Prison Time begeistert bei Sommerkonzert

Prison Time begeistert bei Sommerkonzert
Prison Time begeistert bei Sommerkonzert

(Foto: pm)

Adelsheim. (bd) Musik als Brücke zur Resozialisierung: Band „Prison Time“ bewegt Angehörige und Bedienstete in der JVA Adelsheim

„Sinnvoll andere Saiten aufziehen“

Es gibt Momente, die in einer Justizvollzugsanstalt selten sind: ein von Herzen kommender, lang anhaltender Applaus, sichtlich berührte Gesichter und Freudentränen. Beim Sommerkonzert der JVA-Band „Prison Time“ im Juni verwandelte sich der Gottesdienstraum des Adelsheimer Jugendgefängnisses in eine lebendige Rock- und Popbühne. Erstmals waren neben Bediensteten der Anstalt auch die Familien, Geschwister und engen Freunde der inhaftierten Musiker eingeladen. Das Konzert stieß auf überwältigende Resonanz: Für die Angehörigen war es eine tief bewegende Möglichkeit, die Jugendlichen in einem vollkommen positiven, kreativen Kontext zu erleben und sie am Ende sichtlich im verdienten Applaus baden zu sehen. Für 75 Minuten trat die Haft in den Hintergrund; es zählten nur die gemeinsame Musik und der Stolz auf das Erreichte.

Von der Gitarrengruppe zur Band

Prison Time besteht seit rund vier Jahren mit wechselnder Besetzung und ging aus einer Musikgruppe hervor, die der katholische Anstaltseelsorger Martin Reiland vor knapp acht Jahren nach dem plötzlichen Tod des Gründers Werner Zuber übernahm. Über die Jahre entwickelte sich die Formation von einer reinen Gitarrengruppe zu einer echten Band. Unterstützt wird das Projekt von der ehemaligen Verwaltungsmitarbeiterin Christel Peschke, die sich inzwischen ehrenamtlich engagiert und regelmäßig Gefangenen das Gitarrenspiel beibringt.

Den Ausschlag für die heutige Besetzung gab ein glücklicher Fund im alten Inventar der Anstalt, berichtete Martin Reiland: Ein verstaubtes Schlagzeug, eine E-Gitarre und ein E-Bass kamen ans Tageslicht und wurden von den Insassen autodidaktisch erschlossen. Nach internen Auftritten und der Teilnahme am Ehrenamtsevent der Stadt Adelsheim 2024 markierte ein gemeinsamer Auftritt mit dem Gitarrenduo „Café del Mundo“ – über den auch der SWR berichtete – den bisherigen Höhepunkt. Infolge des Beitrags spendete eine Bürgerin aus Sindelfingen der Band eine weitere E-Gitarre.

Ein Konzert mit persönlicher Bedeutung

Am Konzertabend bestand die Formation aus sechs Insassen sowie Martin Reiland und Christel Peschke. Das Instrumentarium umfasste eine dynamische Mischung aus vier Gitarren, einem E-Bass, Drums, Keyboards und einem Sopransaxophon, gespielt von Reiland.

Das Programm spiegelte das beachtliche Repertoire wider, das sich die Musiker in den wöchentlichen Freitagsproben erarbeitet haben: zwei Stunden, in denen die Jugendlichen, wie sie selbst sagen, ganz vergessen, dass sie im Knast sitzen.

Eröffnet wurde der Auftritt mit dem emotionalen Klassiker „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel, gefolgt von „Dust in the Wind“ von Kansas, das eindrucksvoll mit fünf Gitarren dargeboten wurde. Es folgten die Rocktitel „Eye of the Tiger“ von Survivor, „Hotel California“ von den Eagles und „All You Zombies“ von The Hooters. Eine ganz besondere Atmosphäre entwickelte das Stück „House of the Rising Sun“: Das vom Sonnenaufgang über der Gefängnismauer inspirierte, frisch aufgepeppte Arrangement gipfelte in einem beeindruckenden Saxophon-Solo von Martin Reiland.

Bei „Wind of Change“ von den Scorpions bekam die Textzeile „When the children of tomorrow share their dreams with you and me“ eine ganz eigene, spürbare Bedeutung, da viele der Musiker von ihrer baldigen Rückkehr in die Freiheit und einem gelingenden Leben träumen.

Nach dem berührenden „Tears in Heaven“ von Eric Clapton folgte als bewusster Kontrast der Rock-Klassiker „Highway to Hell“ von AC/DC. Ein optisches Highlight bot sich bei „Knockin’ on Heaven’s Door“ von Bob Dylan, als per Video ein Regenbogen über die JVA-Mauer projiziert wurde. Den Schlusspunkt setzten „Nothing Else Matters“ von Metallica und „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte, bevor die Band das Publikum mit „An Tagen wie diesen“ von Die Toten Hosen in ein anschließendes, persönliches Meet-and-Greet mit den Familien verabschiedete.

Zwischen Generationen und Lebenswelten

Interessant ist das gewählte Repertoire, das eher der Eltern- oder Großelterngeneration der Jugendlichen entspricht. Doch die Musiker haben die Songs längst verinnerlicht. Der Gitarrist Philipp betonte, sie hätten durchaus eigene Ideen eingebracht; ihm persönlich seien Rockballaden ohnehin lieber als Rap. Der Musiker Adrian, der sich privat für Hip-Hop und Rap begeistert, fand ebenfalls schnell Zugang zu den Klassikern.

„Diese Songs waren immer da, die hat man häufig im Radio gehört. Sie begleiten einen durchs Leben.“ Erst durch den Gitarrenunterricht bei Christel Peschke könne er in der Band mitspielen. Adrian ergänzte mit Blick auf die prägende Erfahrung: „Draußen hätte ich nie ein Instrument gespielt.“

Resozialisierung durch gemeinsames Musizieren

Aus pädagogischer Sicht bewerten die Verantwortlichen das Projekt als vollen Erfolg. Das Zusammenspiel, das gegenseitige Unterordnen in einer Musikformation und das aufmerksame Aufeinanderhören unterstützen die Resozialisierungsbemühungen nachhaltig. Da die Bandmitglieder – bis auf den Schlagzeuger und den Pianisten – vor ihrer Inhaftierung kaum Vorkenntnisse besaßen, erforderte das Erreichen dieses Niveaus viel Fleiß, Energie und Disziplin.

Die personelle Zusammensetzung der Band wechselt fluktuationsbedingt regelmäßig. Da alle Gründungsmitglieder mittlerweile erfolgreich entlassen wurden oder in den Erwachsenenvollzug gewechselt sind, müssen stetig neue Musiker eingearbeitet werden. Auch dieses Konzert stand im Zeichen anstehender Entlassungen. Anstaltsleiterin Katja Fritsche zog ein rundum positives Fazit und verwies auf die symbolische Kraft des Projekts: Der Bandname „Prison Time“ passe einfach perfekt. Die Zeit im Gefängnis sei besser mit Musik zu verbringen – man vergesse die Zeit, habe eine gute Zeit und nutze sie vor allem sinnvoll: „Sinnvoll andere Saiten aufziehen“. Ein Instrument zu lernen und zu spielen sei etwas Besonderes für diese jungen Menschen, die in ihrem Leben zuvor kaum Berührung mit Musikinstrumenten hatten.

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