Seggemer Schlotfeger prunkten

von Liane Merkle

Der Zwerg Franzi war der Star der Schlotfeger-Sitzung.

Seckach. „Aqua miserable – Seggi verkalkt“, die Bedenken der Schlotfeger um den Erhalt ihres „guten Wassers vom Schwäbischen Meer“ zeigen ihre Auswirkungen bis zur Fastnacht, doch möglicherweise konnte „Zwerg Franzi“ (Schmitt) in ihrer Premieren-Bütt ja einige Bedenken zerstreuen als sie darauf hinwies, „mol ehrlich, die (Aichelzer und Zimmerner) sen a net verkalkter als mir“.

Man wird sehen, welche Vernunft sich nach der fünften Jahreszeit durchsetzt. Bisher halten sich Anzeichen von Verkalkung beim Elferrat noch stark im Rahmen. Die Herren in Rot haben es unter Sitzungsleitung von Christian Schneider sogar erstmals geschafft, ihre 24 Punkte umfassende Prunksitzung als zeitliche Punktlandung durchzuziehen und exakt 00.10 Uhr nach einer bombastischen Show das Finale einzuläuten, dabei gebührte ihr besonderer Dank allen, die zum Gelingen des Abends beigetragen hatten.

Rainer Kampfhenkel für die wieder glanzvolle Gestaltung des Bühnenbildes und Bürgermeister Thomas Ludwig für den Rathausschlüssel. Diese Glanzleistung wurde vom Publikum mit Superstimmung, frenetischem Beifall und unzähligen vierstufigen Raketen belohnt und darüber hinaus mit einer stetig steigenden Zahl an Abordnungen befreundeter Fastnachtsgesellschaften.

Ihre Aufwartung machten in diesem Jahr neben den Aichelzer Schnäischittlern und den Zimmerner Fuggschelöchern Vertreter der Narrenring-FGs aus Götzingen, Hainstadt, Hettigenbeuern, Hettingen, Höpfingen, Merchingen, Mudau, Osterburken und Waldhausen.

Die Seggemer Schlotfeger hatten keine Kosten und Mühen gescheut. So begann den Reigen der Büttenreden keine geringerer als der Waldhausener Ortsvorsteher Dieter Weber als „ein Mann mit Berufserfahrung“. Und die war wirklich vielschichtig. So ganz nach dem Motto „Wer nicht wir und wer nichts kann, der geht zur Bahn, wer da auch nichts wird, der wird Wirt und wer dazu nicht nur zu faul, sondern auch zu dumm, der geht ins Ministerium“. Genau das sei sein großes Ziel und mittlerweile stünden die Chancen in Berlin dafür ja gar nicht schlecht. Vor allem, weil er keinen Hauskredit benötige und fort sei er auch schon gewesen.


Wolfgang König von der FGH 70 Höpfemer Schnapsbrenner hatte dagegen so einiges von seinem Klassentreffen zu berichten. Vor allem erinnerte er sich an sein Lieblingsfach Deutsch und wusste, dass es Muttersprache heißt, weil der Vater zuhause nichts zu sagen hat. Verwirrt war er allerdings ob der Tatsache, dass der Minirock männlich, das weibliche Geschlecht sächlich und die lange Unterhos weiblich sind.

Als „Jäcke zur See“ wußten Simone Brick & Alexander Disloe von den Külsheimer Brunnebutzer so einiges über Tee mit und ohne Rum sowie einen nicht sehr trinkfesten Kapitän zu berichten, bevor Franziska Schmitt das Seggemer Ortsgeschehen aus der Sicht des „Zwerges Franzi vum Hohe Berg“ zu Gehör brachte und ihr Debüt mit mehr als nur einer Rakete belohnt wurde.  Dabei fragte sich der aufmerksame kleine Beobachter, ob die Elferräte um Christian Schneider wohl nur zur Deko auf der Bühne sitzen, wusste aber auch ganz genau, dass der Bürgermeister so fleißig ist, dass er schon fast in seinem Rathausbüro übernachtet. Doch war ihm dessen Redlichkeit bedeutend lieber als das Schmarotzertum in der hohen Politik. Was er nicht verstand, war die Empfindlichkeit der Seggemer gegen Zusatzwasser von der Achelzer Höh oder dem Zimmerner Tal. Ein gesundes Mischungsverhältnis würde doch dem gefährlichen Virus im Wasser vom Schwäbischen Meer entgegen wirken, der sofort das Sprachzentrum befällt und den Badischen Genießer schwäbeln lassen würde. Und das gehe doch gar nicht. „Zwerg Franzi“ war ein Hit, auf den sich das Seggemer Narrenvolk auch im nächsten Jahr wieder freuen würde.

