Trotz aller Unterschiede eine Klasse

Landrat Dr. Achim Brötel besucht die Grundschule in Schwarzach / Diskussion über Inklusion

Landrat Dr. Achim Brötel besuchte mit Schwarzachs Bürgermeister Theo Haaf die erste Klasse der Schwarzacher Grundschule, in die eine Außenklasse der Schwarzbach-Schule integriert ist. Im Anschluss diskutierten die Gäste mit den Lehrerinnen über Möglichkeiten der gemeinsamen Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern, über Außenklassen und die UN-Konvention zum Thema Inklusion. (Foto: LRA)

Schwarzach. „Inhaltlich sind wir ganz sicher nicht auseinander“, betonte Landrat Dr. Achim Brötel bei seinem Besuch in der Grundschule Schwarzach, in der seit vielen Jahren sehr erfolgreich eine Außenklasse der Schwarzbach Schule der Johannes-Diakonie integriert ist. Was der Landrat meinte und worin er zweifellos konform ging mit Bürgermeister Theo Haaf, der Rektorin der Schwarzacher Grundschule, Ria Vater, Monika Reimelt von der Schwarzbach Schule und Lehrerinnen beider Schulen, war die Forderung, Kindern eine bestmögliche und individuelle Förderung angedeihen zu lassen. Was für behinderte und nichtbehinderte Kinder gelten muss. Ob und wie das auch gemeinsam in einer Klasse – einer „Inklusionsklasse“ also – geschehen kann, darüber diskutierten die Pädagogen, der Bürgermeister und der Landrat ausführlich.

Zuvor aber erhielt Dr. Brötel die Gelegenheit, sich selber in der ersten Klasse umzuschauen, die derzeit von 24 Kindern besucht wird. Darunter sind sieben Kinder mit unterschiedlichen körperlichen oder geistigen Behinderungen von der Schwarzbach Schule, die damit eine sogenannte „Außenklasse“ bilden. Je nach Fach sind alle Schüler, also die der Grundschule und die der Außenklasse, nach Leistungsfähigkeit in Gruppen aufgeteilt, oft werden aber auch alle Kinder gemeinsam unterrichtet. „Das ist trotz aller Unterschiede eine Klasse, in der einfach nur differenziert unterrichtet werden muss. Aber das ist in „normalen“ Grundschulklassen mit starken und schwachen Schülern ganz ähnlich “, betont Grundschullehrerin Marion Kienzler, die mit weiteren sonderpädagogisch ausgebildeten Kolleginnen von der Schwarzbach Schule die Kinder im Team unterrichtet. Ein großer Vorteil, wie nicht nur die Lehrerin einräumte: „So können wir wirklich differenzieren, die Schüler individuell fördern und uns im Team besprechen “ Mit sehr guten Ergebnissen, nicht nur in der sozialen Entwicklung: Sowohl die starken als auch die leistungsmäßig mehr in der Mitte angesiedelten Schüler arbeiteten in dieser gemischten Klasse besser, erklären die Pädagoginnen. Und die behinderten Kinder würden zu Leistungen befähigt, die sie – trotz aller qualifizierten Förderung – in einer reinen Behinderteneinrichtung in aller Regel nicht erreichen könnten. „Die orientieren sich ganz eindeutig an den Nichtbehinderten, machen viel größere Fortschritte und legen diesen Habitus, der sie als Behinderte erkennen lässt, ganz oft mit der Zeit ab“, erklärte Monika Reimelt.

Dieser Artikel ist mir was wert: [flattr btn=“compact“ tle=“Trotz aller Unterschiede eine Klasse“ url=“//www.nokzeit.de/?p=10568„] Das Modell der Außenklassen ist in Schwarzach sehr etabliert und wird von den Eltern sowohl der behinderten als auch der nichtbehinderten Kinder anerkannt und geschätzt, betonte Bürgermeister Haaf: „Wir haben da praktisch keine Widerstände.“ Was der Landrat auch keineswegs in Frage stellte: „Hier wird ganz hervorragende Arbeit geleistet. Die UN-Konvention, in der die Inklusion gefordert wird, bedeutet aber in ihrer Reinform, dass genau diese gute Arbeit in den Außenklassen gekippt werden müsste. Ich befürchte, da würde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.“ Der Vorstellung, dass einzelne behinderte Kinder nicht in Außenklassen zusammengefasst würden, sondern ihre jeweilige Schule vor Ort besuchen, gewannen die Fachfrauen allerdings – im Gegensatz zum Landrat – durchaus Gutes ab: „Wenn die sonderpädagogischen Fachkräfte der Schwarzbach Schule und anderer entsprechender Schulen vor Ort gingen und die jeweiligen Grundschullehrer unterstützen und auch anleiten, kann das ein großer Gewinn sein.“ Mit „offenen Unterrichtsprinzipien“ könne und müsse auch das bis dato gut laufende Modell der Außenklassen weiterentwickelt werden, betonte Monika Reimelt: „Hin zur echten Inklusion.“

Dem stimmt der Landrat grundsätzlich zu, aber: „Ich kann und will nicht akzeptieren, dass bei der aktuellen Diskussion über die Umsetzung der UN-Konvention die Schwarz-Weiß-Maler den Pinsel führen und uns scheinbar dazu bringen wollen, viele gerade im Interesse der Kinder mit einer Behinderung entwickelte Förderinstrumentarien kurzerhand wieder über Bord zu werfen. Wir haben in Deutschland und ganz besonders in Baden-Württemberg ein ausdifferenziertes, auch nach internationalen Maßstäben hervorragend funktionierendes und letztlich sehr erfolgreiches Sonderschulsystem entwickelt, das auf den ganz speziellen Förderbedarf eines jeden einzelnen Kindes abgestimmt ist und dadurch passgenaue Hilfen ermöglicht. Kindern diese Hilfe zu verwehren, wird ihnen jedoch allenfalls Steine statt Brot geben.“

Dreh- und Angelpunkt, da waren sich die Diskussionsteilnehmer ohne wenn und aber einig, ist eine entsprechende großzügige Personalausstattung: „Nur mit wirklich ausreichend pädagogischem und sonderpädagogischem Personal kann eine „echte“ Inklusion gelingen.“

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