Politik macht Spaß, auch hinter Gittern

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(Foto: pm)

Politikwoche als Werbung für die Demokratie

Adelsheim.  _(bd)_Die Bundestagswahlen im September werfen ihre Schatten voraus. Und ganz gleich, ob man(n) im Gefängnis sitzt oder nicht – „Wahlen gehen alle an!“ dachten sich Tamara Scherer, Freizeitpädagogin des Baden-Württembergischen Jugendgefängnisses, und die Politikwissenschaftlerin Rahel Rude, die für „Teach First Deutschland“ seit 2020 für zwei Jahre im Schulbereich der JVA mitarbeitet. Um das Interesse und das Verständnis der jungen Gefangenen zu wecken und zu steigern organisierten sie zwei Politikwochen, die zur Werbung für die Demokratie wurden.

Ein zum Politik-Raum umgestaltetes Klassenzimmer, das umfangreiche Ausstellungselemente wie auch interaktive Komponenten enthielt, umrahmte elf unterschiedliche Veranstaltungen. Unter dem Motto „bilde dir deine Meinung und beteilige dich“ erfuhren die Insassen aus Betrieben oder Klassen während eines geführten Rundgangs im Politik-Raum wie das politische System in Deutschland aufgebaut ist, welche politischen Parteien es gibt und wie sie auch als Inhaftierte vom Gefängnis aus bei den Bundestagswahlen mitwählen können.

In Workshops, Planspielen, Vorträgen und Diskussionen wurden 150 Insassen politische Themen näher gebracht und zum Mitdiskutieren animiert. So wurden „Unsere Grundrechte – Spielregeln vor und hinter den Mauern“ betrachtet, das „Politische System Deutschlands und die Wahlen“ erläutert, das Erkennen und die Wirkung von „Fake News“ und Verschwörungstheorien in einem Workshop geschult, ein Projekttag gegen Antisemitismus durchgeführt und ein Planspiel zur Flüchtlingspolitik der EU absolviert.

Neben Referenten der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) und anderer Bildungsträger freuten sich die Initiatorinnen, dass sich auch mehrere JVA-Beschäftigte sich für Unterrichtseinheiten zur Verfügung stellten.

Höhepunkt der Veranstaltungsreihe war eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Jugendorganisationen der Parteien. Dominik Kircher vertrat die Junge Union/CDU, Timo Breuninger war der Vertreter der FDP, Arno Meuter vermittelte die Positionen von Bündnis 90/Grüne, und sowie Christoph Veith war von den Jusos/SPD dabei. Die Moderation lag in den Händen der Anstaltsleiterin Katja Fritsche.

Die Nachwuchspolitiker sollten die Aussagen ihrer Parteien zur Bundestagswahl in den Politikfeldern Internationales Wirtschaft, Bildung, Soziales und Digitales erläuterten und sahen sich zahlreichen Nachfragen und Gegenmeinungen des Publikums ausgesetzt. Nach mehr als drei Stunden bescheinigten sie den 30 inhaftierten Diskussionsteilnehmern ein „erstaunliches Frageniveau“ und bemerkenswerte Konzentration und Disziplin.

Das Angebot der Politikwochen, sich sowohl locker austauschen zu können als auch kritisch mit verschiedenen politischen Problemstellungen auseinanderzusetzen, kam bei den Teilnehmern bestens an. „Es war cool über neue Sachen aufgeklärt zu werden und sich seine Meinung zu bilden“, sagte ein Insasse nach einer der angebotenen Veranstaltungen. „Die Politikwoche war echt voll interessant, weil man endlich mal über andere Sachen sprechen konnte als über die alltäglichen langweiligen Gefängnisthemen!“ lobte ein anderer Teilnehmer.

Anstaltsleiterin Katja Fritsche und Ralph Gaukel, Vorsitzender des Anstaltsbeirates, würdigten die umfangreiche Arbeit und den Enthusiasmus, mit dem Rahel Rude und Tamara Scherer die jungen Inhaftierten für Politik und Demokratie zu begeistern versuchten.

„Ihr herausragendes Engagement ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Politik kann Spaß machen – auch hinter Gittern!“ stellte Fritsche anerkennend fest.
Auch außerhalb der JVA fand das Projekt positive Beachtung. Andreas Klaffke, Lehrbeauftragter beim Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte in Heilbronn, war von der Anstaltsleitung die teilnehmende Beobachtung ermöglicht worden.

„Ich habe viel gelernt, Ich finde den Einsatz der Mitarbeiterinnen der JVA für die politische Bildung der Gefangenen ganz großartig. Demokratiebildung ist etwas, das allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung stehen sollte. Für mich als Ausbilder in der Lehrerausbildung war es interessant zu sehen, wie eine in der politischen Bildung eigentlich nicht berücksichtigte Zielgruppe auf Bildungsangebote eingeht, die normalerweise für Schülerinnen und Schüler an Regelschulen angeboten wird.“

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