Der Wolf zurück im Odenwald

Lebendiger Vortrag von Fritz Kaufmann

Wagenschwend. (bd) Das Publikum und das Ambiente war ganz nach dem Geschmack des Referenten Fritz Kaufmann: in der ersten Reihe saßen ein Dutzend Kinder, hinter ihnen gut 50 Erwachsene und alle schauten auf einen zurückgekehrten ehemaligen Bewohner des Winterhauchs. Der „Tiger von Miltenberg“ war nach fast 150 Jahren nach Wagenschwend zurück gekehrt. „Heimgeholt“ hatte ich der Heimat – und Museumsverein Wagenschwend, nachdem Museumleiter Dr. Eichner vom Museum der Stadt Eberbach dem Ausleihwunsch für einen Monat entsprochen hatte. Nun wurde er unter Kaufmanns Anleitung besonders von den Kindern mit lautem Wolfsgeheul begrüßt.

Auf Einladung der VHS-Außenstelle Limbach und des Heimat – und Museumsvereins war Kaufmann, der schon vielfach Räuberführungen im Rahmen des Limbacher Ferienprogramms angeboten hatte, erstmals als Erwachsenenreferent ins Dorfgemeinschaftshaus gekommen, um die Geschichte des „letzten Wolfs im Odenwald“ zu erzählen. Dieser war im März 1866 in Wagenschwend aufgescheucht und zwei Tage über den Winterhauch getrieben worden, bis er schließlich am 12. März im Eberbacher Stadtwald vom Schollbrunner Ratsschreiber Vincenz Diemer erlegt wurde.

Bei seinem faktenreichen Vortag stützte sich der Referent weitestgehend auf die Recherchen des Eberbacher Heimatforschers Dr. Dieter Röckel, mit dem er sich intensiv ausgetauscht hatte. Röckel hatte in seinem ausverkauften Buch “Die abenteuerliche Geschichte des letzten Wolfs im Odenwald” die Geschichte der Wölfe im Odenwald und weit darüber hinaus sowie die darum kreisenden Mythen erforscht und niedergeschrieben.

In der Zeit vom Frühjahr 1864 bis zum März 1866 sorgte der Wolf – und besonders die umlaufenden Gerüchte – für Angst und Schrecken. Waren nach den ersten gerissenen Tieren und Einbrüchen in Schafherden Gerüchte im Odenwald aufgetaucht, daß in Miltenberg ein Tiger aus einem Zirkus entlaufen sei, stellte sich bald heraus, dass sich Wölfe niedergelassen hatten. Röckel bewies anhand der Vielzahl und großen räumlichen Ausdehnung der „Wolfsmeldungen“, dass sich ein Rudel angesiedelt haben musste, dessen Leitwolf nun vor den Besuchern stand.

Bis dahin galt der Odenwald schon seit 1780 als „wolfsfrei“, die letzte Wolfsjagd hatte gar schon 1722 stattgefunden. Nun kursierten Gerüchte, dass „der“ Wolf einen Schäfer angefallen hätte, später hieß es, dass er im Januar 1866 ein 18 jähriges Mädchen zerrissen haben soll. Alles nur Gerüchte, widerspricht Dieter Röckel: „kein Mensch kam durch die Odenwaldwölfe zu Schaden“. Bestätigt ist, dass unter den Wildtieren und in den Schafherden zahlreiche Verluste durch die Wölfe entstanden. Die Zeitungsberichte förderten die Ängste, die Bevölkerung war in Furcht und die Jäger in Aufruhr. Nachdem 1864 eine Riesen-Treibjagd der Ämter Miltenberg, Mosbach und Wertheim mit 2.000 Jägern und Treibern völlig erfolglos blieb, nahmen die Wolfsaktivitäten zu und verlagerten sich vom Maintal auf den Winterhauch, in den Jahren 65 und 66 sind Wolfssichtungen und -Attacken auf Vieh in in Hettingenbeuern, Reisenbach, Wagenschwend, Höllgrund und Balsbach belegt. Am 24. Februar 1866 drang er in den Pferch eines Wagenschwender Schäfers nahe der Gemarkung Eberbach ein, was zu intensiveren Bejagungsbemühungen führte. Der Wolf bekam sogar einen „offenen Brief“; im „Buchener Anzeiger“ schrieb ihm ein Jäger und empfahl ihm vor den vermehrt ausgehobene Wolfsgruben Reißaus zu nehmen.

Er hatte den Brief wohl nicht gelesen, denn am 10. März spürte ihn der Wagenschwender Waldhüter Walter, der bereits alle Vorbereitungen und Vorarbeiten für eine Wolfsjagd getroffen hatte, auf Roberner Gemarkung auf. Den Jägern zu Pass kam der gefallene Neuschnee, auf dem man seine Spuren gut folgen konnte, insbesondere nachdem er am nächsten Tag angeschossen wurde und eine Blutspur hinterließ. Am 12. März 1866 wurde der Wolf im Eberbacher Stadtwald erlegt. Anschließend wurde er in Oberdielbach vermessen, gewogen und dort kurz für die Öffentlichkeit ausgestellt. Der Rüde maß von der Schnauze bis zum Schwanzende 5 Fuß und 2 Zoll. Seine Höhe wurde mit 2 Fuß und 6 Zoll angegeben. Das Gewicht betrug 80 Pfund. Abends wurde er im „Amtshaus“ von Eberbach abgeliefert und auch dort der wartenden Menschenmenge gezeigt, danach ging es nach Heidelberg, wo er zunächst gegen Geld in einem Wirtshaus zu besichtigen war, bevor er zum Präparator kam.

Damit war Kaufmanns Vortrag jedoch noch nicht zu Ende, er brachte auch noch Sozialgeschichte zum Bewusstsein, als er den im Eberbacher „Odenwälder Boten“ veröffentlichten Brief des Wagenschwender Bürgermeisters Banschbach zitierte. Der bat um der Gerechtigkeit willen um Spenden für den Waldhüter Walter, dem der Abschuss ursächlich zu verdanken war. Denn während der Schütze Diemer ein Kopfgeld von 25 Gulden erhielt, ging Walter leer aus – obwohl sein Jahreslohn nur 10 Gulden betrug.

Beim offenen Museum am kommenden ersten Adventssonntag (28.11.) kann der „letzte Wolf im Odenwald“ nochmals von 14.00 bis 17.00 Uhr im ehemaligen Wagenschwender Rathaus besucht werden. Auch Fritz Kaufmann wird nochmals vor Ort sein, der um 14.30 Uhr und 16.00 Uhr in Kurzvorträgen und Bildern die Geschichte nochmals lebendig werden lässt. Der Eintritt ist frei.

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Das Bild zeigt von links: Dr. Klaus Eichner, Bürgermeister Bruno Stipp, VHS-Leiter Klaus Brauch-Dylla, Ortsvorsteher Gerhard Schork, Herrn Wolf, Fritz Kaufmann und Museumsvereinsvorstand Gerhard Schäfer.
Am Wochenende ist der letzte Wolf des Odenwalds nochmals im Dorfmuseum Wagenschwend zu bestaunen. (Foto: Norbert Schwing)

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1 Kommentar

  1. Heute am 17.11 2012 bin ich mit mein Fahrrad im Odenwald herum Gefahren .plötzlich stand ein großer Wolf vor mir .fast vor einem Jahr wurde hier ein Wolf gesichtet.mitten im Feld von ursenbach

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