Mudau: Missbrauchsstein gesegnet

Pfarrerin Rebecca Stober verzichtete bei der ökumenischen Segnung des privat initiierten Gedenksteins in Mudau bewusst auf eine Predigt im herkömmlichen Sinn, denn: „Keine Worte könnten dem Leid, das Kindern durch Missbrauch angetan wird, gerecht werden.“ (Foto: Simone Schölch)

Mudau.  (sis)  Elisabeth Sandel aus Waldauerbach, als Therapeutin tätig in der Beratung von Missbrauchsopfern, brachte es gleich zu Beginn der Segnung des Gedenksteins gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen auf den Punkt: „In jedem Dorf, in jeder Stadt gibt es Misshandlung, Missachtung und sexuellen Missbrauch von Kindern. Hinter ganz vielen verschlossenen Türen tun sich Abgründe auf, die wir nicht fassen, manchmal fast nicht glauben können. Und die vielleicht deshalb oft im Verborgenen bleiben.“

Die private Initiatorin dieses Gedenksteins wollte nicht im Verborgenen bleiben. Ganz bewusst ist sie an die Öffentlichkeit getreten mit der Idee, einen Gedenkstein zu setzen. Aus therapeutischen Gründen und als Zeichen: für die früheren Opfer, die es in Mudau genauso gegeben hat wie überall. Und für die Kinder, die gestern, heute und morgen missbraucht werden.

Ein Verbrechen, das sie im Kern ihres Wesens verunsichert, beschämt und verletzt, das sie sich (!) schuldig fühlen lässt und dessen zerstörerische Kraft immer weiter wirkt – auch wenn der reale Missbrauch längst beendet ist.

Dass sexueller Missbrauch kein Randphänomen ist, beweisen die Zahlen: In jeder Schulklasse beispielsweise sitzen durchschnittlich zwei Kinder, die in irgendeiner Form betroffen sind. Immer noch, trotz Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung. Und statistisch gesehen muss ein Kind sieben Erwachsene ansprechen, bevor ihm der erste von ihnen das Unglaubliche glaubt.

Das Thema wurde „auch in Mudau nicht wirklich gut besprochen“, wie Pfarrerin Stober später anmerkte. Tatsächlich waren die Diskussionen – wenn sie denn entstanden – schwierig und sehr emotional. Viele wollten „Vergangenes einfach ruhen lassen“.

Mitstreiter fand die Initiatorin dagegen im Pfarrgemeinderat der Seelsorgeeinheit Mudau, bei Pfarrer Klaus Vornberger, bei Pfarrerin Rebecca Stober und bei Gemeindereferent Michael Käfer. Unterstützung kam auch von persönlich Betroffenen, deren Angehörigen und Freunden.

Und so fanden sich am Sonntagnachmittag rund 60 Menschen ein, um der ökumenischen Segnung des Gedenksteins beizuwohnen, den Ralf Drolshagen aus Preunschen einfühlsam aus einem Sandsteinfindling heraus gearbeitet hat. Er steht auf einem kirchlichen Grundstück oberhalb der Fatimakapelle unweit der Straße nach Rumpfen.

In der schlichten Feier, die Elisabeth Sandel musikalisch umrahmte, wurde der Opfer gedacht – aber auch der Täter. Gemeinsam wurde gebetet, dass Eltern, Erzieher und Vertraute aufmerksam zuhören, vorwurfsfrei vertrauen und hilfreich zur Seite stehen. Und dass Betroffene die Kraft und die Ausdauer haben, das Geschehene zu verarbeiten und wieder am Leben teilhaben zu können.

Pfarrerin Rebecca Stober verzichtet ganz bewusst auf eine Predigt, denn: „Welche Worte könnten dieses Leid angemessen ausdrücken?“ Gott aber kenne die Abgründe; er sei kein „Schönwettergott“, sondern er sei auch dann da, wenn niemand zuhöre: „Er wendet sich nicht ab.“

Die Segnung endete mit dem Dank der Initiatorin an den Künstler Ralf Drolshagen, an Dieter Müller und Klemens Herkert von der Seelsorgeeinheit stellvertretend für alle Helfer und alle beteiligten Firmen, die das Fundament und den Weg gebaut haben und an Pfarrerin Stober, Pfarrer Vornberger und Gemeindereferent Käfer mit allen aus den kirchlichen Gremien, die uneingeschränkt hinter der Idee standen.

Hilfe für Opfer

Bei der ökumenischen Segnung des Gedenksteins gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen wurde immer wieder betont: Es geht nicht nur um frühere Opfer. Es geht um die Kinder, die heute Opfer werden. Deshalb findet sich am Gedenkstein eine kleine Tafel, die mögliche Unterstützungsangebote für Betroffene nennt: www.caritas-nok.de/hilfe-und-beratung; psychologische Beratungsstelle der Diakonie, E-Mail pb@diakonie-nok.de; www.selbsthilfe-nok.de; Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs www.beauftragter-missbrauch.de; Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ www.kein-taeter-werden.de.

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