Verborgener Schatz im Neckartal

Die Burg auf dem „Tuffstein“

Von Michael Hahl

Anlässlich einer Fernsehdoku aus der Sendereihe „Fahr mal hin“, die sich am Dienstag, 19. Oktober, 22.00 bis 22.30 Uhr, den zahlreichen Burgen des Neckartals widmet und dabei auch die „Burg Dauchstein“ bei Binau vorstellt, greift proregnews eine Besonderheit dieses mittelalterlichen Burgturms heraus – keine historische, aber eine ungewöhnliche geologische Attraktion: den Sinterkalk, auch „Tuffstein“ genannt, welcher der Burg einst ihren Namen gab, womöglich sogar ihren Standort an einem Steilhang des Flusstals vorgab.

Nicht markgräflich-markant wie Schloss Zwingenberg, unscheinbarer als die Neckarsteinacher Burgen oder Burg Zwingenberg, und schon gar nicht so romantisch verklärt wie das Heidelberger Schloss: Bei Binau im unteren Neckartal ragt die Burg Dauchstein aus steilen, sandsteinernen Talflanken empor. Erhalten ist heute noch der historische Wohnturm als Zeugnis einer frühen Burgbaugeschichte, liebevoll restauriert von Ehepaar Jawurek aus Neudenau.

Man entdeckt den robusten Turm heute eher zufällig. Als Zeugnis einer fast vergessenen Burgengeschichte trutzt er hinter dichtem Hangbewuchs genau gegenüber einer weitaus moderneren: dem mittlerweile stillgelegten Obrigheimer Kernkraftwerk. Einen lesenswerten Beitrag zur Dauchstein-Geschichte finden Sie übrigens bei wikipedia.

Doch die Anlage ist nicht nur ein historisches Glanzlicht, sondern hat ihre ureigene „Erd-Geschichte“ zu erzählen. Unterhalb der Burg Dauchstein legt sich wie ein felsiger Vorhang ein ganz besonderes Gestein über den Steilhang. Seine gelblich-weiße Färbung verrät, dass es sich dabei nicht um den regionaltypischen Buntsandstein handelt: Unter dichtem Bewuchs entdecken Sie hier einen porösen „Kalktuff“, auch Travertin genannt. Noch besser trifft die Bezeichnung Sinterkalk die Entstehungsweise dieses Gesteins.

Es handelt sich um einen „felsigen Vorhang“ aus Kalkgestein, der an dieser Stelle den anstehenden Sandstein überzieht: Kalkhaltiges Grundwasser, das aus dem ursprünglich darüber liegenden Muschelkalk stammt, bahnt sich seinen Weg durch das innere Porensystem des Buntsandsteins, sickert hindurch, staut sich auf tonigen Schichten, um schließlich am Steilhang aus Klüften hervor zu quellen. Am Quellaustritt werden die Kalkanteile des Grundwassers ausgefällt, bis nach und nach eine Kruste aus Sinterkalk heranwächst.

Auf einer alten Fotografie, entstanden um 1900, ist der Kalktuff-Vorhang unterhalb der Burganlage gut zu erkennen. Damals war die Binauer Talflanke noch frei von Bewuchs. Auch zu mittelalterlichen Zeiten dürfte das weißliche Gestein weithin sichtbar gewesen sein. Vielleicht diente es gar als Wahrzeichen der Herren auf Burg Dauchstein? Heute ist der Sinterkalk unter dem dichten Baum- und Buschwerk des Neckartalsteilhangs verborgen.

Die alte Bezeichnung „Kalktuff“ für das mitunter poröse Gestein rührt von der Ähnlichkeit zu vulkanischem Tuffit, mit dem es aber eigentlich gar nichts zu tun hat. Eine weitere Namensvariante ist „Duckstein“ – oder eben auch „Dauchstein“. So hat die mittelalterliche Burg bei Binau ihren Namen offenbar von den speziellen geologischen Verhältnissen bekommen, von der seltenen Kalkgesteinsformation unter ihren roten Sandsteinmauern.

Um den Travertin näher betrachten zu können, muss man sich heute auf einen etwas abenteuerlichen Abstieg durch zugewachsene Pfade unterhalb des Wohnturms begeben. Das heißt mit anderen Worten: Für Wanderer und Geotouristen ist diese naturräumliche Attraktion durch starken Bewuchs und fehlende Wegesicherung derzeit nicht zugänglich. Sicherlich steht außer Frage, dass es für den Neckar-Odenwald-Kreis, den Naturpark Neckartal-Odenwald und den UNESCO Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, aber auch für die Gemeinde Binau, eine große Bereicherung wäre, den geologischen „Dauchstein“, die Sinterkalkkruste unterhalb der Burg, freizulegen und wieder, wie noch um das Jahr 1900, zugänglich zu machen, um ihn als einzigartige Bereicherung des Erlebniswertes für den Tourismus nutzen zu können.

Auch eine sandsteinerne Burgmauer, die zum „Tuffstein“ führt, bedarf einer Freilegung. Lohnenswertes Resultat solcher Offenhaltungsmaßnahmen wäre auf jeden Fall ein touristisches Kleinod für die Region: ein weithin sichtbarer Kalktuff unterhalb eines markanten mittelalterlichen Wohnturms. Verborgenes Potenzial im Neckartal – ob es wohl gelingt, den verborgenen Schatz bei Binau zu heben?

Übrigens: Über den Dauchstein erzählt auch eine vom Projektbüro proreg bearbeitete „Geopunkt“-Tafel des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald, die Besucher am oberen Zugang zur Burg Dauchstein entdecken können.

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