Höhe- und Wendepunkt der Tour an der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe auf 2.369 Metern. (Foto: Martin Hahn)
Mit 2,5 PS auf die große Passstraße
Eine etwas verrückte Tour für den Sommerurlaub hatte sich der Buchener Fotograf/Fotodesigner Martin Hahn für dieses Jahr vorgenommen. Auf einem Moped mit 50 Kubikzentimeter Hubraum und 2,5 PS ging es über die Passstraße des Großglockners, mit einer maximalen Höhe von 2.369 Metern. Um NOKZEIT-Leser:innen daran teilhaben zu lassen, hat der Mopedfan den folgenden, kurzweiligen Reisebericht verfasst.
Von Martin Hahn
Buchen. „Mit meinem Puch-Moped und 2,5 PS über die Großglockner-Hochalpenstraße – warum nicht?“ Dieser Gedanke geisterte schon seit einiger Zeit im Kopf herum. Nun soll man Gelegenheiten beim Schopf packen, wenn sie da sind. Und wenn man ohnehin nach München fährt, nimmt man einfach die Puch MS 50 auf dem Anhänger mit; von dort sind es dann noch 180 Kilometer nach Bruck am Großglockner.
Eine der beeindruckendsten Panoramastraßen Österreichs
Die Großglockner-Hochalpenstraße zählt zu den beeindruckendsten Panoramastraßen weltweit und ist daher ein vielbesuchtes Ausflugsziel in Österreich. Über 48 Kilometer schlängelt sich die Passstraße hinauf zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Von 800 auf rund 2400 Höhenmeter geht es in 36 Kehren, die mit dem Zweirad am meisten Freude machen.
Mittendrin liegt noch die Edelweißspitze, mit 2571 Metern der höchste Punkt, inklusive Kopfsteinpflaster und zusätzlichen sieben Kehren. Umsonst ist das Erlebnis nicht: PKW zahlen 40 Euro, Motorräder 36,50 Euro, und wenn man die Frage der freundlichen Dame im Kassenhaus „Is des a Fünfziger?“ mit „Ja“ beantworten kann, zahlt man 30 Euro.
Mit „Fünfziger“ ist, das wissen Insider, der Hubraum von 50 Kubikzentimetern gemeint, also ein Moped. Und natürlich etwa 2,5 Liter Sprit auf 100 Kilometer, bei Zweitaktmischung 1:50.
Steigungen, Kehren und Respekt vor den Radfahrern
Apropos Steigung: Die Hochalpenstraße fordert mit bis zu 12 Prozent, die Edelweißspitze mit kurzen 14 Prozent heraus. Für uns Odenwälder ist das fast nichts Besonderes; unsere regionale Mopedschrauber-Teststrecke, die Hornbacher Steige, hat kurzzeitig sogar 18 Prozent. Aber eben nur kurzzeitig. An dieser Stelle also Hut ab vor allen Fahrradfahrern, die sich den Großglocknerpass hinaufgequält haben. Ich bin ja nur auf dem gut gepolsterten Sattel meiner Puch hochgeknattert, die nächstes Jahr 50 wird.
Die Puch MS 50 als Kultobjekt
Zu diesem Thema muss ich ein wenig ausholen: Die Puch MS 50 ist im Mutterland Österreich so etwas wie ein Volksheiligtum, vielleicht ähnlich wie bei uns bei der Generation davor die NSU Quickly oder in Italien seit jeher die Vespa. Nicht umsonst hieß ein Werbeslogan: „Eine Stangl-Puch g’hört in jeden Haushalt.“ Ob in der Stadt, an irgendeinem Parkplatz oder am Berg – überall wird man auf das Moped angesprochen. Das ging schon eine Stunde vor München an einem Autobahnrastplatz los, natürlich von einem Österreicher: „Do host aber a schöne MS 50!“
Diese Typenreihe wurde von 1954 bis 1982 über 880.000-mal gebaut, also 28 Jahre lang, und ist damit das weltweit am längsten gebaute Moped. Die Simson Schwalbe kam auf 22 Jahre. Die liebevoll „Stangl-Puch“ genannte Maschine, wegen des betonten Rahmenkastens zwischen Lenkkopf und Hinterbau, war in ihrem Heimatland allgegenwärtig und mobilisierte jahrelang die arbeitende Bevölkerung und auch die Postzusteller. Entsprechend gab es viele Kosenamen wie „Postler-Moped“, „Schichtler-Moped“ und „Maurer-Bock“. Wichtig im Mutterland: „Puch“ mit weichem P.
Unterwegs im eigenen Tempo
Mit dem Moped fährt man an Gebirgspässen „Buckel nuff“ in einer eigenen Geschwindigkeitsklasse: Fahrräder ohne Strom fahren mit fünf bis zehn, mein Pucherl im ersten Gang von zwei mit 20 km/h, auf der Ebene mit 50 Sachen, und die „richtigen“ Motorräder mit üblicherweise weit über 100 Pferdchen unterm Tank entsprechend schneller. PKW und Reisebusse gibt es auch noch. Ich bin mit meinen zweieinhalb Austria-Pferden ebenfalls sehr gut hochgekommen.
