„Raubgesindel“ im Odenwald

Mauerreste zeugen von verlassenen Odenwalddörfern. (Foto: Liane Merkle)

Mit Wolfsaugen unsichtbar gemacht

Mudau. (lm) „Von der Jagd, Wilderei und „Raubgesindel“ im Odenwald und Spessart“ unter diesem Titel stand die gemeinsame Veranstaltung des Heimat- und Verkehrsvereins Mudau und des Hegerings Mudau.

Hegeringleiter Carsten Schäfer begrüßte die Teilnehmer und den Referenten Hans Slama. Dieser spann einen Bogen von den Jäger- und Sammlerkulturen zu den Bauernkulturen der Jungsteinzeit, den jagenden Römern im Odenwald und Spessart bis hin zur ehemals freien Jagd der fränkischen Bauern und der Siegfriedsage. Als sich die freien Bauern ab dem ausgehenden sechsten Jahrhundert mehr und mehr durch den Verzicht auf die Heerfolge in die Leibeigenschaft begaben wurden sie mehr und mehr aus der ursprünglich gemeinsamen Nutzung von Feld, Flur, Wald, Fischfang und Jagd hinausgedrängt. Nunmehr wurde das genossenschaftliche Jagdrecht durch den königlichen Wildbann, bei dem nur Berechtigte jagen durften, beschränkt.

Seitdem wird bis zum heutigen Tag gewildert. Die erste Kunde darüber stammt von Einhard, dem Biografen Karls des Großen um 830. Schon damals wurde das Wildern hart bestraft.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahmen Wald- und Wildfrevel auffallend zu, die sich dann in Folge der Französischen Revolution mit oft auch tödlichen Angriffen auf die Forstschützen häuften. Diese Vorfälle, unterstützt durch die ländliche Bevölkerung, sind nur zum Teil in den Notzeiten zu suchen. Zum anderen Teil ist die Auflehnung der Untertanen gegen die Privilegien des Adels, des Klerus und der Klöster in dem immer als ungerecht empfundenen exklusiven Jagdrecht zu suchen.

Im Bauernkrieg 1525 beriefen sich die Bauern darauf, dass die Jagd ursprünglich frei war. Sie plünderten und verwüsteten Dörfer und Burgen, darunter auch die Klöster Himmelthal und Amorbach, die Burg Wildenberg und das Schloss Sommerau. Im Spessart schossen sie das Wild ab, fischten die Bäche leer und plünderten in den Wäldern.

Durch die Niederschlagung der Aufstände blieben die alten Regelungen bis zur Agrarrevolte 1848/49, also über weitere 300 Jahre bestehen. Die Bauern waren der adeligen Willkür ausgesetzt und mussten tatenlos zusehen wenn ihre Felder verwüstet wurden. Zudem mussten sie auch noch Jagdfronen leisten, die mit der Zeit zur Bauernplage ausuferten. Für die oft tagelangen Fleisch-, Prunk und Lustjagden des Adels wurden ganze Dörfer aufgeboten, Hunde zur Hatz gestellt und Wälder umstellt.

Die häufigen Beschwerden der Bauern nützten nichts. Sie wurden zur Bestellung besonderer Feldhüter genötigt. Diese durften keine großen Hunde halten und sich auch nicht mit Flinten zum „Blindschießen“ versorgen, den kleinen Hunden band man kreuzweise Holzknüppel vor die Läufe um Hetzen zu unterbinden. Diese “Wildbrethüter“, „Kornhüter“, auch Förster und Bedienstete machten oft mit den Wilderern gemeinsame Sache.

Obwohl allen Geistlichen die Jagd offiziell verboten war, betrieben viele geistliche Würdenträger die Jagd so leidenschaftlich wie ihre meist adelige Verwandtschaft. Nachdem der Wildbann, wie viele andere ehemalige königliche Rechte, immer mehr auf geistliche und weltliche Herrschaften übergegangen war, stand dann im Mittelalter die Jagd in der Regel dem Gerichtsherrn zu. Über den Wildbann war es möglich die Landesherrschaft zu erreichen und auch die Schließung des Forstes im Interesse der Jagd. Das führte zu erheblichen Konflikten, denn dies stand im Gegensatz zu den notwendigen Weiderechten in den Wäldern. Wer sich unberechtigt im Wildbann aufhielt, Holz sammelte oder gar wilderte wurde hart bestraft.

Es war eine Verletzung des Königsbannes. Man konnte die rechte Hand verlieren oder gar das Leben, auch gab es Galeerenstrafen. Bis etwa um 1500 waren Wisent, Elch und Bär nahezu verschwunden, die großen Pflanzenfresser praktisch ausgerottet. Die Hetzjagden zu Pferde und einer großen Hundemeute wurden auf Rehe, Hirsche und Wildschweine ausgeübt.

