Neue Hoffnung für psychisch Kranke

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Johannes-Diakonie rundet „Regionalisierungsprojekt Buchen“ab

(Foto: privat)

Buchen. Lange Anfahrtswege und ein unzureichendes Angebot an Plätzen – das war die bisherige Situation für viele Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im Neckar-Odenwald-Kreis auf der Suche nach einer Tages strukturierenden Heimat. Mit der Eröffnung der Frankenland-Werkstätten in der Carl-Benz-Straße 3 in Buchen hat die Johannes-Diakonie Mosbach diese Versorgungslücke nun geschlossen.

Bislang gab es für chronisch psychisch erkrankte Menschen im Neckar-Odenwald-Kreis nur die ebenfalls unter der Regie der Johannes-Diakonie stehenden Neckar-Odenwald-Werkstätten in Mosbach. Deren Kontingent an Plätzen ist allerdings schon seit Jahren ausgeschöpft. Nun stehen in Buchen weitere 35 Plätze mit einem breit gefächerten Qualifizierungs- und Beschäftigungsangebot zur Verfügung. Speziell als Arbeitserzieher, Sozialpädagogen, Facharbeiter oder Meister mit sonderpädagogischer Zusatzqualifikation ausgebildete Fachkräfte betreuen die dort Beschäftigten, leiten sie an und verantworten auch die Qualitätssicherung in der Produktion.


Der Bedarf an Werkstattplätzen für Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen nehme stetig zu, sagte der geschäftsführende Leiter der Frankenland-Werkstätten (FLW), Joachim Schleicher, und nannte Zahlen: Laut Statistischem Bundesamt gab es zum Jahresende 2009 in Deutschland mehr als 1,3 Millionen Menschen mit zerebralen Störungen, geistigen und/oder seelischen Behinderungen. Die Dunkelziffer ist weitaus höher, da viele Betroffene ihre Schwerbehinderung aus Angst vor Stigmatisierung und Nachteilen nicht anerkennen lassen. Nur ein kleiner Bruchteil sei von Geburt an behindert. Bei allen anderen Menschen trete die Behinderung erst im Laufe ihres Lebens ein, was besonders für psychisch erkrankte Menschen gelte.

Ziel aller Bemühungen sei es, Betroffene dort, wo es möglich sei, wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren, so Schleicher. Dies könne nur über eine schrittweise Integration gelingen: durch Praktika auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, Außenarbeitsplätze bei Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes und Arbeitsplätze in Integrationsunternehmen oder mit Assistenz bei anderen Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes. Schleicher freute sich daher, dass zur Eröffnungsfeier auch zahlreiche Vertreter ortsansässiger Unternehmen erschienen waren.


„Nur wenn Gottes Wort auch Alltagswort ist, mit unserem Leben, unserer Arbeit verzahnt ist, dann lebt es“, sagte Pfarrerin Birgit Lallathin. „So sind wir hier in den Frankenland-Werkstätten bewusst im Alltag angekommen, in der Arbeitswelt. Hier finden Menschen mit psychischer Beeinträchtigung wieder Anschluss an die Arbeitswelt, die ja erheblich mehr bedeutet als Gelderwerb.“ Sinnvoll leben und arbeiten, das solle Sinn und Zweck der begonnenen Arbeit sein.

„Nicht das Produkt steht hier im Vordergrund, sondern der betroffene Mensch“, würdigte MdL Georg Nelius und zollte der Johannes-Diakonie Respekt für ihre Leistungen rund um den Menschen. Landrat Dr. Achim Brötel kam auf das „Regionalisierungsprojekt Buchen“ zu sprechen, das mit der Eröffnung der Frankenland-Werkstätten abgerundet wurde – nach erfolgreicher Realisierung des Wohnheims „Zum Kleinen Roth“, der Erweiterung der Buchener Werkstätten und dem kontinuierlichen Ausbau dezentraler Wohnstätten. Freude über die Ansiedlung der FLW auf dem Gelände der Firma Dosch mitten im Industriegebiet IGO drückte Beigeordneter Dr. Wolfgang Hauck aus.

„In aller Stille“ habe sich in den vergangenen Jahren unter dem Dach der Johannes-Diakonie ein neuer Arbeitszweig sehr schnell entwickelt, stellte Vorstandsvorsitzender Dr. Hanns-Lothar Förschler fest. Heute sei sie Träger von sieben Werkstätten für psychisch beeinträchtigte Menschen mit 630 Plätzen und damit einer der größten Anbieter in Baden, „was uns auch ein bisschen stolz macht“. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Arbeit für psychisch beeinträchtigte Menschen immer drängender werde und natürlich auch zum Gesamtkonzept der Johannes-Diakonie passe. Sie arbeitet an einem integrierten Konzept der Behindertenmedizin und der Behindertenrehabilitation. Mit den beiden Kliniken für Neuropsychiatrie und für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie den dazu gehörenden Ambulanzen und Tageskliniken macht die Johannes-Diakonie im Akutbereich bereits ein breites Angebot, das in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden soll.

Förschler dankte allen, die bei der Realisierung der Frankenland-Werkstätten mitgeholfen hätten, voran Waltraud Hartmann-Lingsch, Ansprechpartnerin vor Ort, die im operativen Tagesgeschäft sowohl die Frankenland-Werkstätten in Buchen als auch seit Jahren die Neckar-Odenwald-Werkstätten in Mosbach leitet. Hörenswerte Gitarrenklänge von Katharina Kögel, Hannah Bechtold und ihrem Lehrer Jan Pascal Stieber (Musikschule Buchen) rundeten die Feier ab.

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Bei der Einweihungsfeier der Frankenland-Werkstätten in Buchen: (1. Reihe v. li.) Pfarrerin Birgit Lallathin, Vorstandsvorsitzender Dr. Hanns-Lothar Förschler, MdL Georg Nelius, Landrat Dr. Achim Brötel, Geschäftsführer Joachim Schleicher, Vorstand Jörg Huber, Verwaltungsratsvorsitzender Stefan Werner, Verwaltungsrat Dr. Burkhard Kühn, Beigeordneter Dr. Wolfgang Hauck, Waltraud Hartmann-Lingsch, Hubert Hell (ehrenamtlicher Mitarbeiter). (Foto: privat)

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