Natürlich wird man von den Bikerkollegen immer euphorisch begrüßt; ob Daumen hoch oder rechter Fuß raus nach dem Überholen – Wahnsinn. Es sind die Menschen, die einen solchen Trip so wertvoll machen. Und ehrlich: Normal mit dem PKW unterwegs kann man so etwas nicht erleben. Ein Familienvater aus Tschechien wollte sich unbedingt mit dem Moped fotografieren lassen, zwei Einheimische mit Oldtimer-Bulldogs der Marke Massey-Ferguson und Wohnwagen an der Ackerschiene waren auf dem Weg nach Italien, der Wiener Puch-Club „Moped-Hetz“ mit einem Dutzend Mopeds war am Start, und dazu kamen unzählige vorwiegend Männer meines Alters, die früher „die gleiche hatten“ oder heute noch herumschrauben und über mehrere, meist Puch, verfügen. Das ist übrigens auch so eine Eigenart bei Oldtimerfans: Die Zahl eins in Bezug auf Fahrzeuge gibt es nicht – es müssen mindestens zwei oder gerne auch mehr sein.
Kaiser-Franz-Josefs-Höhe und der Abzweig nach Heiligenblut
Die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe auf 2.369 Metern ist der beeindruckende End- und Wendepunkt des Passes. Dort warten der Blick auf den Großglockner und den dazugehörigen Rest des Gletschers, ein interessantes Museum mit Fahrzeugen und natürlich Gastronomie. Ach ja, und viele Männer, die auch mal eine MS 50 hatten. Auf dem Rückweg gönnt man sich natürlich noch den Abzweig nach Heiligenblut auf einen Kaffee, 600 Höhenmeter hinunter und auch wieder hinauf.
Fachsimpeln am Berg und kleine Pannen
Auf dem Rückweg winkte mich in einer Kehre ein sympathischer Mitzwanziger aus Österreich heraus, wie sollte es anders sein, ebenfalls auf einer MS 50 in Schwarz. Meine ist die damals in Deutschland sehr beliebte Kombination Beige-Blau. „Die lauft net gscheid, bist du da Berg rauf kemma?“ Klar – aber dann stimmt irgendetwas nicht.
Sein Moped war schon 40 Jahre in Familienbesitz, vom Opa. Ergebnis des Fachsimpelns: Ich würde vermuten, der Auspuff war zu, also mit Ölkohle verstopft; das macht sich vor allem bergauf durch wenig Leistung bemerkbar. Passiert heutzutage durch die modernen Zweitaktöle fast nicht mehr. Eine Reparatur, die am Berg eher nicht zu machen ist. „Dann bleib halt unten“ war mein Tipp, und geh es hinterher an.
Wie ich dann abends an meine Bikerpension komme, steht die schwarze Puch schon da. „Du hast Recht g’habt, Auspuff ist zu, hob’s ausprobiert.“ Wie ausprobiert? „Hab ihn einfach weg g’schraubt, is am Berg dann richtig abganga.“ Mein Einwand, das sei doch ziemlich laut, war ihm wurscht; er hatte Ohrenstöpsel dabei. Die armen Radfahrer.
Im Mopedschrauber-Jargon würde man vermutlich sagen: „Plötzlich abgefallen.“ Der ganze Auspuff lag dann hinten quer auf dem Gepäckträger, die öl- und kohleverschmierte Reisetasche und sein nicht mehr weißes Shirt waren der Beweis dafür. Ja, man muss sich nur zu helfen wissen.
Ich hatte keine richtigen Probleme, lediglich ein unwichtiges Verkleidungsschräubchen ging verloren, und die Lichtbirnchen wollten nicht mehr. Wenn, dann brennen immer beide durch. Das hatte ich aber alles dabei und es wurde sofort am Straßenrand repariert. Damit Oldtimer zuverlässig laufen, sind natürlich auch Pflege und Wartung notwendig – Arbeiten, die regelmäßig mit Freude erledigt werden.
Begegnungen, die in Erinnerung bleiben
Abends in Bruck beim Abklappern der Gasthäuser rief es auf einmal aus einem Biergarten: „Komm zu uns!“ Es waren, wie sollte es anders sein, die zwölf aus der Wiener „Moped-Hetz“. Ein kurzweiliger Abend mit vielen Zweitaktgesprächen war damit garantiert. Und dann war da morgens beim Parken vor der Frühstücksbäckerei die freundliche Dame, die im Vorbeigehen „sehr schön“ sagte – eine Steilvorlage für meine Frage: „Meine Puch oder ich?“ „Beide natürlich.“ Wie gesagt: Es sind die Menschen, die solche Reisen wertvoll und unvergesslich machen.
Puch bleibt Kult
Puch ist nach wie vor Kult im Mutterland Österreich. Es gibt mehrere leistungsfähige Händler, sodass die Ersatzteilversorgung gesichert ist. Natürlich hatten auch wir hervorragende Mopeds, allen voran Hercules, Kreidler und Zündapp, zuvor natürlich NSU und nach der Wiedervereinigung Simson aus den neuen Bundesländern. Im deutschen Fahrzeugportal mobile.de sind aktuell rund 170 Zweiräder bis Baujahr 1990 der vier Westhersteller zu finden, dazu kommen noch etwa 270 Simson. Im österreichischen willhaben.at sind rund 800 Puch-Fahrzeuge im Angebot.
Anm. der Redaktion: Gerne dürfen weitere Leser:innen interessante Reiseberichte zuschicken!





