Kurden – Zwischen Unterdrückung und Rebellion

(Foto: pm)

Lesung im Martin-Luther-Haus

Von Corinna Scharrenberg
Mosbach. (pm) Gut 50 Personen kamen zur Lesung von Kerem Schamberger ins Martin-Luther-Haus nach Mosbach. Kerem Schamberger ist Co-Autor des Buches „Die Kurden – Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“, aus dem er vorlas.

Geladen hatte der Evangelische Kirchenbezirk und die Diakonie Neckar-Odenwald im Rahmen der Interkulturellen Woche und so begrüßten Dekan Folkhard Krall vom Kirchenbezirk sowie Jeannette Bell und Ines Neubauer von der Diakonie den Autoren und die anwesenden Gäste. „Wir sprechen nicht nur über die Kurden, sondern auch mit den Kurden“, betonte Jeannette Bell und freute sich damit über die zahlreich erschienenen Kurden und Kurdinnen.

Danach fing Kerem Schamberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung München sowie politischer Aktivist, mit seiner Lesung an. Sein Buch, das er gemeinsam mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Michael Meyen schrieb, möchte auf die Freiheitsbewegung der Kurden hinweisen und die Demokratiebewegung nachzeichnen. Schamberger zeigte auf, dass das kurdische Problem auch ein deutsches Problem ist. Das Buch erzählt anhand von zwölf Frauen und Männern, meist Wissenschaftler/innen, Aktivisten und Journalisten, die kurdische Geschichte.

Kerem Schamberger, der eine deutsche Mutter und einen türkischen Vater hat, liest aus dem zweiten Kapitel seines Buches: „Die kurdische Frage, von Duisburg aus gesehen“. Die Zuhörer werden auch mit Bildern mit hineingenommen in die Gründungsmythen der Kurden sowie den Erklärungsversuch, wo Kurdistan eigentlich liegt. Denn die über 30 Millionen Kurden haben zwar türkische, iranische, irakische oder syrische Pässe, sind aber das größte staatenlose Volk der Welt – ohne eigenes Land, ohne einheitliche oder klare Grenzen.

„Du kannst nicht in einem Teil Demokratie spielen und andere Teile massiv unterdrücken“, heißt es in Schambergers Buch über die türkische Politik, womit der Autor überschwenkt in einen Vortrag über die aktuelle Situation der Kurden und Kurdinnen in der Türkei. Fundiert und gut informiert berichtet er von Unterdrückung, politischer Willkür und ständigen Festnahmen. Er berichtet, wie mit der Türkei die zweitgrößte Nato-Armee gegen ein paar Tausend kurdische Kämpfer und Kämpferinnen ins Feld zieht und zeigt Bilder von zerbombten Städten im Osten der Türkei, wie man sie sonst aus Syrien kennt.

Des Weiteren berichtet Schamberger von drei Schicksalen, von drei Kurden und Kurdinnen in der Türkei. Unter anderem von einer Frau, die während einer Ausgangssperre, die viele Wochen andauerte, von türkischen Scharfschützen angeschossen wurde und auf der Straße vor ihrem Haus verwundet liegenblieb. Zwei Verwandte wurden beim Versuch, ihr zu helfen, erschossen und verletzt. Die über fünfzig Jahre alte Frau lag mehrere Tage hilflos auf der Straße bis sie starb. Nach sieben Tagen erst konnte ihr Leichnam geborgen werden.

Im Raum ist es mittlerweile ganz still geworden. Kerem Schamberger liest weiter aus dem zweiten Kapitel und erläutert die Ursprünge des Konflikts in der Türkei. Dabei geht er auch auf die Unterschiede der Sprache ein und erwähnt, dass sich im Westen der Türkei viele Kurden und Kurdinnen, vor allem in den großen Städten, türkisch fühlen.

Schamberger möchte seinen Abend nicht mit den schweren, negativen Eindrücken abschließen und berichtet von Positivem: Der „konkreten Utopie“ im Norden Syriens beispielsweise, in Rojava, bei der ein basisdemokratisches System mit der Bekämpfung des Patriachats und ökologischen Projekten umgesetzt wird. In Rojava werden Entscheidungen von den Kommunen bis hin zum Volksrat Westkurdistans getroffen, die Befreiung der Frau ist hier vollzogen, viele sind in öffentlichen Ämtern und Berufen aktiv, die sonst eine Männerdomäne, auch in Deutschland, darstellen.

Dem Umweltschutz, vor allem dem Kampf gegen die Versteppung widmet man sich zudem, die Überzeugung, dass es keinen Sinn macht für die Zukunft zu kämpfen, wenn der Klimawandel nicht gemildert wird, ist hier zentral. Schamberger war selbst mehrfach und lange vor Ort und betonte, dass es neben den Aufbrüchen dort immer noch Krieg gibt, „mit deutschen Panzern und Unterstützung des Westens“.

Bei der abschließenden Diskussion wurde dann gar nicht viel diskutiert, zu sehr wirkten die Fakten und Bilder. Zwei Kurden unterstrichen die Richtigkeit Schambergers Darstellungen. Eine Kurdin erzählte, dass sie hier in Mosbach auch immer wieder Probleme haben, wenn sie für ihr Volk demonstrieren möchten. Generell würde bei Kurdinnen und Kurden eine Nähe zur verbotenen PKK unterstellt. Schamberger unterstrich ihre Erfahrungen, gegen ihn laufen aktuell 15 Verfahren wegen des Zeigens verbotener, angeblicher PKK-Symbole und Ähnlichem.

Ein in Mosbach lebender Kurde brachte in gebrochenen Deutsch das Anliegen des Autors vielleicht am besten auf dem Punkt: „Wir verstehen, wie Erdoğan uns unterdrückt. Aber wieso unterdrückt uns Deutschland, wieso der Westen? Wir brauchen Hilfe!“
Die Kurden – Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion, Westend-Verlag, 19 Euro (der Überschuss aus den Einnahmen kommen Kurden zugute, die vor Gerichtsverfahren stehen),

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