Häufig wurde auch die Vogeljagd und die Beizjagd mit Falken betrieben. Das Rotwild hatte ehemals eine besonders große Bedeutung, ebenso die Fischerei und der Biber als Fastenspeise. Die Jagdstrecken passten sich dem jeweiligen Biotop an.

Während bis zur Anpflanzung von Kiefern und Fichten im 19. Jahrhundert die Niederwildstrecken dominierten nahm nun das Hochwild  mit Rot- und Schwarzwild zu. Von Graf Franz I. zu Erbach, dem Errichter des Eulbaher „Thiergartens“ ist überliefert, dass er im Laufe seines Lebens 5649 Stück Wild erlegte, an einem Tag 26 kapitale Hirsche.

Die weiteren Ausführungen handelten von den vielen Streitereien um das Jagdrecht und der Erstellung von Jagdgrenzkarten, diesbezüglichen Prozessen, Jagdtausch und damit verbundenen Todesfällen. Um die Wildschäden zu reduzieren und das Jagdvergnügen trotzdem zu erhalten, wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts sogenannte „Thiergärten“ errichtet. Die größten Anlagen im Odenwald hatte anfangs die Grafschaft Erbach, direkt in Erbach am Schloss, auf dem Krähberg, im Reichenberger Forst und dann in Eulbach.

Das Fürstenhaus Leiningen richtete 1809 beim heutigen Schloss Waldleiningen einen „Thiergarten“ ein, auch das Haus Baden in Zwingenberg. Im Spessart waren es die großen Park der Mainzer Erzbischöfe und auch derjenige des Hauses Erbach als Nachfolger der Rienecker. Sie wurden eingezäunt, oft mit Eichenplanken und die Einfahrten wurden mit Torhäusern versehen. Da sie ihren Zweck nicht erfüllten, teuer und nicht mehr zeitgemäß waren, hatten die Parks keinen Bestand. Sie wurden meist wieder aufgelassen und in kleinerer Form weitergeführt.

Der Fürst von Leiningen allerdings arrondierte seinen Wildpark noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Er kaufte in der Umgebung Grundstücke auf und die Dörfer Neubrunn/Ernsttal und Galmbach/Eduardstal mit der Wassermühle Schloßau wurden aufgelöst. Auch Dörnbach und Breitenbach fielen ihm zum Opfer. Die Bewohner wurden um- oder ausgesiedelt.

Im letzten Teil ging es noch um die vielen Wildereien und Todesfälle von Förstern und Wilderern und den damit verbundenen Geschichten und Sagen. Die Wilderei spielte in den wildreichen und armen Regionen von Odenwald und Spessart immer eine große Rolle. Ganze Wildererbanden, unterstützt von der durch die Jagd und Wildschäden geplagten Bevölkerung durchstreiften die großen zusammenhängenden Waldgebiete.

Die Wälder zwischen Mud, Main und Ohrnbachtal waren ein beliebtes Operationsgebiet, ebenso wie der Spessart. Auch gewerblich wurde gewildert. Es ging um Leben und Tod. Auf Angerufene sollte gemäß den herrschaftlichen Anweisungen sofort geschossen werden. Es gab auf beiden Seiten viele Tote bei einer sehr hohen Dunkelziffer.

Der bekannteste Fall in unserer Nähe ist der Tod des leiningenschen Forstgehilfen Johann Stephan Seitz im Jahre 1819 in der Nähe der nach ihm benannten Straßenkreuzung „Seitzenbuche“. Auch die aufgelösten Dörfer wie Galmbach, Rieneck, Ferdinandsdorf und die Wassermühle werden mit dem Wildern in Verbindung gebracht, teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht.

Insbesondere in der napoleonischen Zeit führten die Räuber wie Schinderhannes und die Hölzerlipsbande ihr Unwesen in den Wäldern und Dörfern. Dies endete erst mit der Hinrichtung derselben in der Zeit von 1803 bis 1814. Der Fürst von Leiningen war der Meinung, dass ein guter Räuber zuvor ein guter Wilderer gewesen sein muss.

In den Jahren der Agrarrevolten 1848/49 wurde in den Parks wieder heftig gewildert. In Ernsttal musste Militär eingesetzt werden. In Eulbach kam es zu Schusswechseln. Auch im 1. Weltkrieg flammte die Wilderei in den Parks wieder auf. Der letzte große Wilderer im Odenwald war der „Karrefranz“ 1864 in Ohrnbach geboren und 1926 in Walldürn-Reinhardsachsen gestorben. Von ihm erzählt man sich, dass er sich mit Wolfsaugen habe unsichtbar machen können.

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