Landesfamilienpass kaum bekannt

Jugendhilfeausschuss tagte in Fahrenbach

Neckar-Odenwald-Kreis/Fahrenbach. Im Mittelpunkt der Sitzung des Jugendhilfeausschusses des Kreistags stand ein Bericht über die Arbeit der Erziehungsberatungsstellen im Kreis mit dem Schwerpunkt „Anlaufstelle gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“. Zuvor allerdings hatte Fahrenbachs Bürgermeister Jens Wittmann die Ausschussmitglieder und die Gäste im Fahrenbacher Bürgerzentrum willkommen geheißen und einen Einblick insbesondere in die vor Ort laufende Jugendarbeit gegeben.

Landrat Dr. Achim Brötel leitete die Sitzung. „Auch ohne konkreten Anlass möchten wir heute über die tägliche Arbeit der Beratungsstellen berichten. Es soll nicht immer nur um Zahlen und Fakten, sondern auch um die Schicksale der Menschen gehen, die dahinter stehen.“

Tatsächlich wurden vor rund einem Jahr neue Rahmenbedingungen festgelegt, nach denen der Caritasverband und das Diakonische Werk die Gesamtaufgabe Erziehungsberatung, Anlaufstelle gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen und Präventive Fachberatung in Kindertagesstätten im Kreis als Gesamtaufgabe übernehmen. Dafür zahlt der Landkreis einen jährlichen Zuschuss von 560.000,- Euro.

Reinhardt Löhlein vom Diakonischen Werk verwies in seiner Einleitung auf grundsätzlich steigende Fallzahlen. Zudem würden die Beratungen immer zeitintensiver und damit die Wartelisten immer länger, obwohl das in vielen Fällen kaum zu verantworten sei: „Eigentlich müsste das Personal aufgestockt werden.“

Elvira Willy-Schäfer ist eine der Beraterinnen, die nach einer kurzen Vorstellung durch Meinrad Edinger vom Caritasverband aus der Praxis in der Anlaufstelle gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen berichtete. Zu ihr kommen Eltern, Kinder, vereinzelt auch junge Erwachsene, deren Missbrauch zum Teil schon lange zurückliegt. Nicht jeder vermutete Missbrauch bestätigt sich und auch nicht jeder tatsächliche Missbrauch kommt zur Anzeige: „Manchmal wollen das die Betroffenen aus nachvollziehbaren oder auch aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht.“ Das respektiert die erfahrene Sozialpädagogin, die die Missbrauchsopfer auch nicht therapiert, sondern sie begleiten und beraten will mitsamt der Familie oder dem direkten  Umfeld. „Wird ein Missbrauch vermutet oder aufgedeckt, bricht erst mal alles zusammen. Wichtig ist, dass in der akuten Situation sowohl das Kind als auch die Familie aufgefangen und stabilisiert werden und das Kind vor weiteren Übergriffen absolut sicher ist.“ Was manchmal nur in Jugendhilfeeinrichtungen möglich ist. Elvira Willy-Schäfer schilderte am Beispiel einer Elfjährigen, die über viele Jahre von einem sehr guten Freund der Familie missbraucht worden war, den Schock gerade auch bei den Eltern, die das Mädchen immer wieder mit bestem Gewissen dem „netten Onkel“ anvertraut haben. In einem weiteren Beispiel aus dem Kindergarten – „sexuelle Übergriffe unter Kindern auch schon in diesem Alter sind gar nicht so selten“ – schilderte sie ihre Vorgehensweise. „Wir müssen dabei immer den Spagat halten zwischen einer Überdramatisierung auf der einen und einer Bagatellisierung auf der anderen Seite – zum Wohl und zum Schutz aller Kinder, auch derjenigen, die übergriffig wurden“, erklärte sie, die ganz bewusst den Begriff „Täter“ in diesem Zusammenhang vermied.

Die Beratungsstelle ist auch präventiv tätig und steigert damit den Bekanntheitsgrad der Einrichtung: „Betroffene müssen wissen, wie oder über wen sie schnell Kontakt zu uns bekommen könne. Deshalb sind wir auch in Schulen und Kindergärten bekannt.“

Im Anschluss wurde eine Anfrage von Kreisrat Joachim Mellinger (SPD) zur Inanspruchnahme des „Landesfamilienpasses“ im Kreis beantwortet. Diesen Pass samt Gutscheinkarte erhalten auf Antrag Familien mit mindestens drei kindergeldberechtigten Kindern oder mit einem kindergeldberechtigten schwer behinderten Kind oder aber auch Alleinerziehende, die mit einem kindergeldberechtigten Kind zusammenleben. Er berechtigt zu kostenfreiem bzw. ermäßigtem Eintritt in verschiedene Einrichtungen und wurde bisher vor allem in Mosbach beantragt. In anderen Städten und Gemeinden dagegen scheint der Landesfamilienpass kaum bekannt zu sein, ein Umstand, der nach Meinung der Kreisräte vor Ort geändert werden sollte.

Hintergrund:
Mit dem Landesfamilienpass und der dazu gehörigen Gutscheinkarte können Familien, die ihren ständigen Wohnsitz in Baden-Württemberg haben, also auch ausländische Familien, derzeit insgesamt 20-mal im Jahr unentgeltlich bzw. zu einem ermäßigten Eintritt die staatlichen Schlösser, Gärten und Museen besuchen.

Den Landesfamilienpass und die dazugehörige Gutscheinkarte erhält man auf Antrag beim jeweiligen Bürgermeisteramt. Dort gibt es auch weitere Auskünfte über eventuelle kommunale Familienpässe und -ermäßigungen. Der Landesfamilienpass ist einkommensunabhängig.

Die Gutscheine sind beim Besuch der jeweiligen Einrichtung zusammen mit dem Landesfamilienpass vorzulegen. Sie gelten nur für die im Landesfamilienpass aufgeführten Personen.

Einen Landesfamilienpass können folgende Personen erhalten:

  • Familien mit mindestens drei kindergeldberechtigenden Kindern (dies können auch Pflege- oder Adoptivkinder sein), die mit ihren Eltern in häuslicher Gemeinschaft leben,
  • allein Erziehende, die mit mindestens einem kindergeldberechtigenden Kind in häuslicher Gemeinschaft leben,
  • Familien mit einem kindergeldberechtigenden schwer behinderten Kind, dessen Grad der Behinderung 50 Prozent oder mehr beträgt.
  • Familien, die Hartz IV- oder kinderzuschlagsberechtigt sind, die mit ein oder zwei kindergeldberechtigenden Kindern in häuslicher Gemeinschaft leben.

 

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