Psychosomatik hat lange Tradition

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50 Jahre psychosomatische Klinik Schloss Waldleiningen

von Liane Merkle

Interessierte Zuhörer folgen den Vorträgen.

Waldleiningen. „Bereits im letzten Weltkrieg wurde unsere frühere Sommerresidenz von den Amerikanern als Lazarett übernommen und schon damals auch zur Behandlung psychosomatisch kranker Menschen genutzt.“ Damit habe die Psychosomatik also eine lange Tradition in diesen ehrwürdigen Mauern, erläuterte seine Durchlaucht Andreas Fürst zu Leiningen im Rahmen seiner Begrüßung anlässlich des Tages der offenen Tür zum 50-jährigen Jubiläum der psychosomatischen Klinik Schloss Waldleiningen. Allerdings sei man eben seit einem halben Jahrhundert „erst“ von den Krankenkassen und Rentenversicherungen als Kostenträger anerkannt.

Ganz nach dem Motto „Reha vor Rente“ sollte eine Maßnahme dieser Art frühzeitig angetreten werden, um Rente und Pflege wirklich vorbeugen zu können.

Natürlich wusste der Fürst auch einiges über die Historie des Hauses zu berichten. Erbaut wurde es von 1828 bis 1874, in den 70er Jahren wurde dann das Haus Süd angebaut, und man sei ganz besonders stolz, zum einen auf die Autarkie des Schlosses bei Wasser, Abwasser und Heizung und zum zweiten auf die 102 Einzelzimmer mit eigenen Bädern.


„Wir kennen keine Krankheit, sondern nur kranke Menschen“, ergänzte der neue leitende Arzt Gregor Blömer mit seinem Kurzreferat zum „Thema Burn-Out“. Die Differenzierung sei notwendig, denn die Krankheiten seien so einzigartig wie die Menschen selbst. Und Dr. Blömer plädierte für die Behandlung zuerst mit Worten, dann mit Kräutern und erst ganz zum Schluss mit Medikamenten. Und er warnte davor, die Symptome zu unterschätzen.

„Psychosomatisch Erkrankte haben meist eine Odyssee von sechs bis acht Jahren hinter sich, ehe sie an der richtigen Stelle ankommen.“ Und für nicht wenige sei es dann zu spät, denn der Anteil Suizid gefährdeter Menschen steige ständig. Derzeit ziehen rd. 10.000 Menschen jährlich den Tod der Isolation vor. Fragen wie „Wann haben Sie zum letzten Mal gelacht?“ oder „Leben Sie oder funktionieren Sie nur noch?“ „Haben Sie Schlafstörungen, Depressionen, mangelndes Selbstvertrauen?“ könnten verdeutlichen, ob die Batterie eines Menschen chronisch leer und eine entsprechende Reha angebracht ist.

Und in einer solchen Reha lernen die Menschen dann endlich, eigene Wünsche zu entwickeln, NEIN zu sagen, ihre Situation zu hinterfragen und den Mund aufzumachen. Abschließend empfahl Dr. Blömer den Rat des Philosophen Seneca „Lerne Dich freuen jeden Tag aufs Neue“.


Dr. Paul Schuh erzählte kurzweilig von den ehemaligen Patientinnen Hannelore und Rita, die ihre jeweiligen Handicaps gegenseitig ausgeglichen und damit den ersten Impuls zu dem heutigen Selbsthilfeverein „Das Boot“ gegeben haben.

„Das Boot“ fängt die Patienten nach ihrer Reha ehrenamtlich auf. „Da helfen Gleichgesinnte einander“ und das bringe manchmal mehr als geschulte Therapeuten bewirken könnten, weil man sich eben auf Augenhöhe unterhalte. Dr. Schuh stellte dabei die besonders einsame Lage der Klinik Waldleiningen heraus, die dafür sorge, dass die Menschen aufeinander zugehen, Eigeninitiative in vielen Bereichen entwickeln und sich helfen.

Wie vielseitig die Behandlungsmethoden der Waldleininger Therapeuten sind, davon konnten sich an diesem ganz besonders erfolgreichen Tag der offenen Tür unzählige Interessierte überzeugen. Es war gerade mal 12 Uhr Mittags als die Schlossküche schon über 400 ihrer leckeren Menüs ausgeteilt hatte, und die Schlange beim Kaffee- und Kuchenbüffet der Sozialen Gemeinschaft „das Boot“ wollte auch über zwei Stunden nicht kürzer werden. Dabei wurden auch die offenen Türen in Schloss und Klinik ausgiebig genutzt.

Nachdem der Tag mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Schlosskapelle begonnen hatte, kristallisierte sich der ehemalige Chefarzt Dr. med Stephan Gelbhaar in mehreren Führungen als profunder Kenner der Schlosshistorie und begnadeter Geschichtenerzähler heraus.

In der Turnhalle im Marstall riss der Strom interessierter Bogenschützen nicht ab und gleich nebenan konnte man Einblick in die Kreativtherapie gewinnen. Zur Besichtigung geöffnet waren Badeabteilung und Fitnessraum und was es mit „Genusstraining“ auf sich hat, erläuterte Dipl.-Psychologin Nicole Ring, während ihre Kolleginnen Ruth Brandt-Lipponer und Gerdi Zilling Kostproben von „Muskelrelaxation nach Jacobsen“ und Klopfakkupressur gaben.

So richtig „Dampf ablassen“ konnte man bei Trommel-Therapeutin Gundelinde Banschbach und nicht selten war an diesem Tag zu hören „Egal wie einsam es hier ist, eine Reha hier verbringen zu dürfen, ist ein echtes Geschenk.“




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