Rathaus Mosbach. (Archivbild: pm)
Halbzeit oder bald schon Schlussrunde?
Vor etwas mehr als vier Jahren wählten die Mosbacher Julian Stipp (SPD) gegen den Amtsinhaber als neuen Oberbürgermeister, der am 01. September 2022 sein neues Amt antrat.
Verbunden war dies nach dem eher distanzierten Großstadtmenschen Michael Jann damit, dass der gebürtige Limbacher sich bürgernäher und offen für die Anliegen der Menschen wie der gesamten Gesellschaft zeigt.
Nach der Hälfte der Amtszeit stellt sich heraus, dass der Kontakt zur Bevölkerung eher geringer geworden ist. „Ein Mann des Wortes“, wird ihm oft bescheinigt, aber der Tat ?
Da, wo sich jemand durch seine Wortgewandtheit abhebt, fehlt meist das gute Miteinander und das „Wir“, wie es im Landkreis zu beobachten ist, wo allmählich die daraus entstehenden Defizite deutlich negativ erkennbar werden.
Im Gegensatz zu Herrn Stipp hat Herr Jann jährlich seine Stadtteilgespräche vor Ort und einen Neubürgerempfang, die erste Visitenkarte und Einladung für neu Zugezogene, absolviert. Herr Stipp hat anfangs eine Sprechstunde angeboten, aber die letzte ist schon lange her.
Ihn scheint der gute Draht in die breite Bevölkerung – seine Wählerbasis, für die er allerdings auch Verantwortung trägt – kaum zu interessieren. Sieht man ihn mal auf einer Veranstaltung, umgibt er sich nach einem offiziellen Teil sofort mit Gemeinderäten oder Mitarbeitern. Später erfährt man über Instagram, das viele nicht haben, wie toll er alles fand.
Auch wenn man das Ehrenamt fördern will, sollte man die Menschen kennen, um ihre Möglichkeiten einschätzen und sie motivieren und zusammenführen zu können. Sie sind unerlässlich für eine Kommune. Allein schon bei der misslungenen Wahl des Jugendgemeinderates zeigte sich Herrn Stipps mangelndes Interesse und Geschick.
Während der OB von Schwäbisch Gmünd – einer Stadt mit 64.000 Einwohnern – wenn er über den Marktplatz läuft, als ‚Sorgentante‘ der Menschen wahrgenommen wird, oder der neue OB von Stutensee die Verwaltung bürgernäher positionieren möchte, und ein anderer Bürgermeister monatlich eine Stunde im Pflegeheim Besuche macht, sieht man Herrn Stipp im Alltag durch die Stadt rennen, oft das Smartphone am Ohr. Samstags auf dem Markt ist er unbekannt, auch als Kunde.
Von den über 450 Mitarbeitern zeigen selbst die Führungskräfte kaum Interesse an der Stadt Mosbach und ihren Menschen.
Die zu Beginn der Amtszeit oft gehörten „Verbesserung der Aufenthaltsqualität“ und „Schwammstadt“ – mehr Grün und ein besseres Klima in der Stadt sowie Chancen für die Gastronomie und eine lebendige Innenstadt – wurden in diesen Hitzetagen schmerzlich vermisst. Nicht mal für Schattensegel und mobile Wasserspender war gesorgt.
Auch der nahe Elzpark sollte umgestaltet und u. a. mit einer Hütte für Erfrischungen ausgestattet werden. Davon war in den vergangenen vier Jahren keine Rede mehr.
Bei dem wichtigen Thema Neckar-Odenwald-Kliniken, zudem die größte finanzielle Belastung, ist er als Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Mosbach noch nicht mal im 14-köpfigen Aufsichtsrat vertreten.
Die Aufzählung könnte beliebig fortgeführt werden. Diese bescheidene Zwischenbilanz und das Fehlen von Perspektiven sowie positiven Ideen sind zum Nachteil der Stadt und vieler ihrer Bürgerinnen und Bürger.
Ein aktuell passendes Beispiel ist der Abschluss der Freibadsaison, gleichzeitig mit Schefflenz. Während sie dort mit einem rauschenden Fest endete, obwohl – oder weil – es weitgehend mit ehrenamtlichen Helfern betrieben wird, wurde in Mosbach mit – zwei Geschäftsführern und hauptamtlichem Personal – einfach ‚das Licht ausgemacht und das Tor verriegelt‘.
Ein Kümmerer ist er wahrlich nicht, was aber dann???
Unsere Bürgervertreter im Stadtrat und Kreistag schauen zu, obwohl eine Große Kreisstadt eine Vorreiterrolle einnehmen sollte.
Leider gibt es niemanden, der den politisch Verantwortlichen ‚auf die Finger schaut‘ und die Nachteile beim Namen nennt.
So gewinnt man den Eindruck, dass Herr Stipp – wie zusehends andere Bürgermeister – die 12 Jahres-Regelung für Wahlbeamte nutzt, nach der er in zwei Jahren mit seinen zeitanteiligen Pensionsansprüchen die Stadt Mosbach verlassen und eine andere Tätigkeit suchen kann, die ihn mehr interessiert.
Ob zu alldem beigetragen hat, dass Landrat Dr. Brötel als erster Gratulant nach der Wahl Herrn Jann, der gerade nur 19 % erreicht hatte, eine ‚hervorragende Arbeit‘ attestierte, aber dennoch ‚die Jugend gesiegt habe‘, also nicht der gute Wahlkampf von Herrn Stipp, und dass Herr Stipp in sechs Jahren als Bürgermeister in Salach quasi ’nur‘ eine Stippvisite absolviert hätte, was die dortige Zeitung in einem Leitkommentar klar zurückwies?
Allerdings könnte das ein Hinweis auf die vorhandene Hierarchie gewesen sein; bei einem CDU-Kandidaten hätte Dr. Brötel dies wohl nicht so formuliert.
Neben der Wirtschaftsförderung ist die Zusammenführung der Menschen zu einer Stadtgemeinschaft – ein soziales Netz, gerade für die älteren, oft einsamen oder gar armen Menschen – oder die Integration der ca. 4.000 ausländischen Mitbürger (immerhin 93 Nationalitäten mit etwa 650 Kindern von null bis 13 Jahren) – mit die wichtigste Aufgabe eines Bürgermeisters.
Hier wären zahlreiche Arbeitsfelder, die es längst anzugehen gilt. Anregungen und Vorschläge gibt es reichlich, die Herr Stipp bislang anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen hat.
Auf diese Weise ist er für einen Großteil der Bevölkerung ein Fremder geblieben. Ob er sich noch an seinen Amtseid erinnert?
Daher sollte er sich bald erklären und zeigen, ob eine vitale Stadt Mosbach noch sein Ziel ist oder ob er schon auf das Ende seiner Amtszeit in Mosbach schielt.“
Reinhold Berberich, Mosbach



