Mosbacher engagiert sich in Afrika

Auf einer Infoveranstaltung in Kagutu für Kleinbauern (von links) John Kityo, R. Neumann (SES), Vorsitzender Kasimbazi, HUDERES Chef Derick Katunzi. (Foto: privat)

(pm) Entwicklungsminister Müller forderte 2018 in einem Zeitungsinterview die deutsche Wirtschaft auf zu mehr Engagement in Afrika auf. Der SES (Senioren Experten Service) in Bonn tut das seit mehreren Jahren im personellen Beratungsbereich. Er sendet Senioren aus Wirtschaft, Verwaltung und Technik (nicht nur) nach Afrika. Kürzlich war es der 8.000. Einsatz.

Einer davon ist Rainer Neumann aus Mosbach, der zum dritten Mall in Folge der NRO (Nicht-Regierungs-Organisation) HUDERES in Karagwe, Tansania, 110 km westlich des Victoriasees für einen Monat hilft. Im Vertrag zwischen SES-Bonn (eine gemeinnützige GmbH) und HUDERES steht Neumanns Arbeitsauftrag: die angefangenen Geschäfts- und Fundraising-Strategien weiter zu entwickeln und zu optimieren. In einfacher Sprache heißt das: „Kleinbauern im Karagwe Distrikt packt die Hacke und baut fleißig Chiasamen an. Dann erlöst ihr etwa 1.250.000 TSH pro Hektar und das zwei Mal im Jahr (ergibt etwa 1.000 Euro). Auch Ziegenhaltung könnte euren Lebensstandard in den abgelegenen Weilern mit Fleisch und Milch verbessern. Und anfallender Ziegenmists verbessert als organischer Dung eure Chia-Produktion.“

HUDERES kauft Chia zum Festpreis auf und vermarktet das Lifestyle-Produkt über Uganda nach Dänemark und in die EU. Die über 1.000 Bauernfamilien in den Dörfern des Kreises sind mit der NRO als Mitglieder verbunden. Sie erwarten weitere Dienstleistungen im Bereich Ziegenhaltung, nachhaltiger Energie und Wassermanagement. Hierfür erarbeitet das Team von HUDERES die Pläne in einem kleinen Büro in der Kreisstadt Kayanga und stellt Anträge, füllt Formulare aus, um Fördermittel bei Stiftungen (z.B. Erbacher in Kleinheubach am Main) zu erhalten.

Senior-Experte Neumann unterstützt die elf Büro-Mitarbeiter nicht nur im Funding (Fördermittel-Beschaffung) sondern vereinbart Termine mit kirchlichen Hilfs-Organisationen, kontaktiert NROs und bereitet ein Crowd-Funding (Spendenaktion online) vor zusammen mit den tansanischen Mitarbeitern: Frauen soll es ermöglicht bekommen durch Ziegenhaltung ein eigenes Einkommen zu erzielen. Zu finden auf der Crowdfunding Plattform www.leetschi.com Give-a-Goat-take-a-Goat. Neumanns weiße Haut hilft HUDERES manchmal in wichtigen Angelegenheiten, da Weiße (Wazungu) unabhängiger auftreten können und als unbestechlich gelten. Dafür darf er sich zum Feierabend wie ein Zootier fühlen, wenn die Kinder im Ort ihn ständig „Mzungu“ rufen, grinsend zusammenlaufen und ihn begaffen.

Im Büro leitet Neumann u.a. einen einheimischen Landwirtschaftsberater an, wie man einen Business Plan für eine Farm aufstellt, eine Voraussetzung bei Banken, wenn Kleinbauern einen Kredit haben wollen. Für einen Energie sparenden Kocher – nicht größer als eine PKW Felge – muss im Internet ein Bauplan gefunden werden. Für ein Frauenprojekt „Spende-eine-Ziege“ ist ein formeller Antrag bei der Stiftung „Umverteilen“ zu stellen.

Aus den drei kleinen Büroräumen von HUDERES schallt oft fröhliches Lachen. Neben der Arbeit erzählt man gerne von heutigen Glanztaten und Geschichten aus alten Zeiten. Bis 1963 war Karagwe (großes Kreisgebiet) ein Königreich – Nachbar des Sagen umwobenen Buganda. Noch im 18. Jh. baute man dem verstorbenen König ein Haus, sperrte 50 Rinder und 5 junge Frauen in das Grundstück und ließ alle verhungern. Kagera, ein Quellfluss des Nils durchfließt das Gebiet. Die etwa 5000 Einwohner große Kreisstadt Kayanga ist das Einkaufs- und Verwaltungszentrum für die umliegenden Weiler. Frauen bieten auf dem Markt ihre Ernte an: (Koch)Bananen, Ananas, Kohl, Paprika, Bohnen und Mais. Ein neuer Besucher durchstreift das Gewirr der Gänge und Stände nur schwer. Aus allen Ecken ruft es „Karibu“ (Willkommen, kauf was bei mir).

Von den lang-hornigen Rinderherden, die ab und zu auf den staubigen Landstraßen anzutreffen sind, landen einige Tiere bei den Metzgern. Die bieten nur Gemischtes (Knochen, Sehnen, etwas Fleisch) oder Steak (Fleisch und Sehnen) an. Ein Zerlegen der Tiere, wie wir es kennen,ist unbekannt. Schweinefleisch („kiti moto“ – heißer Stuhl) ist etwas tabuisiert aber erhältlich.

Busse verbinden von Kayanga aus nach Uganda und die Großstädte Tansanias. 1994 flüchteten Tausende von Flüchtlingen während des Bürgerkriegs in Rwanda auch in die Region und bürdeten den Menschen große Versorgungs- und Umweltlasten auf. In den letzten Jahren kamen Flüchtlinge aus Burundi dazu. Es ist erstaunlich wie gelassen die Menschen vor Ort mit diesen Herausforderungen umgehen – trotz der eigenen armseligen Verhältnisse.

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