Patienten müssen weg geschickt werden

Offener Brief an Landrat Dr. Achim Brötel Buchen/Mosbach.Nachdem Landrat Dr. Achim Brötel in Zusammenhang mit der Urologischen Belegabteilung an den Neckar-Odenwald-Klinken einige Feststellungen getätigt hatte, erreicht uns heute ein offener Brief des Urologen Dr. Tilo Strittmatter, den wir unseren Leser_innen nicht vorenthalten möchten.

Sehr geehrter Herr Landrat

Zu Ihren Feststellungen betreffend die Urologische Belegabteilung an den Neckar-Odenwald-Kliniken in der RNZ vom 15.4.2014 möchte ich Stellung nehmen.

Diese urologische Belegabteilung besteht seit Jahrzehnten und ist auch eine feste Bank in der Erlössituation der Kliniken. Seit 2002 bin ich selbst Belegarzt, nach drei Jahren intensiver Suche leider ohne Unterstützung der Kliniken konnte Mitte 2009 Herr Dr. med. Peter Breitling als Nachfolger von Dr. Kalogirou in unserer Gemeinschaftspraxis gewonnen werden. Mit Herrn Dr. Breitling wurde  ein fachlich äußert kompetenter, operativ versierter und menschlich integrer Facharzt hier als Belegarzt und niedergelassener Urologe tätig.

Überraschend wurde nach Eintritt des Dr. Breitling dann das von der Klinikleitung fest zugesagte Videosystem für unsere endoskopischen OPs, die ca. 50% aller unserer Eingriffe ausmachen,  nicht angeschafft, letztendlich wurde nach langen Querelen ein Provisorium aus Gebrauchtteilen und z. T. nicht einmal der Medizinischen Geräteverordnung entsprechenden Teilen erstellt, mit dem mein Partner seine operative Tätigkeit aufnehmen musste. Für die Hauptabteilungen konnten im Gegensatz dazu Videosysteme im sechsfachen Eurobereich angeschafft werden.

Durch außerordentlich hohen persönlichen Einsatz wurde durch unsere Tätigkeit im Jahre 2010 der Erlös aus der urologischen Abteilung für die Kliniken auf über eine Million Euro gesteigert. Sie bezahlen uns dabei keinen Cent für unsere Arbeit, Überstunden, Wochenenddienste und eine Vielzahl von Konsiluntersuchungen in der Klinik.

Im Gegenzug dazu wurde die OP-Zeitenverteilung auf Wunsch weniger  Chefärzte als ´´glasklare Unterordnung der Belegabteilung unter die Hauptabteilung´´ willkürlich geändert. Neben einer kompletten Umstellung unserer Sprechzeiten (Umstellung der Praxis-Dienstpläne, Praxissprechstunden, Infoflyer, Beschilderung etc) und unnötigen Kosten führte dies u.a. dazu, dass wir durch eine nachmittägliche OP-Einteilung unsere Kinder-OPs nicht mehr durchführen konnten. Kinder und auch alte Leute können nicht nüchtern bis zum Nachmittag  auf eine OP warten. Diese Entscheidung wurde wegen erwiesener Unsinnigkeit schnell zurückgenommen – Neue Kosten, neue Dienstpläne, neue Flyer etc.

Unsererseits wurde der Einsatz eines modernen Green -Light Lasers zur schonenden Therapie der Prostatavergrößerung angeregt, auf Mietbasis, um eine teure Anschaffung zu vermeiden. Wir haben dazu entsprechende Fortbildungen besucht. Von der Klinikleitung wurde dies als nicht rentabel zurückgewiesen. In fast allen Haupt- und Belegkliniken Deutschlands, wo  dieses Op-Verfahren etabliert ist, ist es ein Gewinn für die Patienten und lohnend für die Kliniken – warum nicht hier? Dieses OP-Verfahren soll auf Wunsch des Gesetzgebers belegärztlich erbracht werden!

Mittlerweile schicken wir bei entsprechender Indikation unsere Patienten  in unsere Nachbarkliniken. Entsprechend wurde auch die Brachytherapie zur Behandlung des Prostatakarzinoms –Herr Dr. Breitling hätte neben der fachlichen Kompetenz auch die Bestellung eines Nuklearmediziners und Physikers organisiert-  als unnötig und nicht lohnend abgetan. Diese Liste ist fortführbar.




Im Folgejahr 2011  und bis jetzt wurden als unmittelbare Folge und Reaktion auf diese Maßnahmen die Erlöse aus der Belegabteilung um zwanzig Prozent gekürzt. Diese Mindereinnahme war der Klinikleitung und den Empfängern der monatlichen Beleg- und Erlösstatistik, auch Ihnen, bekannt und in Zeiten schwarzer Zahlen noch nicht einmal eine Nachfrage wert!

Zur OP-Zeitennutzung möchte ich gerne ein typisches Beispiel benennen,: Am  10.4.14 wurde mir für meine geplanten Operationen  von der Anästhesieleitung eine OP-Zeit bis deutlich nach 16.00 Uhr vorgegeben.  Wie fast immer war ich durch ein engagiertes  OP-Team, kooperativ arbeitende Anästhesie-Leistung und auch meine operative Routine sehr deutlich vor dem angepeilten OP-Tag-Ende fertig. Dass ich somit meine OP-Zeit nicht fülle und mir das zum Nachteil gereichen wird, ist mittlerweile  ein running gag  in der Urologie, den ich nach einem OP-Tag auch häufig anspreche.  Mir ist aber kein Tag bekannt, an dem die Op-Schwestern nach meiner OP-Tätigkeit nicht in der Folge andere OP-Säle und Operateure betreut hätten, was deren Abteilung auch eine Menge Überstunden erspart.

Ich glaube, dass ich durch mein zügiges und durchorganisiertes Arbeiten die Op-Belastung meiner Patienten sehr gering halten kann. Da ich nach meiner OP-Zeit auch eine Sprechstunde abzuhalten habe, kann ich mir ein weniger effektives Arbeiten auch nicht leisten.

Der Kooperationsvertrag mit den Kliniken betrifft unter anderem auch eine Vereinbarung zur Erstellung von Röntgenbildern. Die dazu erforderliche Software wurde seit Vertragsbeginn am 12. Juni 2013 nicht angeschafft.

Ende des Jahres 2013 hat sich das anfangs genannte Video-Provisorium aufgelöst. Über Wochen wurde die Anschaffung eines erneuten Provisoriums oder die letztendlich Neuanschaffung diskutiert, in dieser Zeit haben wir etliche Patienten zunächst vertrösten und dann weiter verweisen müssen. In der Zwischenzeit wurde jetzt  ein Videosystem zur Probestellung eingesetzt, Herr Mischer hat leider in unserem letzten Gespräch die Anschaffung desselben wieder in Frage gestellt.    

Es ist kein Geheimnis, dass Herr Dr. Breitling mittlerweile in einer Zusammenarbeit mit dieser Klink und einer Tätigkeit in dieser Region keine Perspektive für seine berufliche und persönliche Zukunft mehr sieht.

Vertraglich festgelegte Konditionen zur apparativen Ausstattung und Informationsweitergabe betreffend die Belegabteilung sind meiner Meinung nach von den Kliniken nicht ausreichend bedient worden. Weitere Vertragskonditionen haben Sie bereits veröffentlicht.

Ich bedaure diese Entwicklung zutiefst, die mich menschlich trifft und auch meine berufliche Situation außerordentlich belastet. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich dieses Schreiben aus persönlicher Betroffenheit an Sie richte und nicht für andere spreche.

Dr. Tilo Strittmatter

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