Kinder, Knast und Kunst

(Foto: LRA)

Buchen. Farbe und Leben gehören zum Schulkindergarten Pusteblume in Buchen. Was überhaupt nicht passte, war die graue Mauer, die hinter dem Freigelände aufragt. Dass diese Mauer nun nicht mehr grau, sondern in wunderschönen Farben bemalt ist und sich dadurch quasi „verliert“, verdankt Schulleiterin Irene Radloff sieben Insassen der Jugendvollzugsanstalt (JVA) Adelsheim.

Die Mauer trennt das Gelände des Schulkindergartens von dem der Polizei und war notwendig, um die Kinder nicht durch die Polizeihunde und den Betrieb bei der Polizeidienststelle zu erschrecken. Zweckmäßig, aber trist. Bis die Idee geboren war, die Mauer durch Malerlehrlinge der JVA verschönern zu lassen. „Eigentlich finden wir es nicht so toll, wenn unsere Leute sich an Mauern zu schaffen machen“, erklärte der Leiter der JVA, Rainer Goderbauer, schmunzelnd bei der offiziellen „Übergabe“. Tatsächlich aber sei das Projekt erstaunlich unkompliziert über die Bühne gegangen, so Irene Radloff: „Da ging Menschlichkeit ganz eindeutig vor Bürokratie.“ Bichan Maschajechi, Götzinger Künstler und immer wieder tätig in der JVA in der Arbeit mit den Gefangen, entwarf das Muster und legte die Farbverläufe fest. „Eine gegenständliche Malerei hätte sicher auch hierher gepasst, wäre aber schwierig umzusetzen gewesen, weil sieben junge Menschen ohne künstlerische Ausbildung und mit unterschiedlichem Pinselstrich in der Kürze der Zeit kein einheitliches Ergebnis hätten bringen können“, erklärte der Künstler seinen graphischen Entwurf, mit dem sich die Schulleiterin – wenn auch nach anfänglicher Skepsis –dann ganz schnell angefreundet hatte. Zuvor hatten zwei Väter von Kindergartenkindern dankenswerterweise die Wand weiß gestrichen.

Der Neckar-Odenwald-Kreis ist Träger des Schulkindergartens, den sprach-, geistig- und körperbehinderte Kinder besuchen. Landrat Dr. Achim Brötel gehörte deshalb ebenfalls zu den Gästen der kleinen Feierstunde: „Das ist ein wirklich tolles Projekt und nach dem „Quantensprung“ 2007 mit dem Bezug der neuen Räumlichkeiten fügt sich nun auch die ungeliebte, aber notwendige Mauer prima ins Gesamtbild einer kindgerechten Einrichtung.“ Für die Nachbarschaft gestand Leitender Polizeidirektor Hans Becker ein, dass ihm diese Seite der Mauer viel besser gefiele als die der Polizei zugewandte, an der freilich auch Garagen stünden. Er lobte das Projekt als „Beitrag zur Prävention“ und Anstaltsleiter und Psychologiedirektor Rainer Goderbauer ergänzte: „Solche Aktionen spiegeln wieder, dass das Gefängnis eine Teil der Gesellschaft ist.“

Bei so viel Prominenz ging Cihan Ö. beinahe unter, einer der Malerazubis, der insgesamt eineinhalb Wochen an der Mauer gearbeitet hatte. Spaß habe ihm die Arbeit gemacht, trotz Nebel und teilweise Regen, der die Farben verlaufen ließ. Der junge Mann, der in Adelsheim seine Ausbildung begonnen und sie nach seiner bevorstehenden Entlassung draußen „unbedingt“ fertig machen will – eine Anschlusslehrstelle hat er schon – war ein gutes Beispiel für die große Engagement, das in Adelsheim an den Tag gelegt wird, um jungen Gefangenen mittels Schul- oder Berufsausbildung die Chance zu geben, nach der Haftstraße wieder Fuß in der Gesellschaft zu fassen.

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