Die relativ wenigen Wortbeiträge waren eingebettet in eine Tanzshow, die sich gewaschen hatte. Bei den Gäste-Akteuren war nur die Besten vertreten. Der Gardetanz der Großeicholzheimer „Gruppe Maus“ (Trainerin Jasna Wild) hatte schon in der Schnäischittler-Sitzung für bewundernde Lachsalven gesorgt. Ebenso die wundersame Verwandlung der Zimmerner Fugschelöcher in „Glamor-Stars“ aus Hollywood, die Trainerin Annika Wahl engagiert bewirkt hatte. Als süsse Versuchung bewiesen sich auch – nicht zum ersten Mal – die Großeicholzheimer „Goweddles“ mit ihrem Banana Boat Tanz nach einer Choreografie von Diana Neureiter. Ein perfekte Vorstellung lieferte das quirlige grün-weiß-rot uniformierte Tanzmariechen Carla Braun der „Heeschter Berkediebe“, deren grazile Gelenkigkeit für Trainerin Diana Schwarz-Berberich eine wahre Freude sein muss. Vor allem nach deren eher akrobatisch anmutenden Team-Choreografie mit Michaela Breunig für das Heeschter Männerballett unter dem Titel „Ritter – die ganze Wahrheit“. Und die fiel – entgegen der Tanzdarbietung – in ein wenig positives Licht.

Fotostrecke zum Artikel [nggallery id=133](Fotos: Liane Merkle)

Als weiteres tänzerisches Highlights entpuppten sich die Dumbocher Turmspatze mit ihrem farbenfrohen „Sunshine after the Rain“ (Trainerinnen Katinka Moser und Selina Neugebauer), der zu Recht verlauten ließ „I’m singing in the rain“. „Sindbad der Seefahrer“, seine Räuber und 1001 Nacht zauberte die Männerauslese Walldürn (Trainerinnen Silke Trunk und Stefanie Pfeiffer) mit vielen kräftezehrenden akrobatischen Elementen auf die Bühne. Für brodelnde Stimmung sorgte zwischendurch Playback-Spezialist Simon Amend als Wolle Petry bzw. als Jürgen Drews, den das Publikum kaum mehr von den Tischen ließ, auf denen er so gerne tanzte.

Überhaupt spielt das Tanzen seit einigen Jahren in Seckach eine gewichtige Rolle und wird von allen Garden, Gruppierungen und Altersgruppen mit größter Leidenschaft trainiert. Auch der Ideenreichtum der Trainerinnen scheint dabei keine Grenzen zu finden. So pfiffig und sehenswert die Gardetänze von Mini-, Jugend- und Schlotfeger-Garde auch waren, die Trainerinnen Bianca Keller, Tanja König, Laura Haaf, Dunia Danner, Sarah Dziwocz und Carina Heck hatten dabei gleichzeitig auf Tradition und militärisch akkurate Grundhaltung geachtet, die alle drei Garden mit Bravour bewiesen. Doch die Showtänze waren echte Schmuckstücke für die Augen und/oder absolute Brüller.


Angefangen bei den Kleinsten, die zusammen mit Iris Ühlein, Kerstin Köpfle und Helena Alter als kampferprobte und gefährliche Piratentruppe „Schlotis“ die Bühne enterten. Mit bezaubernder Weiblichkeit schaffte das im „Bollywood-Flair“ auch die Juniorengarde zum Stolz ihrer Trainerinnen Olga Schiffmann, Maren und Sarah Herkel. Als „Rivalen der Rennbahn“ präsentierte sich „humorvoll – elegant – schauspielerisch wertvoll“ die Vorstandschaft der FG Seggemer Schlotfeger, die ihre Story von „Wie gewonnen, so zerronnen“ Trainerin Nicole Pfeiffer mit Unterstützung von Sandra Eckl und Kamila Ordiary verdankte.

Das absolute tänzerische Highlight war dabei zweifellos „Schlotfeger on Stage“ oder „Musical mal anders“, das unter Chorografie von Julia Mehl von der schon professionell eingespielten Schautanzgruppe der Schlotfegergarde auf die Bühne gezaubert wurde. Peppig, strahlend und scheinbar mühelos präsentierten die Tänzerinnen Auszüge aus „In the Navy“, „Tanz der Vampire“ und „Cats“. Doch damit nicht genug der Abwechslung.

Das Innovationsteam Julia Mehl und Maren Herkel verwandelte den Schlotfeger-Rat in quengelnde und brabbelnde Riesenbabys in Pampers und Lederjacke, die  „Babysitter-Boogie“ von einst eine ganz neue Dimension verliehen und Lachtränenströme auslösten.

Und mit diesem Highlight leitete ein „Flash-Mob“ zusammen mit Garde und Publikum zu „Ai se eu te pego“ zum grandiosen Finale eines erfolgreichen Abends über. Seggi Helau! Schlotfeger, Helau!

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