Zimmern: Häusliche Gewalt aus der Tabuzone holen

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Zimmern. (lm) Entgegen der oft geäußerten Meinung, der Neckar-Odenwald-Kreis sei „ganz dahinten“, zogen die Verantwortlichen den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen im schmucken Dorfgemeinschaftshaus Zimmern eine gute Woche vor und schafften es mit einem ansprechenden Programm, das heikle Thema erfolgreich aus der Tabu- und Schmuddel-Zone zu holen.

So sah es nicht nur Thomas Ludwig als gastgebender Bürgermeister, der voll des Lobes war über die segensreiche und Mut machende Arbeit des Arbeitskreises „Rote Karte gegen Häusliche Gewalt“ unter Leitung von Susanne Heering in Kooperation mit dem Förderverein des Frauen- und Kinderhauses und Angelika Bronner-Blatz als Beauftragte für Chancengleichheit und Frauenförderung sowie dem Neckar-Odenwald-Kreis selbst. Den genannten sei gelungen, so Landrat Dr. Achim Brötel in seiner Laudatio, ein strukturiertes und unter allen beteiligten Institutionen – dazu gehören auch Polizeipräsidium Heilbronn, Polizeirevier Mosbach, Caritasverband, Diakonisches Werk, Weisser Ring sowie Vertreter der Staatsanwaltschaft und der Ordnungsämter der Gemeinden -vernetztes Verfahren zu entwickeln, das Hilfe suchenden Frauen und Kindern nachhaltig helfen kann. Das größte Problem bei Gewalt gegen Frauen und Kinder sei die große Dunkelziffer, aus Scham, Vertuschung, Ungewissheit und Angst der Opfer. Sehr hilfreich sei die Einführung des Platzverweises gewesen, der den Täter und nicht das Opfer aus dem angestammten Umfeld vertreibt. Um es aber gar nicht so weit kommen zu lassen, „müssen wir alle noch sehr viel sensibler werden und auch bereit sein, unbequeme Wahrheiten deutlich beim Namen zu nennen“.

Mehr Aufmerksamkeit habe man ab 2010 gewonnen durch die Gemeinschaftsaktion mit den Bäckerinnungen Mosbach und Buchen „Gewalt gegen Frauen und Kinder kommt nicht in die Tüte“, die von einem Reigen Informationsveranstaltungen, Filmvorführungen und einer Ausstellung des „Weißen Rings“ begleitet war. Mit der Kabarett-Veranstaltung „Zwist und Zärtlichkeit“ und den exzellent ausgewählten Künstlerinnen Elisabeth Sandel, Gundula Schneidewind sowie Roswitha Scherer-Gehrig und Birgit Dietrich, besser bekannt als MOS-kitos packte man das Thema in Zimmern noch einmal anders an und wurde sehr öffentlich und auch sehr deutlich. Obwohl die Unterhaltung großartig und der Spaßfaktor des Abends unüberhör- und –sehbar war, oder gerade deswegen, führten die humorvollen Darbietungen im sehr gut besuchten Dorfgemeinschaftshaus doch nachhaltig zum Überlegen. Und zu dem festen Vorhaben, genauer hin- und nie wieder wegzusehen.

Musikalisch riefen dazu Gundula Schneidewind mit ihrem „Guck mal wie die Forsythien blühn“ und alle vier Künstlerinnen mit Elisabeth Sandels israelischem Friedenslied „Ja so kann es gescheh‘n, Du wirst es schon sehn, nächstes Jahr wird es wahr“ auf. Nachdem Elisabeth Sandel in ihrem neuesten Lied alle Hilfsorganisationen für Gewaltopfer vorgestellt hatte, zeigten die MOS-kitos überzeugend, wie schnell Konfrontation hochkochen kann bei einer einfachen Autofahrt, einem Spaziergang mit dem Hund oder einem Ausflug mit Kindern, aber auch „wie Frau“ sich mit Hilfe ihrer besonderen Kochkunst helfen kann ohne wirklichen Schaden anzurichten. Gundula Schneidewind bewies als „einfache Bäuerin Martha Henkelmann aus Ostwestfalen“ wie man als Navi-Stimme Karriere macht und wie nützlich sich solche immer sachlich ruhigen Navis auch im ehelichen Haushalt auswirken könnten. Auf jeden Fall besser als jede Schuldzuweisung und jedes VHS-Ehekommunikationstraining. Denn wie Elisabeth Sandel in einem ihrer Lieder betonte, haben Menschen Träume, wohl jeder einen anderen. Darum kam sie zu dem Schluss: „Menschen kann man nicht verstehen, nur lieben“.

So sollte es sein, doch wie Dr. Brötel sehr richtig bemerkte, ist es ein weiter Weg bis z. B. der Arbeitskreis „Rote Karte gegen häusliche Gewalt“, die sich nachweislich durch alle Gesellschaftsschichte zieht, überflüssig werden könnte und das Lied „Guck mal wie die Forsythien blühn“ tatsächlich nur ein schönes Frühlingslied ist und kein Ablenkungsmanöver mehr.

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(Foto: Liane Merkle) 

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