Karnele – Mädchen wurde Cisfrau

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Die Welt der Geschlechtervielfalt

In Zusammenarbeit mit der in Steinbach lebende Autorin Nele Tabler veröffentlicht NOKZEIT die Kolumne “Karnele”. Darin widmet sich die Autorin, die durch ihren Karnele – “Blog über Lesben und lesbisches Leben, Feminismus und Alltagswahnsinn” bundesweit bekannt geworden ist, künftig dem “normalen Alltagswahnsinn” im Odenwald und darüber hinaus. Passend zum Wahnsinn, wird es keine Regelmäßigkeit und thematisch keine Vorgaben bzw. geben.

Heute stellt Nele Tabler fest, dass sie eine Cisfrau ist:

In meiner Kindheit war die Welt für mich schön übersichtlich. Es gab Frauen, es gab Männer, es gab Jungen und Mädchen, es gab Paare, die aus einer Frau und einem Mann bestanden.

Als Jugendliche geriet ich erstmals ins Grübeln, weil ich es befremdlich fand, wenn von »Schülern« die Rede war und man damit auch mich meinte, obwohl es sich bei mir um eine »Schülerin« handelte. Schließlich verbrachte ich unzählige Stunden damit, Vokabeln und Grammatik fremder Sprachen zu lernen und dabei immer korrekt zwischen Femininum, Maskulinum und Neutrum zu unterscheiden.


Im Laufe des Erwachsenwerdens wurde mir bewusst, dass Paare doch nicht zwangsläufig aus einer Frau-Mann-Kombination bestehen müssen, sondern es auf dieser Welt auch Lesben und Schwule gibt. Im Fernsehen entdeckte ich Männer, die sich nicht nur an Fasnacht als Frauen »verkleideten« und manchmal korrekt, manchmal fälschlicherweise als Transvestiten bezeichnet wurden. Das allmähliche Auftauchen des Binnen-I, das aus den Schülern nun SchülerInnen machte, war für mich eine längst überfällige Korrektur der Sprache. Eine Zeit lang ersetzte ich auch das Wörtchen »man« grundsätzlich durch »frau«. (Heute greife ich darauf nur noch zurück, wenn ich eine weibliche Aktivität ausdrücklich betonen will.)

Mein Sprachschatz erweiterte sich mehr und mehr. Ich lernte zwischen Transvestiten und Transsexuellen zu unterscheiden und begriff, dass Hermaphroditen keine fiktiven Wesen aus der griechischen Mythologie waren, sondern heute Intersexuelle heißen. Die Übersichtlichkeit meiner Kindheit, die schlichte Frauen- und Männerwelt verwandelte sich – ganz besonders in den letzten fünfzehn Jahren – in eine Welt der Geschlechtervielfalt. Die Identität eines Menschen beschränkt sich nicht mehr auf sein (scheinbares) biologisches Geschlecht. Eine ebenso große Rolle spielt das soziale und/oder das psychologische Geschlecht, neudeutsch »Gender« genannt. Aus weiblich/männlich wurden –zig Varianten mit einem eigenen Studiengang, den Gender Studies.

Ich wurde als Mädchen geboren und sollte nach den Regeln und Begriffen der damaligen Zeit zu einer Frau heranwachsen. In den achtziger Jahren wurde aus mir eine »geborene bzw. biologische-Frau«, später eine »genetische Frau«  und neuerdings bin ich eine »Cisfrau«. Das bedeutet, meine Geschlechtsidentität stimmt mit meinem körperlichen Geschlecht überein.


Cisgender, Transgender, Bigender, Transfrauen, Transmänner, Transsexuelle, Crossdresser, Intersexuelle, Drag King, Drag Queen … ab und zu habe ich das Gefühl, den Überblick zu verlieren und in gewissen Kreisen schon beim harmlosen Small Talk über das Wetter in irgendwelche Geschlechter-Fettnäpfchen zu treten. Ein befreundetes Frauenpaar bezeichnet sich selbst als »schwule Lesben«, für mich eigentlich ein Widerspruch in sich. Auch mit dem Begriff »queer« anstelle von schwul, lesbisch, bisexuell, inter-, trans-, pan-, asexuell u.m. als eine gemeinsame Lebensphilosophie kann ich nur wenig anfangen. Was früher mal als Witz gedacht war: »Junge oder Mädchen? – Das soll das Kind selber entscheiden, wenn es größer ist.« wird allmählich von der Normalität eingeholt. In australischen Reispässen steht zum Beispiel neuerdings neben »Frau« und »Mann« auch »X« = für »unspecified« zur Auswahl. Seit 2011 ist in Indien und Pakistan ein drittes Geschlecht juristisch anerkannt und auf Internetseiten kann immer häufiger außer männlich oder weiblich auch eine Angabe wie »weder noch« oder »anderes« gemacht werden. Und das einst so revolutionäre Binnen-I gilt inzwischen bis auf wenige Ausnahmen als trans-, inter- und homophob, denn es spricht nur Frauen und Männer an. Ersetzt wird es durch den »Gender Gap« (Geschlechter-Zwischenraum), einem Unterstrich oder einem Sternchen: Schüler_innen oder Schüler*innen.

Weitere Texte unserer Kolumnistin Nele Tabler gibt es unter: www.karnele.de

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