Seit mindestens 4.000 Jahren besiedelt

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30. Historikertag im Wasserschloss

von Liane Merkle

Landrat Dr. Achim Brötel und Bürgermeister Thomas Ludwig mit den Referenten und weiteren Gästen.

Großeicholzheim. Als gelungene Symbiose zwischen Tagungsort und Veranstaltungsinhalt präsentierte sich der 30. Historikertag in der Tenne des Großeicholzheimer Wasserschlosses mit dem Landratsamt des Neckar-Odenwald-Kreises als Veranstalter und in Kooperation mit der Gemeinde Seckach, dem Verein ,,Großeicholzheim und seine Geschichte“ sowie dem Förderverein ,,Bürgerprojekt Wasserschloss Großeicholzheim“.

So oblag es Landrat Dr. Achim Brötel die Gäste, darunter die beiden profunden Referenten Dr. Helmut Neumaier aus Osterburken und Prof. Dr. Wolfgang Seidenspinner vom Regierungspräsidium Karlsruhe, sowie als Hausherren Bürgermeister Thomas Ludwig und Ortsvorsteher Reinhold Rapp, willkommen zu heißen. Ein besonderer Dank galt Kreisarchivar Alexander Rantasa für seine gelungene Koordination und dem Vorsitzenden des Vereins ,,Großeicholzheim und seine Geschichte“, Günter Schmitt-Haber für seine Führung durch das Schloss und das Museum.

Landrat Dr. Brötel bewertete das ungebrochene Interesse an historischen Themen mit Bezug zur heimischen Region als ein gutes Zeichen. Um die Bedeutung des Tagungsortes den Gästen näher zu bringen erwähnte er kurz die über 15.000 Stunden Eigenleistungen von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Ort bei der Restaurierung des Wasserschlosses, die mit der Auszeichnung ,,Vorbildliche kommunale Bürgeraktion“ durch das Land Baden-Württemberg honoriert wurde. Mit diesem Historikertag fanden auch gleichzeitig die Neckar-Odenwald-Tage 2011 ihren Abschluss.


„Es gehören Kenntnisse über die Zeitgeschichte unseres Raumes dazu um, zu verstehen, wie und warum sich unsere Gemeinden, unsere Kulturlandschaft, unsere Wirtschafts- und Verkehrsstrukturen und auch die Zusammensetzung der Bevölkerung in den letzten Jahrhunderten genau so entwickelt haben, wie sie sich heute präsentieren“, betonte Bürgermeister Thomas Ludwig in seiner Begrüßung.

Gerade die Seckacher Ortsteile Zimmern, Großeicholzheim und Seckach als Zentralgemeinde könnten auf eine besonders lange Geschichte zurück blicken, was die erstmaligen urkundlichen Erwähnungen im Lorscher Codex mit 775, 782 und 788 als Jahreszahlen dokumentieren. Mit Hinweis auf das im Schloss befindliche Museum erwähnte Ludwig auch die Tatsache, dass Fundstücke beweisen, dass es im Übergangsgebiet von Odenwald zu Bauland schon vor mindestens 4.000 Jahren menschliches Leben gab.

Das heimische Kulturzentrum mit Heimatmuseum sei seit September 2008 in Betrieb und sowohl das Museum selbst als auch die schmucke Tenne habe sich bereits als Publikumsmagnet erwiesen.

Über die Bedeutung des Baulands als Reichsritterlandschaft von den Anfängen bis zum Vorabend des 30-jährigen Krieges referierte Dr. Helmut Neumaier. Denn das Bauland galt als größter Kanton der freien Reichsritterschaft und diese wiederum war einzigartig in Europa und reichte vom Bodensee bis zum Westerwald.

Gerade im Bauland war sie so präsent, dass ihr hier jede 2. Hofstatt unterstand. Gegründet wurde sie von den Rittern, die sich weigerten, den „gemeinen Pfennig“ an die Fürsten zu entrichten, weil sie gemäß ihrer Standesphilosophie bereits wichtige Korporaldienste leisten. Doch 1542 gab es mit dem sogenannten „türkischen Pfennig“ einen zweiten Angriff auf die Unabhängigkeit der Ritter. Aus diesem Dilemma retteten sie sich, indem sie ihre Abgabe nach eigenem Ermessen und direkt beim Kaiser „einschütteten“. Man weiß, dass die Herren von Rosenberg zwar mit Abstand die wohlhabendsten im Bauland waren, doch anhand der hohen Wohnkultur der Herrschaftshäuser kann man noch heute den wirtschaftlichen Boom im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts auch bei den Herren von z. B. Adelsheim, Walldürn, Großeicholzheim, Hardheim oder Bödigheim recherchieren.


Hinzu sorgte der Augsburger Religionsfrieden zur einen für eine relativ lange Friedenszeit und erlaubte das Luthertum, dem sich ausnahmslos alle Bauländer Reichsritter anschlossen, als eigenständige Religion. Nach Aussage von Dr. Neumaier waren die Herren damals zwar patriarchalisch streng, aber gegenüber ihren Leuten auch sehr fürsorglich, was sich in einzuhaltenden Dorfordnungen z. B. um Sperrstunden, sonntäglichen Kirchbesuch oder Trinkbegrenzungen deutlich zeigte. Leider lebten die freien Reichsritter aber – mit Ausnahme der Rosenberger – auch deutlich über ihre Verhältnisse und mussten irgendwann als Amtsmänner ihren Fürsten zu Diensten sein.

Fachgebunden weniger emotional beantwortete Prof. Dr. Wolfgang Seidenspinner die Frage, ob das Bauland der Reichsritteraera als Städtelandschaft durchgehen würde mit einem klaren nein. Dennoch ist es aufgrund seiner außerordentlich geringen Funddichte archäologisch interessanter Exponate durch alle Zeiten vorrangig in der Erstellung Archäologischer Stadtkataster als Instrument der Denkmalpflege und Landesgeschichte behandelt worden.

Wie Prof. Dr. Seidenspinner erläuterte, sind im 2. Weltkrieg und in den ersten 20 bis 30 Jahren des Wiederaufbaus durch Unwissenheit, aber auch durch Ignoranz oder fehlender Kapazitäten unglaubliche „Sünden“ an historischer Bausubstanz und Quellen möglicher Funde begangen worden. Erst in den frühen 80-er Jahren habe man der eingehenden Bestandsaufnahme archäologisch interessanter Gebiete mehr Aufmerksamkeit entgegen gebracht und die rd. 300 historisch interessantesten Städte kartografisch erfasst, wobei die archäologisch relevanten Bereiche angezeigt wurden.

Wie so ein Kataster wächst und sich in die verschiedenen Aeren der Historie weiter entwickelt zeigte Prof. Dr. Seidenspinner anhand von Heidelberg, Rosenberg und der Bauland-Ausnahmestadt Osterburken. So viele Funde wie hier – 142 an der Zahl – lassen ein deutliches Bild der Vergangenheit aufkommen. So machte der Referent deutlich, dass ein archäologisches Stadtkataster die Entwicklung einer Stadt nicht verhindern will, sondern im Gegenteil wichtiges Instrument von Städteplanern und Denkmalpflege sein soll.

Wie interessierte das Publikum in der Tenne den beiden Referenten zugehört hatte, zeigte die angeregte Diskussionsrunde im Anschluss, bevor Ernst Frankenbach als Gründungsvorstand von „Großeicholzheim und seine Geschichte“ den Verein und das Museum am Wasserschloss vorstellte und zu den abschließenden Führungen mit Günter Schmitt-Haber, Helmut Kegelmann und Maxi-Monika Thürl einlud.

 

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