Obrigheim-Stilllegung hilft Tschernobyl-Opfern

Autorin Merle Hilbk überbrachte Medikamente und Geld – Spendenkonto eingerichtet

Die Stilllegung des KWO hilft Tschernobyl-Opfern. (Foto: P. Schmelzle/Wikipedia.de)

Mosbach/Kiew. (bd) Von Kettenreaktionen und Wechselwirkungen erzählt der folgende Bericht.

Im kommenden April jährt sich zum 25. Mal die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Aus diesem Anlass recherchierte die Berliner Journalistin und Autorin Merle Hilbk in den letzten zwei Jahren für ihr im März erscheinendes Buch „Tschernobyl Baby: Wie wir lernten, das Atom zu lieben“ u.a. in der Ukraine, Weissrußland, Gorleben und auch in Obrigheim. Sie sprach mit Menschen, deren Leben in unterschiedlicher Form durch den GAU im ukrainischen Reaktor geprägt wurde, so mit Christine Denz, Simone Heitz und anderen Aktiven aus der seinerzeit gegründeten Klägergemeinschaft „Obrigheim abschalten“ oder mit KWO-Ex-Pressesprecher Karlfried Theilig.

Besonders berührt war Hilbk vom Schicksal der Bewohner der ukrainischen Stadt Pripjat. In den Tagen nach der Katastrophe vom 26. April 1986 wurden aus der 3 km vom Reaktor entfernten Stadt 45.000 Einwohner hektisch evakuiert. Ziel der Evakuierten war der gerade im Bau befindliche neue Kiewer Stadtteil Trojeschina. Die Menschen mußten in die Rohbauten einziehen, ohne Heizung oder Herdanschluss. Viele von ihnen, vor allem Männer, arbeiteten dann als „Liquidatoren“, d.h. als Räumkommandos oder mit sonstigen Aufgaben betraut in der verstrahlten Zone.

In den Jahren nach dem Unglück wurden die ehemaligen Pripjat-Bewohner noch bevorzugt im Gesundheitssystem der Ukraine versorgt, erhielten Medikamente und ihre Krankenbehandlung umsonst. Seit dem Jahrtausendwechsel wurde die notwendige Gesundheitsversorgung stark eingeschränkt und inzwischen „auf Null“ gefahren. Von den „Veteranen“ seien die meisten krank, mehrfachkrank. „Zwar gibt es formell ein Gesundheitssystem, aber in der Praxis muss man alles selbst bezahlen: vom Operationsskalpell über Binden bis zu Spritzen und Medikamenten“ berichtete Hilbk der BI. Um dem mit dem Niedergang des Staates einhergehenden Versorgungs- und Beachtungsverlust entgegen zu wirken hätten eine Reihe von Betroffenen, überwiegend Menschen aus Pripjat, den Verein „Semlyaki“ (Landsleute) gegründet, der rund 2500 Mitglieder habe. „Semlyaki“ unterhalte mehrere Räume in Trojeschina als Treffpunkte, in denen Kinderprogramme angeboten werden, Beratung, auch medizinische Beratung und Unterstützung.

Der Verein lebe von Spenden, die in letzter Zeit deutlich weniger geworden seien, weshalb nur noch wenige Kranke unterstützt werden könnten. Damit stieß Hilbk bei den KWO-Gegnern auf offene Ohren. Denn in Folge der KWO-Stilllegung nach dem Atomkompromiss waren der Klägergemeinschaft erhebliche Kosten für die Rechtsverfolgung erspart geblieben, für die bereits Geldmittel bereit standen. Sie baten Hilbk der Tschernobylopfer-Initiative dringend notwendige Medikamente und Mittel für die noch rund 22.000 in Trojeschina lebenden Evakuierten. (7.000 – 8.000 „Pripjater“ seien wegezogen, die weiteren verstorben, die Durchschnittslebenserwartung liege unter 55 Jahren, für Männer noch merklich niedirger, da diese näher an der „Strahlenfront“ gewesen waren.) zukommen zu lassen.

Diesen Auftrag hat die Autorin nun gemeinsam mit dem Heidelberger Journalisten Mario Damolin erledigt. Mit einer Spende von 7.500 € im Gepäck erwarben sie eine Grundausstattung sofort benötigter Medikamente, die die Akutversorgung von 150 dringenden Fällen ermöglichte. Tamara Krasitzkaja, Sprecherin des Vereins und ehemalige Mitarbeiterin der Kulturbehörde in Pripjat nahm die Spende entgegen.“Wir sind so froh, unseren Leuten wieder helfen zu können, das ist die beste Nachricht für uns in diesem Jahr.“ Die Spende der Obrigheimer habe bei den Frauen der „Semlyaki“ ziemliche Euphorie ausgelöst und sie – so schien es den Überbringern – aus einem resignativen Tal heraus geholt. Tamara Krasitzkaja: „Unsere Gesellschaft hat die Tschernobyl-Kranken vergessen.Es gibt so viele, die darauf warten, wieder einmal Medikamente zu bekommen, jetzt können wir wieder etwas für sie tun, und wir sehen, dass die Welt uns nicht vergisst“. Selbst gesundheitlich beträchtlich  angeschlagen versuche sie mit anderen kranken Frauen denen zu helfen, denen es noch schlechter gehe. Darunter fallen nach ihrer Wahrnehmung vermehrt Neugeborene und ihre Mütter. Hilbk und Damolin: „Die Frauen haben uns einen Ordner gezeigt, in denen missgebildete Kinder aus den letzten 5 Jahren gesammelt waren. Sie meinten, erst jetzt, in der „zweiten Generation nach Tschernobyl“, kämen wieder vermehrt Missbildung wie das Down-Syndrom vor. Ein ziemlich schauerlicher Ordner!“. Die beiden Journalisten berichteten den Obrigheim-Aktivisten Christine Denz, Simone Heitz und Gertrud Patan ihre Eindrücke: „Wenn man in Kiew diese vielen dicken, schwarzen, glasverdunkelten und teuren Autos sieht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass für die Opfer von Tschernobyl kein Geld da sein soll. Aber die Ukraine ist im derzeitigen Zustand eine der korruptesten und moralisch verrottetsten Staaten Europas.“ Die Hilfe für die „Selmyaki“ – Initiative müsse weitergehen. Deshalb habe man bei der Heidelberger AWO ein Spendenkonto eingerichtet und werde Anfang kommenden Jahres nach Mosbach kommen, um in einer öffentlichen Veranstaltung von der Reise zu berichten und den Dankesbrief der Tschernoyl-Opfer zu überbringen, so Damolin.

Spendenkonto:
Arbeiterwohlfahrt Heidelberg, Stichwort „Semlyaki“
Konto 40 41 00 07, Volksbank Kurpfalz, BLZ 672 901 00
Bei vollständiger Anschrift des Spenders gibt es eine Spendenbescheinigung

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