Zeitzeugengespräch zum Nationalsozialismus

„Weiße Rose“-Mitglied Franz Josef Müller begeisterte HSG-Oberstufenschüler

Von Bastian Richter und Jasmine Krug

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In der Heidelberger Friedrich-Ebert-Gedenkstätte trafen sich Schülerinnen und Schüler der Geschichts-Neigungskurse des Hohenstaufen-Gymnasiums mit dem NS-Widerstandskämpfer Franz Josef Müller zu einem Zeitzeugengespräch. (Fotos: p/Christian Jung)

Eberbach. Ende September 2011 nahmen die Geschichts-Neigungskurse der 12. und 13. Klasse des Hohenstaufen-Gymnasiums (HSG) Eberbach unter Leitung von Studienrat Dr. Christian Jung und Oberstudienrat Bernhard Schell an einem Zeitzeugengespräch in der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg teil. Der 87-jährige Franz Josef Müller erzählte dabei aus seiner Zeit als Schüleraktivist in der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Franz Josef Müller wurde 1924 in Ulm als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Durch den katholischen Pater Eisele, welcher ihm und einigen wenigen weiteren Jugendlichen Religionsunterricht erteilte, wurde ihm der Widerspruch der nationalsozialistischen Reden aufgezeigt und er begann, kritisch über das NS-Regime nachzudenken. Darin sieht er den Ursprung für seinen Widerstand.


Mit seiner recht humorvoll erscheinenden Art berichtete er, mit welchen Methoden er sich dem Dienst der HJ entziehen konnte. Der sehr neugierigen, nationalsozialistisch eingestellten Hausmitbewohnerin fiel auf, dass er immer zu Dienstzeiten ohne Uniform aus dem Haus ging, was jedoch verboten war, da der Dienst als Gesetz galt und auf dessen Verstoß Jugendarrest folgte. Um sowohl dieser Strafe, als auch dem Dienst zu entgehen, hatte Franz Josef eine clevere Idee: Bei der Anmeldung für die Feuerwehr der HJ in seiner ihm gut vertrauten Schulsporthalle, nahm er seine Karteikarte, mit welcher er bei der HJ als registriert galt, und gab vor auf Toilette zu müssen. Stattdessen schlich er sich zu den Umkleidekabinen und entkam durch ein offenes Fenster.

Durch diesen, nicht ganz ungefährlichen Trick, war er in keiner Kartei mehr registriert, da er bei der HJ ausgetragen und bei der Feuerwehr der HJ noch nicht eingetragen war. Nach einiger Zeit flog sein Entkommen jedoch auf und Zivilbeamte der Gestapo (Geheime Staatspolizei) standen vor seiner Tür, um ihn festzunehmen. Da er ihnen seine schriftliche Einberufung zum Reichsarbeitsdienst vorzeigte und ein älterer Polizist ein Auge zudrückte, kam er mit viel Glück ein weiteres Mal davon. In der Folge unterstützte er die Flugblattaktionen der „Weißen Rose“ rund um das aus Ulm stammende und in München studierende Geschwisterpaar Sophie und Hans Scholl, indem er in einer Ulmer Kirche mit seinem Freund Hans Hirzel deren NS-kritischen Flugblätter vervielfältigte und bei der Postversendung half.

Als er sich durch einen Unfall beim Äpfel-Pflücken den Fußknöchel zweimal brach, wurde Franz Josef von einem angesehenen Chirurgen als „marschierunfähig“ ausgewiesen und hatte somit einen weiteren Grund, um sich dem, von ihm selbst als „blödsinnig“ bezeichneten Wehrdienst kurzfristig zu entziehen. In Frankreich kam es nach der Einberufung jedoch zu seiner Festnahme, welche nach der Folterung von gefangengenommenen Weiße-Rose-Mitgliedern der Gestapo erfolgte, die nach der Festnahme mit anschließender Hinrichtung der Scholl-Geschwister durchgeführt wurde. Hierbei kamen die Namen Hans Hirzel und Franz Josef Müller heraus.


Am 19. April 1943 kam es zum Prozess gegen den Zeitzeugen, bei welchem er zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Auf Grund des nahenden Kriegsendes musste er jedoch nur knapp zwei Jahre verbüßen. Franz Josef Müller wurde während seiner Haft mehrfach in andere Gefängnisse verlegt. Seine letzte Station war das Jugendgefängnis in Heilbronn. Als die US-Armee vor Heilbronn stand, wollte man vermeiden, dass die Gefangenen dem Feind in die Hände fielen. Also nahm man diese mit und wollte gemeinsam mit ihnen in die sogenannte „Alpenfestung“ ziehen. Auch wollte die Gefängnisleitung den Alliierten keine Nahrung hinterlassen und nahm die Tiere des gefängniseigenen Bauernhofs mit.

Als diese nicht mehr weiterlaufen konnten, wurde er, so Franz Josef Müller ironisch, zum „Führer der Kühe“ ernannt. Er war von da an für die Tiere verantwortlich und bekam zwei Mitgefangene seiner Wahl zur Verfügung gestellt. Er entschied sich für seinen Freund Hans Hirzel und einen französischen Gefangenen. Die Tiere, und mit ihnen auch deren Betreuer, wurden aufgrund ihrer langsamen Geschwindigkeit zurückgelassen. Anschließend wurden die drei Jugendlichen von einem NS-Bürgermeister zur Übergabe eines nahegelegenen Dorfes aufgefordert, worauf Müller nach dem Einmarsch der Amerikaner endlich wieder nach Hause kam.

Auf die von einem Schüler gestellte Frage, ob er denn die Flugblattaktion bereue, meinte er, dass er darauf stolz ist und es nochmal machen würde. Außerdem fielen mit Hilfe der Royal Air Force weniger Bomben, da diese stattdessen immer wieder Flugblätter der Weißen Rose in Millionenauflage abwarfen, da die Schriften bis nach England gelangt waren. Im Verlauf des Vortrages langweilte sich keiner der Schüler, da Franz Josef Müller immer wieder durch seine humorvolle und fesselnde Erzählweise alle Aufmerksamkeit des Publikums, mit Schülern und Lehrern aus insgesamt vier Gymnasien auf sich zog.

Zeitzeugengespraech zum Nationalsozialismus

Vor der Gedenkstätte. (Foto: privat

© www.NOKZEIT.de


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