Ein Thekengespräch mit Tiefgang

„Hirnschrittmacher des deutschen Kabaretts“, HG Butzko in Osterburken.(Foto: Michael Pohl)

Frei von Ideologien und mediengestützten Standpunkten

Von Martin Hammer

Osterburken. Passend zum 25-jährigen Jubiläum der Kulturkommode Osterburken hatte der Kleinkunst- und Kulturverein mit HG Butzko einen Künstler zu Gast, der mittlerweile auf ebenso viele Jahre Bühnenerfahrung zurückschauen kann.

In seinem aktuellen Programm „ach ja“ zieht der mehrfach preisgekrönte Kabarettist aus dem Ruhrpott nun Bilanz, lässt genau dieses Vierteljahrhundert Revue passieren und die Zuhörer an seinen Gedanken darüber teilhaben, was in diesem Zeitraum in Politik und Gesellschaft vor allem eher nicht so gut gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen.

Viele Versprechungen seien gemacht worden von den Regierungen der letzten vier Kanzlerschaften, blühende Landschaften sollten in allen Teilen Deutschlands entstehen, allen Bürgern und sogar der Umwelt sollte es besser gehen. Was daraus geworden ist und warum nicht – das alles fundiert und gleichermaßen unterhaltsam zu erklären, ist genau HG Butzkos Ding.

„Ach ja, bevor ich anfange, noch ganz kurz…“, war der Running Gag des Abends, denn es gab eigentlich immer noch ein anderes wichtiges Thema anzuschneiden, ehe Butzko zum vermeintlichen Inhalt des Programms kam.

Dass vor allem diese Einschübe die bekannten Wendemarken und wichtigen Details der weltweiten und insbesondere bundesdeutschen Politik darstellten, wurde jedoch bald klar.

Die durch die Lehman-Investmentbank verursachte Finanzkrise vermochte der Gelsenkirchener dabei genauso verständlich zu erklären, wie er verdeutlichen konnte, dass die Umweltpolitik schon seit der damaligen Umweltministerin Merkel leider bis in die heutige Zeit verschleppt wird. Sehenden Auges hätte sich die deutsche Politik in so manche Krise manövriert.

Immerhin sorge Wladimir Putin dafür, dass Butzko froh sei, von Olaf Scholz regiert zu werden. Auf deutliche Russland-Kritik folgten aber auch entsprechende Anmerkungen zur ukrainischen Regierung. Zwar gehörten Satiriker automatisch immer zu den Guten und Selenskyj selbst genieße im aktuellen Krieg nicht völlig zu Unrecht beinahe Heldenstatus – dennoch bestünden nach wie vor in der Ukraine derart viele strukturelle Defizite, die eigentlich verhinderten, das Land in die EU aufzunehmen.

Häufig möchte man aber unangenehme Wahrheiten nicht sehen. Und nicht umsonst meinte selbst Jean-Claude Juncker im Umfeld der Eurokrise 2011: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“

„Ich war immer ein Freund differenzierter Kritik“, beschreibt HG Butzko seinen Stil und ist sich dessen bewusst, dass er dabei vermeintlich in so manches Fettnäpfchen tritt. Wenn man sich beispielsweise erlaube, beim Thema Corona beide Seiten zu kritisieren, kriege man auf jeden Fall „auffe Fresse“.

Und nicht selten sei es seiner Meinung nach und aufgrund eigener Erfahrungen fragwürdig, wie der Journalismus mit Minderheitenmeinungen umgeht.

Frei von Ideologien und mediengestützten Standpunkten erklärt der „Hirnschrittmacher des deutschen Kabaretts“ dem Publikum, das spürbar an seinen Lippen klebte, politische Zusammenhänge und deren Hintergründe. Man muss nicht in allen Details Butzkos Gedanken komplett teilen – was er aber auf jeden Fall mit seinen mitunter kontroversen Thesen bezweckt, und auch erreicht, ist, dass man eine bisher unbekannte Sicht auf politische Vorgänge bekommt und manch eingefahrene Meinung zumindest infrage stellt.

HG Butzko lullt die Zuschauer nicht ein – er führt auf der Bühne Diskurse als Monolog und fordert zum Nach- und Mitdenken auf. Wenn man so will, ein Thekengespräch mit Tiefgang, das aber so kumpelhaft und launig daherkommt, dass nur noch die Currywurst auf dem Bistrotisch fehlt. Verstehse?

 

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