Vom Schaf zur Wolle

11.05.10

Internationaler Tag für die biologische Vielfalt in Osterburken – Historische Haustierrassen  liefern dem Förderverein Grundstoffe

(Fotos: Adventon)

Osterburken. Nutztierarche, slow-food, Living History-Museum – Begriffe, mit denen viele Menschen nichts anfangen können. Am 15. und 16. Mai gibt es Gelegenheit, die Marienhöhe, die Tiere dort und was man daraus machen kann, kennen zu lernen. Nur wenige Living History Museen gibt es überhaupt in Europa. Die größte Tradition hat das Nacherlebbarmachen in so genannten „households“ und „displays“ in der englischsprachigen Welt. Inzwischen gibt es aber auch in den Niederlanden und Frankreich Museen, die sich vom Nur-Vitrinen-Museum als Konzept verabschiedet haben und nicht Originale im Eigentlichen Sinn sammeln, sondern in denen der Nachbau, am besten mit dem Besucher, im Rahmen experimentellen Lernens im Mittelpunkt stehen. Während diese „heritage industry“ weltweit anerkannt ist, hat man in Deutschland noch Probleme mit der Tatsache, dass Gemeinnützigkeit neben seiner öffentlichen Wirkung auch ein fiskalpolitischer Begriff ist und man Ressentiments gegenüber so genannten kommerziellen Museen pflegt. Wie wertvoll allerdings die Arbeit solcher Erlebnis-Museen sein kann, zeigen neben Einrichtungen wie etwa das Mathematikmuseum in Giessen der Histotainment Park in Osterburken. An acht Stationen wird die Verarbeitung von Schafshaar gezeigt.

Keine Marktbuden, keine Gaukler, kein Entertainment sondern erlebnispädagogische Aufbereitung vor allem des textilen Handwerks stehen an diesem Themenwochenende im Erlebnis-Museum auf dem Programm. Rund ein Dutzend Stationen erklären, wie und was man tun muss, wenn man sich tierische und pflanzliche Rohstoffe als Kleidung zu nutze machen will.

Mindestens zweimal täglich zeigen Michael Wolf und Freddy Grewe wie mit einer geschmiedeten Schere Schafe geschoren werden können, ganz ohne Elektrizität. Das Vlies wird grob gereinigt, zusammengerollt und den nächsten Arbeitsschritten übergeben. Sie erklären das Werkzeug, die Techniken und geben auch Erläuterungen zu den alten Haustierrassen im Museumspark. Holger Lauerer und die Kinder Jakob und Hanna machen derweil Feuer unter den beiden großen Kesseln. Feuerholz muss gehackt und herangetragen werden und das Wasser kommt aus dem Brunnen, direkt beim Kohlenmailer. Hier wird die Wolle ausgekocht, gewaschen und getrocknet, das Lanolin vom Wasser getrennt und als Salbengrundlage und zur Wollrückfettung gewonnen. Ein paar Meter weiter sitzt die 10 jährige Sophie und kämmt die Wollen mit verschiedenen Werkzeugen. Kardieren nennt man das Kämmen mit den Karden, Disteln, die zum Teil zu Bürsten zusammengesteckt werden. Beate Lauerer zeigt, wie man filzt und walkt und so Tuche gewinnen kann, die für alles von Hemd über Hose, von Hut bis Schuh getragen werden können. Ein paar Schritte weiter zeigen Sylvia Winter und Viola Ritzert, wie man einen Faden aus der kardierten Wolle spinnt.  Viola Ritzert ist im Hauptberuf Schneiderin und Bühnenbildnerin an den Theatern in Mannheim und Heidelberg und engagiert sich ehrenamtlich in Sachen Geschichte in Osterburken. Sylvia Winter ist Altenpflegerin in Fürstenfeldbruck und „spinnt“ aus Hobby und mit Leidenschaft. Sowohl das Zwirnen mit der Gewichtsspindel, der Wirtel, als auch am Spinnrad sind eine große Handwerkskunst und Vorraussetzung für die Verarbeitung am Webrahmen. Gezeigt werden dabei Techniken und Gerätschaften als historische Nachbauten von Tischwebstuhl, einfachen Webrahmen, Gewichtswebstuhl, Brettchenweberei und einem großen Sitzwebstuhl. Besucher können dabei die meisten Techniken einüben, nachahmen und ausprobieren. An jeder Station liegt Literatur, die man einsehen oder beim eigens dafür eingerichteten Büchertisch erwerben kann. Wer sich zu fragen nicht traut, kann sich an die ausschließlich für diese „Ausstellung“ gefertigten Tafeln über die Hintergründe und Techniken, die Werkzeuge und deren Geschichte unterrichten.

Eine besondere Kulturtechnik ist das Naal- oder Nadelbinding, die ein-nadelige Vorstufe des modernen Strickens. Magdalena Lauerer und die Museumspädagogin Tina Meyr zeigen diese für heutige Verhältnisse merkwürdige Stricktechnik am Brunnenhaus im Innenhof ebenso wie das Färben der Wolle.

Die Seiler von Adventon sind im richtigen Leben Informatiker und Studenten. Nicht aus Wolle, aber aus Pflanzenfasern fertigen sie Seile und Taue. Die Hanffaser wird dabei als einziges verarbeitetes Produkt nicht in Osterburken oder dem Umland produziert. Weil die Auflagen wegen des Generalverdachtes Rauschmittel zu produzieren so hoch sind, werden in Adventon nur Importfasern zu Seilen verarbeitet.

Das Gelände des Museumsparks ist insgesamt geöffnet, so dass auch den Handwerkern beim weiteren Bau über die Schultern gesehen werden kann: Viola Ritzert und Michael Wolf besuchen mit einer täglichen Führung die Handwerker und geben Erklärungen. Der Tierpfleger erläutert die Geschichte und Vorzüge historischer Rassen und wer Fragen welcher Art auch immer zur Geschichte und zum Museumspark hat, findet ausreichend Gelegenheit auf Antwort. Die Ausstellung „Wasserspiele“ ist ebenso geöffnet, wie das Badehaus, der Spießbürger und das Museumscafé. Der Park ist an allen Ausstellungstagen, Freitag, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Die Museumsgastronomie bei Bedarf jeweils 2 Stunden länger.

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Infos im Internet:
www.adventon.de

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