Die Bundeswehr wird bunter

Beim feierlichen Gelöbnis vor Schloss Bödigheim wurden 29 Rekruten aus verschiedenen Herkunftsländern und Kulturkreisen vereidigt – „Frieden und Freiheit notfalls mit der Waffen schützen“ – Bundeswehr-Neulinge erleben Kulturschock
von Werner Bernhard
Bödigheim. Zu einem öffentlichen Gelöbnis lud der Kommandeur des Logistikbataillons 461, Oberstleutnant Marko Dietzmann, am Dienstag in das Schloss in Bödigheim ein.

Das Gelöbnis von Soldaten der Bundeswehr ist eine feierliche Zeremonie am Anfang der Dienstzeit. Diese im Soldatengesetz festgelegte Verpflichtung soll die „Integration der Rekruten in die soldatische Gemeinschaft fördern und sie sowohl emotional an die soldatischen Pflichten binden als auch eine prägende und erzieherische Wirkung auf den Soldaten in seiner Funktion im Staat“ bewirken.

Die Bundeswehr führt die Feierstunden zum Gelöbnis in aller Regel in der Öffentlichkeit und nicht hinter dem Kasernenzaun durch. Während in den zurückliegenden Jahren hierfür die Wallfahrts- und Garnisonstadt Walldürn genutzt werden konnte, wurde heuer der angemessene und „außergewöhnliche Rahmen des Schlosses“ in Bödigheim gewählt. Bödigheim nämlich ist die Patengemeinde der 4. Kompanie des Logistikbataillons. Das detailliert geplante Gelöbnis hat mit dem Schloss in Bödigheim einen angemessene Rahmen gefunden.

Der Veranstaltung voraus ging ein Gottesdienst in der St. Marien Kirche in Walldürn. Bereits hier wurde festgestellt, das eine überraschend große Zahl von Angehörigen, Verwandten und Bekannten der Rekruten angereist waren.

Am Dienstagmittag nun marschierten die Rekruten in den Schlosshof ein und nahmen Aufstellung. Die angetretenen Soldaten wurden dem Kommandeur des Logistikbataillons 461, Oberstleutnant Marko Dietzmann, gemeldet. Dieser begrüßte alle anwesenden Gäste und dankte für ihre Anwesenheit. Ihre große Zahl sei ein Zeichen der Verbundenheit mit der Bundeswehr und insbesondere zum Loistikbataillon. Unter dem starken Beifall der Anwesenden dankte er besonders den Soldaten des Blechbläsersextetts des Heeresmusikkorps Veitshöchheim für ihren Beitrag zu der Veranstaltung und ebenso den Vertretern der Rüdt´schen Schlossgesellschaft für die Möglichkeit der Nutzung des Geländes.

In der nun folgenden Ansprache des Landrates Dr. Achim Brötel wandte sich dieser direkt an die angetretenen 29 Rekruten, davon vier Frauen und 25 Männer. Er wolle nicht nur zum Gelöbnis gratulieren, sondern vor allem Dank und Anerkennung dafür aussprechen, dass sie sich dazu entschieden hätten zu dienen. Während die Welt, was die räumlichen Entfernungen anbelange, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kleiner geworden sei, müsse man bei den gemeinsamen Grundüberzeugungen das Gegenteil feststellen. Die Welt entwickle sich voneinander weg statt aufeinander zu. Religiöse und politische Radikalisierungen nähmen zu. Ausgrenzung, Fremdenhass, Ausbeutung, Verfolgung, Folter, Bürgerkrieg und Terror machten die Welt im Ganzen unsicherer. Deswegen sei festzustellen, dass Frieden kein Himmelsgeschenk sei, sondern eine menschliche Leistung, die erarbeitet werden muss. Wer aber nicht immer wieder Frieden und die Freiheit entschlossen und glaubhaft verteidige, der würde sie deshalb auch auf Dauer nicht bewahren können. Das auch sei Rechtfertigung für die Streitkäfte und den Soldaten. Es bedürfe weiterhin junger Frauen und Männer, um diese große Aufgabe auch künftig zu erfüllen. Es dürfe nicht nur vom Frieden geredet werden, sondern ein ganz konkreter Beitrag sei zu leisten – in den Krisenregionen der Welt ebenso wie bei Naturkatastropen im Inneren unseres Landes. Für diesen konkreten Beitrag danke er auch im Namen des Landkreises. Für die Rekruten habe ausnahmslos ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Dieses wusste Brötel mit einigen statistischen Fakten zu untermauern.

