„Hier ist Rom im Boden“

Prächtig zeigen sich im unreifen grünen Kornfeld die präzisen Konturen einer römischen villa rustica bei Bad Rappenau mit Haupthaus (rechts) und zwei Nebengebäuden (links). Inzwischen kennt man sogar den Namen des römischen Bauherren, der „Lucius aventinius maternus“ hieß und ein sogenannter Decurio war. (Foto: Rudolf Landauer)

Geheimnisse der archäologischen Luftbildprospektion

Mosbach. (pm) Wer der Geschichte näher kommen will, muss keineswegs ausschließlich im Boden danach graben. Dieses Bild davon, was Archäologen tun, ist längst überholt, denn mit der Methode der archäologischen Luftbildprospektion lässt sich manch verborgener Schatz entdecken – aus der Vogelperspektive. In die begibt sich seit mehr als 30 Jahren Rudolf Landauer. Er war der Referent eines Vortragsabends an der DHBW Mosbach, der im Rahmen des Studium Generale etliche interessierte Zuhörinnen und Zuhörer in den Audimax gelockt hatte, Studierende und Professoren der DHBW ebenso wie junge und ältere Bürger aus dem Neckar-Odenwald-Kreis. Dieses in loser Reihenfolge veranstaltete Format will fakultäts- und fächerübergreifendes Denken fördern und ging am Mittwochabend auf das Konto des Studiengangs Mechatronik.

Den Vortragsabend moderierte Prof. Dr. Rainer Klein; mit Rudolf Landauer verbindet ihn die Fliegerei. Und ein Flugzeug ist es auch, das der Mosbacher Journalist und Fotograf besteigt, um aus der Luft den Geheimnissen der im Boden verborgenen Geschichte auf die Spuren zu kommen. Die Römer haben zahlreiche davon im Neckar-Odenwald-Kreis hinterlassen. „Hier ist Rom Boden“, ging der Referent ausführlich auf die berühmtesten ein, die beiden Limeslinien, den frühen Odenwaldlimes und den ihn ersetzenden Vorderen Limes. Dass es in der Region einen zweifachen Limes gibt, begeistert Landauer. „Das hebt uns von allen anderen Limesorten ab“, findet er es gleichzeitig schade, dass der ältere – „mein Lieblingslimes“ – im Weltkulturerbeantrag nicht berücksichtigt wurde.

Aus der Vogelperspektive ist im Boden Verborgenes am Bewuchs erkennbar, auch 2.000 Jahre später. „Wo einst ein Graben verlief, stehen die Pflanzen heute höher und sammeln mehr Chlorophyll“, weiß der 71-Jährige, der seine Leidenschaft für die Archäologie aktuell in einem Studium der Frühgeschichte vertieft. Wo Mauerwerk, Fundamente oder Urnen in der Erde sind, weisen die Pflanzen oberirdisch negative Bewuchsmerkmale auf. Beides zeigt sich auf den Fotografien als mal dunkle, mal helle Linien, je nach Jahreszeit und Wachstumsphase deutlich oder schwach erkennbar. Doch dem geübten Auge des Luftbildprospektors entgeht so schnell nichts; ausführliche Vor- und Nacharbeit gehören genauso dazu wie eine präzise Verortung. „Man muss schon wissen, wohin man guckt, und ein bisschen Glück gehört auch dazu.“

Mit Hilfe der archäologischen Luftbildprospektion konnte Rudolf Landauer den Lauf der jüngeren Geschichte bereits mehrfach beeinflussen. Bei Bad Rappenau sollte Anfang der 90er Jahre eine Fabrikhalle gebaut werden. Eine frühe Aufnahme Landauers zeigte die Umrisse eines römischen Kornspeichers, der von ehrenamtlich grabenden Senioren perfekt freigelegt wurde. „Wenn’s mein Bild nicht gegeben hätte, wären die Bagger und Planierraupen angerückt“, freut sich der Fotograf. Dank der Entdeckung des einstigen Kornspeichers und seiner Freilegung kam Getreide zutage, das dort im Boden die letzten 1.900 Jahre unversehrt überstanden hatte. An anderer Stelle konnte Landauer anhand dreier von ihm erfasster Kastelle nachweisen, dass der Odenwaldlimes nicht – wie bisher angenommen – bei Bad Wimpfen als „nasser Limes“ im Neckar seine Fortsetzung fand, sondern weiter nach Süden verlief. Bedauerlich findet der Luftbild-Archäologe allerdings, dass trotz des Wissens um die im Boden verborgenen Bauten der Römerzeit das Bauen der Jetztzeit darauf nicht immer Rücksicht nimmt. Bilder aus der Gegend von Oberscheidental belegten auch dies.

Einer, der sich mit den Überresten menschlichen Wirkens mit dem besonderen Blick aus dem Cockpit widmet, findet in der Haltung des Fliegerkollegen Antoine de Saint Exupéry einen Richtungsgeber, denn der Schriftsteller wusste: „Um klar zu sehen, genügt ein Wechsel der Blickrichtung.“ Verbunden fühlt sich Landauer außerdem dem italienischen Universalgelehrten Galileo Galilei, dessen Erkenntnis er mehrfach zitierte: „Wissen ist immer vorläufig.“ Im Moment jedenfalls widmet sich Rudolf Landauer mit Leidenschaft der Archäologie – zu Lande und in der Luft…

Den aufgezeichneten Vortrag sowie die Anmeldung zum nächsten Vortragsabend am 21. Mai zum Thema Experimentelle Lebensdauerabschätzung von additiv gefertigten Kinematiken unter www.mosbach.dhbw.de/studium-generale.

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