Karnele – Weltfremde Richter

In Zusammenarbeit mit der in Steinbach lebende Autorin Nele Tabler erscheint die Kolumne “Karnele” in unserem Magazin. Darin widmet sich die Autorin, die durch ihren Karnele – “Blog über Lesben und lesbisches Leben, Feminismus und Alltagswahnsinn” bundesweit bekannt geworden ist, künftig dem “normalen Alltagswahnsinn” im Odenwald und darüber hinaus. Passend zum Wahnsinn, wird es keine Regelmäßigkeit und thematisch keine Vorgaben bzw. geben.

Heute geht es Nele Tabler um:

Weltfremde Richter und Mannheimer Lösungen

Toni und Chris sind zwei nette Menschen. Sie lernen sich kennen, sie verlieben sich ineinander, sie lieben sich, sie ziehen zusammen. Klein-Toni wird geboren und drei Jahre später kommt Klein-Chris zur Welt. Fast wie im Bilderbuch, eine glückliche Familie mit zwei Kindern. Doch eines Tages läuft es nicht mehr so gut in der Beziehung, es gibt häufig Streit und gerade als Klein-Toni eingeschult wird und Klein-Chris in den Kindergarten kommt, trennt sich das Paar.
Chris zieht aus und die Kinder bleiben bei Toni. Oder Toni zieht aus und die Kinder bleiben bei Chris. Ich habe bewusst das Geschlecht der beiden offen gelassen. Denn für den folgenden Ablauf ist es vollkommen egal, ob es sich um Anton und Christiane oder Antonia und Christian oder Anton und Christian oder Christiane und Antonia handelt. Wichtig ist nur: In der Regel geht bei einer Trennung eine Person und die andere bleibt bei den Kindern. Der Einfachheit halber entscheide ich mich jetzt für: Toni bleibt, Chris geht.

8 ½ – 9 Stunden am Tag verbringt Toni am Arbeitsplatz, ganz genau wie Chris. Es gibt es Menschen, die erreichen ihre Firma in fünf Minuten zu Fuß. Doch laut den Arbeitsagenturen und entsprechenden Gerichtsurteilen sind durchaus auch Anfahrtswege von bis zwei Stunden zumutbar. So dramatisch muss es ja nun nicht sein, die beiden brauchen für den Hin- und Rückweg jeweils eine halbe Stunde.

Spätestens nach zehn Stunden hat Chris also Feierabend. Toni erst nach elf, schließlich muss morgens Klein-Chris in die Kita gebracht und Klein-Toni bei der Schule abgesetzt werden. Und das geht nicht ganz so schnell, wie unbedarfte Kinderlose sich das häufig vorstellen. Da ist nichts mit Autotür auf, Kind raus, Autotür zu und weg. Ich habe das einmal mit meinem Sohn gemacht – allerdings war an diesem Tag der Kindergarten geschlossen. Glücklicherweise hat die Bildzeitung davon nie Wind bekommen, sonst hätte man mich sicher als Rabenmutter der Nation gebrandmarkt. Und nicht zu vergessen: abends sollte man die Kinder auch tunlichst wieder einsammeln.

Während Chris gemütlich vor dem Fernseher hockt oder sich mit Freunden in der Kneipe trifft, verbringt Toni »Qualitätszeit« mit dem Nachwuchs. Kocht was zu essen, schmeißt die Wäsche in Waschmaschine, liest eine Gutenacht-Geschichte vor. Organisiert Arzttermine und ärgert sich über den Religionslehrer, der Klein-Toni mit einer schlechten Note gedroht hat, weil das Heft auch nach zwei Tagen noch nicht mit einem lila Umschlag verhüllt ist.

Die Richter des Bundesgerichtshofs halten das für eine gerechte Aufgabenverteilung. Schließlich zahlt Chris ja Unterhalt für die Kinder, dann kann Toni ruhig auch was tun, scheinen sie zu denken. Heutzutage ist die Kinderbetreuung doch gar kein Problem mehr. Ab 2013 besteht sogar ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Schluss mit nur halbtags arbeiten und danach stundenlang faul auf der Couch rumliegen. Von der »Mannheimer Lösung« für diesen Rechtsanspruch scheinen die Herren beim BGH noch nichts gehört zu haben: Um Krippenplätze anbieten zu können, wurden einfach die Hortplätze gestrichen. Im neuen Schuljahr stehen in der Quadratestadt geschätzte 500 – 1000 Kinder nach Schulschluss auf der Straße.

Manchmal da überkommt es mich und ich sehne mich nach einem Baby. So einem kleinen Wesen, das ich herzen und knuddeln kann. Vor Kurzem erst ist Gianna Nannini Mutter geworden, obwohl sie sogar noch ein paar Monate älter ist als ich. Gelegentlich ein verführerischer Gedanke, dennoch wäre das aus vielen Gründen keine Option für mich. Also gerate ich in diesen sentimentalen Momenten in Versuchung, zum Telefonhörer zu greifen und meinen Kindern unmissverständlich nahe zu legen, endlich ihre Kinderplanung in Angriff zu nehmen. Schließlich hat mich neulich erst ein Dreijähriger als »alte Oma« tituliert. Und ganz bestimmt würde ich sofort damit anfangen, Söckchen und Mützchen zu stricken.

Doch mit klarem Kopf und bei einer realistischen Sicht auf die Zustände kann ich ihnen eigentlich nur empfehlen: Solange derart weltfremde Urteile gefällt werden und Stadtverwaltungen zu solchen Tricks greifen, lasst das mit dem Kinderkriegen besser sein!

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1 Kommentar

  1. „In der Regel geht bei einer Trennung eine Person und eine andere bleibt bei den Kindern.“

    Als geschiedener Mann und Vater eines Kindes, mit mehr als nur der eigenen Erfahrung im Gepäck, teile diese Regelannahme nicht.
    In der Regel geht ein Elternteil nicht aus freien Stücken vom gemeinsamen Kind fort, sondern es erfolgt zunächst eine räumliche Trennung vom Partner.
    Die Trennung dieser Person vom Kind unterliegt diversen individuellen Motivationen, die zu diversen Ergebnissen führen.

    Wenn Toni z. B. selbst und für sich begründet, dass Toni als vormals Gebärende ein natürliches Anrecht auf die fortgesetzte Betreuung des gemeinsamen Kindes hat, führt dies zu einem Dialog oder einer direkten Handlung. Diese muss nicht im Einvernehmen getroffen worden sein.

    Die Möglichkeiten wachsen mit der Zeit und sich angeeignetem Wissen, ab der ursprünglich partnerschaftlichen Trennung.
    Was Nele hierzu „entscheidet“, kann nur als richterliche Willkür verstanden werden.

    Nele hat sich gegen Chris und für Toni entschieden.
    Aber war diese Entscheidung klug, sinnvoll, am Kindeswohl orientiert?

    Als geschiedener Mann und Vater eines Kindes, mit mehr als nur der eigenen Erfahrung im Gepäck, komme diesem Fall nicht mit „Einfachheit“ in der Entscheidung zu einem Ergebnis.

    Und mit Einfachheit hat auch das hier behandelte Versäumnisurteil des BGH nichts zu tun.

    Was mich zu einem zynischen Fazit verleitet, ist:
    Auch in der als ach so tolerant verkauften Welt, der schillerndsten aller queeren Regenbogen, werden die „anderen“, „familienfernen“ Elternteile wie übel riechender Abfall aus dem Gesamtkomplex entsorgt und zu reinen Geldautomaten degradiert.

    Ralph Steinfeldt (VafK, LK Harburg)

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