Symptomatisch für die heutige Bewerberlage bei der Bundeswehr war die Tatsache, dass allein acht Rekruten einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Sie kommen aus den Ländern Kasachstan, Russland, Türkei, Slowakei, Spanien, Marokko und Rumänien; aus dem Neckar-Odenwald-Kreis stammt keiner der 29 Soldaten. Während einige bereits fest für die 2. bis 5. Kompanie des Logistikbataillons eingeplant sind, werden fünf nach Abschluss der Basisausbildung an Truppenteile in ganz Deutschland – von Saarlouis bis Straußberg, von Delmenhorst bis Wildflecken – versetzt; der Stammtruppenteil für fünf Rekruten wird noch festgelegt werden. Aus diesen wenigen Fakten ist zu entnehmen, dass der Abschied von den Heimatstandorten, den Familien und der gewohnten Umwelt radikal ist.

Auf jeden Fall warb der Landrat aber mit einer listigen Bemerkung auch für unseren Landkreis, wenn er meinte, dass man auch hier wegen der bildhübschen Töchter oder Söhne das Glück seines Lebens finden könne – wenn man nur die Augen offen hielte.

Grußworte von Bürgermeister Markus Günther, Walldürn, und dem Beigeordneten Thorsten Weber, Buchen, folgten. Auch sie betonten, dass die Grund- und Freiheitsrechte in der Bundesrepublik Deutschland ein Schatz seien, den man hüten und pflegen müsse und notfalls auch mit der Waffe in der Hand auch kämpfen müsse. Die Bundeswehr sichere den Frieden und bilde eine existentielle Grundlage für den freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat.

Erfrischend gegenständlich, geradezu „plastisch“, war die Rede des Sprechers der Rekruten, Obergefreiter Jan Kuhnhenne, an die Anwesenden. Er berichtete, vor allen Dingen wohl an die weit über 150 Angehörigen und Freunde gewandt, von den zurückliegenden elf Wochen intensiver und fordernder Ausbildung. Der „Kulturschock“, der gemeinhin jeden Neuling bei den Streitkräften überfällt, wurde anhand kleiner Beispiele verdeutlicht. Wichtiger noch als das Erlernen von Grundkenntnissen und -fähigkeiten sei das Erlebnis der Kameradschaft gewesen, die sich nach und nach aufbaute.

Das Wort Kameradschaft zog sich wie ein roter Faden auch durch die eigentliche Gelöbnisansprache des Kommandeurs. Sie sei der Stützpfeiler der Bundeswehr und erlaube das Überwinden eigener Grenzen. Nur gegenseitige Achtung und Hilfsbereitschaft und die Gewissheit, dass man sich in schwierigen Situationen auf die Kameradinnen und Kameraden uneingeschränkt verlassen könne, ließen den Soldaten in solchen Situationen bestehen. Ein weiterer Aspekt von Kameradschaft sei das Zusammenleben und – wirken von Soldaten und Soldatinnen unterschiedlicher Hautfarben und aus unterschiedlichen religiösen Konfessionen und Kulturkreisen. Sie schlössen sich gemeinsam der Bundeswehr an und dienten einer Werteordnung, die aus ihrer Sicht über kulturelle Grenzen hinweg schützenswert sei. So bewiesen die Streitkräfte ein Integrationsvermögen, dass es wert sei, werbend für einen attraktiven Arbeitgeber eingesetzt zu werden.

Doch auch die „andere Seite der Medaille“, die Pflichterfüllung, wurde von Dietzmann erwähnt. Die Bundeswehr verlange neben einem Höchstmaß an Flexibilität auch den persönlichen Einsatz, um den Auftrag zu erfüllen. Das Gelöbnis in dem feierlichen Rahmen bestätige den bereits vor einiger Zeit geleisteten Eid.

Nach dem Gelöbnischoral wurde von den Rekruten des Ausbildungszuges, den Soldaten auf Zeit und den Wehrdienstleistenden, unter Voransetzung der Worte „ich schwöre“ beziehungsweise „ich gelobe“ die Eidesformel „Der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, nachgesprochen.

Die Nationalhymne und ein persönlicher Händedruck des Kommandeurs, des Landrates und der Ehrengäste beschlossen den offiziellen Festakt im großen Rund des Schlossareals bevor das Reservistenheim in der Burg zu einem willkommenen kühlen Getränk und einer Stärkung aufgesucht wurde.


(Foto: Werner Bernhard)

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