesist am Universitätsklinikum Mannheim und stellvertretender Leiter des Luftrettungszentrums Christoph 53 stellte in seinem Vortrag „Vom Winde verweht“ dar, wie die Zusammenarbeit mit der Luftrettung optimal gestaltet und koordiniert werden kann. Der Rettungshubschrauber könne zwar sehr schnell transportieren, doch müsse gerade bei Schwerverletzten sorgfältig abgewogen werden, ob nicht mit einem Rettungswagen die geeignete Klinik ähnlich schnell oder nicht sogar schneller erreicht werden könne. Er betonte die Sicherheitsaspekte bei der Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften vor Ort: „Es gibt definitiv keinen Grund, sich einem Rettungshubschrauber zu nähern, während der Rotor läuft“, warnte er vor vermeidbaren Risiken.

Teamwork stand im Mittelpunkt der Ausführungen von Andreas Hollerbach, dem Vorsitzenden des Kreisfeuerwehrverbandes Neckar-Odenwald-Kreis. Er lobte die gute Zusammenarbeit zwischen den Rettungsdiensten und Feuerwehren, die sich dem gemeinsamen Ziel der Lebensrettung verschrieben haben. Unter dem Titel „Sichern und befreien“ stellte der dar, wie moderne technische Rettung laufen soll, sparte aber auch nicht mit Hinweisen auf Erschwernisse und Beeinträchtigungen durch die Besonderheiten der Einsatzsituation wie auch die technischen Entwicklungen der Automobilindustrie. Zentraler Aspekt für die gemeinsame Arbeit sei eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten, gerade auch um Risiken für die eingesetzten Rettungskräfte zu minimieren.

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Nicht nur dem PNSV-Team sprach der nächste Referent mit seinem Vortrag „Wenn ein Pflaster nicht reicht …“ buchstäblich aus der Seele, als er betonte, dass Hilfsangebote nicht erst nach belastenden Einsätzen, sondern bereits in der Vorbereitung und Ausbildung gemacht werden sollten. Oliver Stutzky aus Donaumünster von der Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen e.V. ermunterte die Einsatzkräfte und diejenigen mit Führungsaufgaben in den Hilfsorganisationen, auf sich selbst und auf die anderen Helfer zu achten. Gespräche untereinander seien ebenso wichtig wie ein „unaufgeregter“ Umgang mit schwierigen und belastenden Erlebnissen durch die Nachsorgedienste. Hervorragend sei die Organisation der Hilfe im Neckar-Odenwald-Kreis aufgestellt, da sich Fachleute aus verschiedenen Bereichen engagieren und damit ein Grundverständnis für die verschiedene Sicht von Rettungsdienstlern und Feuerwehrleuten mitbringen.

Als Sprecher der Leitenden Notärzte im Neckar-Odenwald-Kreis widmete Priv.-Doz. Dr. H. Genzwürker sein Abschlussreferat „Den Mangel verwalten …“ den Besonderheiten bei der Bewältigung eines MANV, also eines Massenanfalls von Verletzten. Am schwierigsten sei der Wechsel von der Alltagsebene, also einer Situation, in der sich mehrere Helfer um einen Notfallpatienten kümmern, zur Ausnahmesituation, in der ein Helfer plötzlich mehrere Patienten betreuen soll. Solche Situationen entstehen dabei gerade im ländlichen Raum aber bereits, wenn zwei voll besetzte PKW zusammenstoßen, nicht erst beim Bus- oder Zugunglück. Den Eigenschutz der eingesetzten Hilfskräfte betonte auch er und ging auf die im August 2017 veröffentlichten „Hinweise für die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr bei Einsätzen im Zusammenhang mit Terror- oder Amoklagen“ des baden-württembergischen Innenministeriums ein. Zum Veranstaltungsende lud er die Teilnehmer zum nächsten OFIRTA am 24.11.2018 ein und dankte nochmals allen, die in irgendeiner Form zum Gelingen dieser Fortbildungsveranstaltung beigetragen haben.

Infos im Internet:

www.ofirta.de

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