Grüne stellen sich zentralen Zukunftsfragen

Podiumsdiskussion zu Wirtschaft und Finanzen – MdB Dr. Gerhard Schick stellt „Green New Deal“ vor

Mosbach. (pm) Erfreut stellte der Grüne Kreisvorsitzende und Bundestagskandidat Hans-Detlef Ott bei der Begrüßung im Mosbacher „Amtsstüble“ fest, dass trotz des Sommerwetters zahlreiche Interessierte der Einladung des Grünen Arbeitskreises Wirtschaft zu einer Podiumsdiskussion gefolgt waren: „Die Zeit ist reif für Grüne Themen“. Als Referenten hieß er zunächst mit dem finanzpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion MdB Dr. Gerhard Schick aus Mannheim einen im Neckar-Odenwald-Kreis regelmäßig und gern gesehenen Gast willkommen. Als weitere Vortragende begrüßte er Dr. Uwe Graser, Gemeinderat aus Aglasterhausen, sowie den Mosbacher AL-Stadtrat Joachim Barzen. Hans-Detlef Ott betonte eingangs, dass der Arbeitskreis Wirtschaft mit dieser Veranstaltung über die Parteigrenzen hinweg einen Beitrag zum Weiterdenken der bestehenden Wirtschaftsstrukturen leisten wolle.

In seinem Referat „Der ,Green New Deal‘ – Wirtschaften, aber GRÜN!“ stellte Dr. Gerhard Schick die Grundzüge grüner Wirtschafts- und Finanzpolitik vor. Dabei unterstrich er die Bereitschaft der Grünen, die zentralen Zukunftsfragen zu stellen und brisante Themen anzupacken und zu handeln, auch wenn dies nicht opportun sei und die Konsequenzen unbequem. Doch angesichts der erstmaligen Überschreitung der magischen Schwelle von „400 parts per million“ bei der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre sei mittlerweile dringender Bedarf gegeben, so MdB Schick. Die Themen Klimadiskussion und Gefährdung der Biodiversität (Artenvielfalt) stufte er als die aktuell drängendsten Fragen für die Zukunft der Menschen ein: „Wir verbrauchen zurzeit mehr Erde als wir haben“. Und auch wenn bei der Euro- und Finanzkrise zurzeit politisches Schweigen herrsche, so lautete seine Prognose: „Sobald der Wahltag vorbei ist, werden unangenehme Fragen in der Eurozone wieder akut“.




Engagiert forderte der grüne Finanzexperte ein Umdenken und Umlenken der Wirtschafts- und Finanzpolitik durch ökologische Besteuerung – hin zu mehr Kreislaufwirtschaft und damit weniger Rohstoffverbrauch. Wichtige Bausteine seien dabei die Steigerung der Energieeffizienz, der Umstieg auf Erneuerbare Energien sowie ökologische Marktstandards und recyclingfähige Materialien. Zudem müssten dem Bruttoinlandsprodukt als bisher einzigem Maßstab weitere wichtige Indikatoren zur Seite gestellt werden wie soziale und ökologische Kriterien und die Komponente Zufriedenheit. Der Finanzmarkt diene dabei als Hebel für die wirtschaftliche Entwicklung. Dr. Schick stellte abschließend die allgemeine Aussage „Wenn die Wirtschaft wächst, geht es uns allen besser“ infrage und unterstrich die Notwendigkeit, alternative Wirtschaftsmodelle zu entwickeln. Dazu sei harte Rechenarbeit nötig. Doch die Zeit dränge, um die vorherrschende „Harmonie auf der Titanic“ zu durchkreuzen und Wege aus den drohenden Krisenszenarien zu entwickeln.

Inhaltlich direkt anschließend definierte Dr. Uwe Graser zunächst das Schlagwort „Nachhaltigkeit“ unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten und hielt unter dem Titel „Wirtschaftswachstum oder Nachhaltigkeit?!“ ein Plädoyer für eine Postwachstumsgesellschaft. Er wies auf die aktuelle Abhängigkeit des Wohlstands vom Faktor Wachstum hin und nannte als Preis dafür eine tiefgreifende Beschädigung der Umwelt und die vehemente Ausbeutung der Ressourcen. Diesen Preis zahlten dabei jedoch bevorzugt „die Anderen“ – zum einen durch räumliche Auslagerung der Produktion, zum anderen durch die zeitliche Verschiebung der Konsequenzen. Doch der Faktor Zeit werde knapp und zurzeit geradezu „erkauft“. Auch Dr. Graser drängte auf eine schnelle Veränderung hin zu einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft. „Crash oder Umgestaltung“ brachte er die Problematik auf den Punkt. Eine Umgestaltung sei nur durch die Veränderung der bisherigen Lebensgewohnheiten und geänderte Rahmenbedingungen möglich. Dr. Graser regte an, in motivierten Gruppen durch soziale und politische Teilnahme entsprechende Strukturen wie beispielsweise regionale Wirtschaftskreisläufe zu schaffen. Die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur käme dabei dem Staat bzw. den Kommunen zu und könne durch eine erhöhte Vermögenssteuer finanziert werden.


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Der Mosbacher AL-Stadtrat Joachim Barzen forderte anschließend: „Die Rückkehr des Real-Geldes. Warum unser Zahlungsmittel vom Zwang der kurzfristigen Rendite befreit werden muss. Und was es bringt.“ und plädierte ebenfalls für ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang. Anschaulich verwies er darauf, dass bei funktionierenden biologischen Systemen Wachstumsgrenzen herrschten: „Hier wächst nichts in den Himmel“. Anders sehe es in der Vorstellung der Finanzwirtschaft aus, die auf grenzenloses Wachstum setze. Jedoch habe die ungehinderte Geldvermehrung seit den 1970er Jahren weltweit zu etwa 170 Krisen und die ungleiche Verteilung von Kapital und Arbeit zunehmend zu sozialen Unruhen geführt. Nun sei der „Knackpunkt“ erreicht, bilanzierte auch Joachim Barzen und forderte eine „komplementäre“ (ergänzende) Währung als Gegenentwurf zum bestehenden Finanzsystem. Da dieses Geld zinsfrei sei, fließe es immer wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück und könne sich nicht durch Zins und Zinseszins einseitig vermehren.

Die anschließende, von Hans-Detlef Ott moderierte Diskussion verlief lebhaft und es wurde seitens der Zuhörer/innen viel Zustimmung zu den vorgetragenen Punkten laut. Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Karl-Heinz Reichert, ebenfalls aktiv im Arbeitskreis Wirtschaft, noch die „Initiative Regionale Währungen“ vor.

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