Das Team beobachtet aufmerksam das Monitorbild. Tiere, hier ein Kitz, erscheinen als helle Punkte. Drohnenpilot Andreas Schmidt behält alles im Blick: Tiere sind wärmer als die Umgebung und erscheinen als helle Punkte. Mitunter laufen auch Hasen, Ricken oder Füchse durchs Bild. (Foto: Martin Hahn)
Buchen/Neckargerach. (ha) „Wenn wir in die hilflosen Augen des geretteten Rehkitzes geschaut haben, dann wissen wir, dass sich die ganze Arbeit und Mühe gelohnt hat“, sagt Angela Müller vom Leitungsteam der Rehkitzrettung Buchen e. V. In der gerade beendeten Saison wurden in den Bereichen Buchen und Neckargerach 155 Rehkitze gerettet.
Der Aufwand ist enorm, und das alles ehrenamtlich. Seit Ende April wurden Flächen abgesucht, die zusammen fast 3.000 Fußballfeldern entsprechen. In 127 Einsätzen kamen in 500 Einsatzstunden insgesamt 2.068 Hektar landwirtschaftliche Fläche zusammen. Möglich war diese Leistung nur dank vieler Helfer und moderner Technik wie Drohnen mit Wärmebildkamera und GPS.l
Warum Rehkitze vor Gefahr nicht fliehen
Rehkitze rennen bei Gefahr nicht einfach weg, sondern ducken sich im hohen Gras und verharren regungslos. Dieser Schutzmechanismus hilft gegen andere Tiere, wird aber für die Jungen oft tödlich, wenn Mähwerke auf die Wiesen kommen. Während der Brut- und Setzzeit ist das Risiko besonders hoch. Landwirte haben im meterhohen Gras meist keine Chance, Tiere rechtzeitig zu entdecken. Deutschlandweit sterben nach statistischen Schätzungen über 100.000 Rehkitze auf diese Weise.
Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Jägerschaft und Rehkitzrettern
Wirksam ist vor allem die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten, dem Landesbauernverband, der Jägerschaft und den Rehkitzrettern. Der Landwirt meldet sich beim Verein und teilt Flurstück sowie Mähtermin mit. Dabei hilft die kostenlose App Kitzrettung, die in den App-Stores verfügbar ist. In den frühen Morgenstunden, wenn es möglichst kühl ist, wird das Feld mit der Drohne überflogen und der wärmere Tierkörper erkannt.
Das Kitz wird anschließend vorsichtig mit Handschuhen und Gras aufgenommen und in einer Box in Sicherheit gebracht. Dabei darf es niemals mit bloßen Händen berührt oder gar gestreichelt werden. Sonst könnte das Muttertier das Jungtier wegen des fremden Menschengeruchs nicht mehr annehmen. Die Ricke findet ihr Kitz über Laute wieder.
Einsätze am frühen Morgen mit eingespieltem Team
Meist beginnt die Arbeit schon um 4:30 Uhr an der ersten Wiesenfläche. Die Teams bestehen aus Drohnenpilot, Beobachter und Rettern. Der Beobachter überwacht das Wärmebild auf dem Monitor und achtet zugleich auf Hindernisse wie Bäume oder Stromleitungen. Die Retter sind mit Funkgeräten, Kescher und Boxen ausgerüstet. Häufig begleitet auch der Landwirt das Team, nachdem er den Rettungseinsatz rechtzeitig angekündigt hat.
Wichtig ist zudem die Einbindung der lokalen Jäger, denn die Rehkitzrettung zählt rechtlich zur Jagdausübung und berührt das Jagdrecht der Revierinhaber.
Präzises Arbeiten mit Drohne, Kescher und Box
Hat die Drohne, die meist in etwa 40 Metern Höhe fliegt, ein Rehkitz entdeckt, rückt das Team sofort aus. Die Drohne bleibt über der Stelle, während per Funk weitere Anweisungen gegeben werden. In Sprungnähe kommt ein Kescher mit langem Stiel zum Einsatz, da die Kitze oft in Sekundenbruchteilen aufspringen. Ist das Kitz im Kescher, wird es vorsichtig mit Handschuhen und Grasbüschel aufgenommen und in die Box gesetzt.
Die Box wird fest verschlossen, damit sich das Kitz nicht befreien und in die noch ungemähte Wiese zurücklaufen kann. Für Außenstehende sind solche Einsätze beeindruckend: Das Team arbeitet Hand in Hand, während die Tiere sehr unterschiedlich reagieren, mal ruhig und abwartend, mal laut und unruhig.
Mit einem Infoschild „Fasse mich nicht an – Rehkitzrettung“ wird die Box am Feldrand abgestellt. Im Idealfall beginnt der Landwirt kurz danach mit der Mahd, damit das Rehkitz schnell wieder in die Freiheit entlassen werden kann. Die Ricke nimmt ihr Jungtier über Laute wieder auf und findet es problemlos.
Viel Organisation und großes ehrenamtliches Engagement
„Wir sind unendlich dankbar, dass sich so zahlreiche Landwirte bei uns Rehkitzrettern gemeldet haben“, sagt Angela Müller. Die Planung über Wochen ist jedoch Schwerstarbeit, vom Sammeln der Meldungen über die Einsatz- und Personalplanung bis zur Wartung der aufwendigen Technik. Oft läuft es nicht wie geplant: Ein plötzlicher Regenschauer kann den Mähtermin verschieben, oder eine geplante Mahd wird vorgezogen.
Das Team der Rehkitzrettung Buchen unter Leitung von Angela Müller, Stefan Müller und Andreas Schmidt kann auf eine starke Saison zurückblicken. Vier Teams in Buchen und zwei in Neckargerach waren unermüdlich im Einsatz, dazu gehören sieben Drohnen mit kompletter Ausstattung zum Verein. Nun heißt es erst einmal ausruhen und neue Kraft sammeln.
Helfer und Spender weiterhin willkommen
Manpower und Technik gibt es nicht umsonst. Deshalb sind Helfer und Spender weiterhin willkommen. Weitere Informationen finden Interessierte unter www.rehkitzrettung-buchen.de.
Landwirt Stefan Gehrig vom Schlempertshof in Höpfingen half ebenfalls bei der Rehkitzrettung auf seinen Wiesenflächen mit. Die Drohne oben rechts im Bild weist den Weg: Direkt darunter liegt das Rehkitz. Das Team nähert sich vorsichtig, mit dabei sind Kescher, Box und das Hinweisschild „Fasse mich nicht an“. (Foto: Martin Hahn)