(Foto: Michael Pohl)
Nichts kann, alles lacht
Von Martin Hammer
Osterburken. Das Publikum der Kulturkommode Osterburken erlebte mit „Zärtlichkeiten mit Freunden“ eine wunderbar verrückte Mischung aus Klamauk und feinsinniger Comedy
Wenn das Duo „Zärtlichkeiten mit Freunden“ eine Bühne wie die der Osterburkener Baulandhalle betritt, vergisst man am besten alles, was man von herkömmlichen Konzerten oder Comedy-Abenden erwartet. Unter dem Deckmantel des selbst geprägten Kunstgenres Musik-Kasperett regieren eher absurdes Genie und ungewohnte Klangwelten.
Mit ihrem aktuellen Programm „Alles muss, nichts kann“ offenbaren Stefan Schramm und Christoph Walther eindrucksvoll, dass ausufernde Dialoge und vereinzelte mutige Synthesizer-Experimente die perfekte Mischung für einen äußerst unterhaltsamen Abend sein können.
Die beiden kennen sich schon seit fast immer. Und fast genauso lange sind sie die bekannte Band „Zärtlichkeiten mit Freunden“. Neben mäßig gespielter Musik und geklauten Witzen haben sie nicht viel zu bieten, das zumindest behaupten sie von sich selbst. Schier unerklärlich scheint es da, dass bei ihnen über 20 Kleinkunst- und Comedypreise auf dem Schrank stehen.
Doch der Erfolg gibt ihnen Recht: Die Freunde aus Riesa haben ihre spezielle Art der musikalischen Arbeitsverweigerung im Laufe der Jahre zur bundesweit gefeierten Kunstform erhoben. Und wer glaubt, unterhaltsames Kabarett müsse intellektuell glänzen, wird von „Zärtlichkeiten mit Freunden“ eines Besseren belehrt.
Die Bühnenoutfits mit den albernen Perücken sowie ihre Alter Egos Ines Fleiwa und Cordula Zwischenfisch sind zusätzliche Mittel, um die Widersprüchlichkeit ihres kreativen Schaffens nur noch deutlicher zu machen: nach außen hin auf den ersten Blick völliger Klamauk, bei näherem Hinsehen aber doch unerwartet feinsinnig ausgearbeitet und daher umso treffsicherer.
Zum anstehenden Bandjubiläum wirkt Ines Fleiwa auf eine Neuausrichtung und Weiterentwicklung zur elektronischen Musik hin und ersetzt eigenmächtig Cordulas analoges Schlagzeug durch das elektronische KX9 – nicht gerade das neueste Modell und schon gar nicht im Sinne von Cordula selbst.
Dieser Ausgangslage entspringen ausschweifende Dialoge in einer ganz eigenen Welt, in denen Alltagsthemen zu Absurditäten werden und in denen immer wieder treffend platzierter Wortwitz und sächsische Selbstironie ihren Platz finden. Wo andere Comedians auf Pointen im Sekundentakt setzen, zelebrieren „Zärtlichkeiten mit Freunden“ die Kunst des entschleunigten Humors.
Im Laufe des Zwiegesprächs entwickelt sich jedoch unausweichlich ein dramatisches Szenario: Cordula Zwischenfisch fühlt sich durch die künstlerische Neuausrichtung übergangen, als Musiker nicht mehr wertgeschätzt und dringt auf eine Bandpause, während Ines Fleiwa über eine App bereits einen Ersatz-Schlagzeuger sucht.
Der wird ausgerechnet in dem etwas naiven aber durchaus mitteilungsbedürftigen Rico Rohs aus Oppitzsch gefunden, der nun seinerseits ausführliches Insiderwissen über Kassettenwürfel und TKKG-Hörspiele von sich zu geben weiß, um schließlich enttäuscht feststellen zu müssen, dass Ines sich am Ende doch einzig Cordula als musikalischen Partner wünscht.
Der bestandene Beziehungstest ändert zwar nichts daran, dass die punktuell eingestreuten Songs eher ein „Trockenstrauß an Melodien“ sind, versöhnt aber zumindest die beiden Bandmitglieder miteinander. „Ich bin immer für dich da, wenn du Probleme brauchst“, verspricht Ines reumütig.
Mit „Alles muss, nichts kann“ liefern „Zärtlichkeiten mit Freunden“ wieder ein Paradebeispiel für ihr ganz eigenes Musik-Kasperett, mit dem das Duo konsequent die Erwartungen des Publikums bricht: Statt virtuoser Musikstücke wird das Scheitern an den eigenen Ansprüchen mit den inzwischen schon kultigen Kunstfiguren Ines, Cordula und Rico auf humorvolle Weise inszeniert.
Christoph Walther und Stefan Schramm beweisen einmal mehr, dass sie ihr Handwerk zwischen absurdem Theater und feinsinniger Comedy meisterhaft beherrschen und dass man auch mit minimalem musikalischem Ertrag zu Recht maximalen Applaus ernten kann.




