Kinder vor schweren Krankheiten schützen

Interview mit Susanne Herberg, Fachärztin für Kinderheilkunde, Jugendmedizin und Kinderpneumologie, Mosbach, im Nachgang zur Europäischen Impfwoche

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Susanne Herberg praktiziert als Fachärztin für Kinderheilkunde, Jugendmedizin und Kinderpneumologie in Mosbach und engagiert sich für einen umfassenden Impfschutz: „Warum sollten wir unsere Kinder nicht vor teilweise schwerwiegend verlaufenden Erkrankungen schützen, wenn wir die Möglichkeiten dazu haben?“ (Foto: lra)

Mosbach. (lra) Anlässlich der Europäischen Impfwoche wurde kürzlich europaweit die zentrale Botschaft vermittelt, dass die Impfung eines jeden Kindes entscheidend ist für die Verhütung von Krankheiten und den Schutz von Menschenleben ist. Zielsetzung war, durch Sensibilisierung für die Bedeutung von Impfungen höhere Durchimpfungsraten zu erreichen.

Zu diesem Thema hat Daniela Müller von der beim Landratsamt angesiedelten Kommunalen Gesundheitskonferenz ein Interview mit Susanne Herberg, Fachärztin für Kinderheilkunde, Jugendmedizin und Kinderpneumologie in Mosbach geführt.

Hat sich das Impfverhalten von Eltern in den letzten Jahren verändert?

Ja, das Impfverhalten und überhaupt die Auseinandersetzung mit Medizin und Krankheit haben sich in den letzten Jahren verändert. Prinzipiell begrüße ich diese Veränderung. Ich bin als Ärztin froh darüber, dass viele Patienten heute nicht einfach alles kritiklos annehmen. Allerdings geht es bei Impffragen häufig nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Impfungen, Impferfolgen und Impfnebenwirkungen. Die Diskussion ist oft von nicht bewiesenen „Hören-Sagen“ Argumenten geprägt.

Seit die schlimmen Folgen einiger Erkrankungen in der Bevölkerung nicht mehr gesehen werden, werden Impfungen bei uns oft nicht mehr als notwendig empfunden. Dort, wo diese Krankheiten noch endemisch sind, wäre eine solche Einstellung unvorstellbar.

Dass in den hochentwickelten Ländern die Kinder- und Säuglingssterblichkeit im vergangenen Jahrhundert drastisch zurückgegangen ist, ist nicht nur der Hygiene, sondern auch den Impfungen zu verdanken.




Welche Impfungen halten Sie für unverzichtbar?

Ich halte alle Impfungen, die von der STIKO (Ständigen Impfkommission) in Deutschland empfohlen werden, für unverzichtbar. Auch wenn einige Krankheiten in Deutschland kaum mehr auftreten, wie z.B. Kinderlähmung (Polio), so ist es dennoch wichtig, dass der Impfschutz für unsere Kinder aufrecht erhalten wird. Durch die weltweite Vernetzung durch den Reise- und Flugverkehr können zurückgedrängte Erkrankungen jederzeit erneut vorkommen. Dies wurde in Syrien sichtbar, als durch den Bürgerkrieg die Impfung für Polio vernachlässigt wurde und erneut Poliofälle von Syrien ausgehend auf andere Länder übertragen wurden.

„Früher haben auch fast alle Kinder die Masern durchgemacht!“ Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Gerade die Masern sind ein gutes Beispiel dafür, warum Impfen für alle Kinder gleichermaßen wichtig ist. Die Masern sind eine hochansteckende Erkrankung. Zwar heilt ein Großteil der Masern folgenlos aus. Gerade bei Masern kommt es oft zu schweren Komplikationen wie Otitis (Mittelohrentzündung), die zur Taubheit führen kann, schwerer Pneumonie (Lungenentzündung) oder es kann zu der gefürchteten Spätfolge einer Gehirnentzündung (SSPE) kommen, die immer tödlich endet.

Als Kinderärztin und vor allem als Mutter zweier Kinder kann ich nicht nachvollziehen, dass man das eigene Kind diesem Risiko aussetzt.

Als niedergelassene Kinderärztin haben Sie täglich mit Eltern zu tun, die vor der Impffrage stehen. Was raten Sie Eltern, die verunsichert sind?

Ich kann durchaus verstehen, dass Eltern bei der heutigen Informationsflut verunsichert sind und ich rate ihnen, diese Verunsicherung gegenüber ihrem Kinderarzt deutlich zu machen, damit er ihnen die Zusammenhänge erklären kann.

Unsere heutigen Impfstoffe werden nur dann zugelassen, wenn sie für sicher, gut verträglich und wirksam befunden wurden. Wir haben in der Medizin nur wenige Medikamente, die so effektiv, sicher und wirkungsvoll sind.

Wie bei allen Medikamenten gilt es den Nutzen und das Risiko der Impfung gegeneinander abzuwägen. Die Risiken, die von einer Erkrankung ausgehen, überwiegen die einer Impfung um ein Vielfaches.

Während meiner Tätigkeit in einer Kinderklinik vor wenigen Jahren behandelte ich Kinder die an Hirnhautentzündungen oder Masern schwer erkrankt waren und mit bleibenden Schäden die Klinik verließen oder gar daran starben. Nach Einführungen der Impfungen gingen diese Fälle rapide zurück. Einen Impfschaden habe ich in meiner ganzen Zeit als Impfarzt nicht gesehen.

Was steht zu befürchten, wenn die Impfquote weiter sinkt?

Ein Absinken der Impfquote wäre fatal. Sinkt beispielweise die Impfquote bei Masern weiter, werden viele Kinder und vor allem Säuglinge, die im ersten Lebensjahr ungeimpft bleiben, erneut an Masern erkranken und die schwerwiegenden Komplikationen von Masern würden wieder verstärkt auftauchen.

Ich rate daher allen Eltern, jede Möglichkeit zu nutzen, den Impfpass ihres Kindes und auch ihren eigenen immer wieder auf Vollständigkeit zu überprüfen. Wir haben kaum Medikamente, die so nebenwirkungsarm sind wie unsere derzeit zugelassenen Impfstoffe. Warum also sollten wir unsere Kinder nicht vor diesen teilweise schwerwiegend verlaufenden Erkrankungen schützen?

 

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