Nachhaltigkeit in der Anästhesie

Statt des bisher verwendeten Narkosegases Desfluran kommt in den Neckar-Odenwald-Kliniken bei Vollnarkosen Sevofluran zum Einsatz. Diese Änderung führt zu einer deutlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen. Die Operationssäle mussten dafür mit anderen speziellen Verdampfern (links neben Bildschirm) ausgestattet werden. (Foto: pm)

Neckar-Odenwald-Kliniken haben Narkoseverfahren umgestellt

Buchen/Mosbach. (pm) „Alle reden vom Gas – wir auch!“, schmunzelt Priv.-Doz. Dr. Harald Genzwürker, als er über eine wichtige Änderung in seinem Zuständigkeitsbereich als Chefarzt an den Neckar-Odenwald-Kliniken informiert, die einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung klimaschädlicher Emissionen leistet.

Konkret geht es hier um Narkosegase beziehungsweise Inhalationsanästhetika. Diese werden während operativer Eingriffe eingesetzt, um den tiefen Schlaf der Patientinnen und Patienten sicherzustellen.

Bei einer Vollnarkose wird der Tiefschlaf anfangs durch Medikamente eingeleitet, die in die Vene gespritzt werden: Ein starkes Schmerzmittel, ein Narkosemittel, und für manche Eingriffe zusätzlich auch ein muskelerschlaffendes Medikament.

Wenn die Patientin oder der Patient sicher schläft, wird ein Beatmungsschlauch platziert, über den dann Sauerstoff, aber auch spezielle Gase zur Fortsetzung der Narkose verabreicht werden. Am Ende des Eingriffs wird die Gabe beendet, sodass die Patientinnen und Patienten wieder allmählich aufwachen können.

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA) haben im Sommer 2020 ein gemeinsames Positionspapier „Ökologische Nachhaltigkeit in der Anästhesiologie und Intensivmedizin“ veröffentlicht, das ganz konkrete Handlungsempfehlungen beinhaltet.

Neben Themen wie Abfallvermeidung und Verbesserung des Energiemanagements, welche alle Klinikbereiche betreffen, spielen die „volatilen Anästhetika“ eine ganz besondere Rolle. In einem zum Jahreswechsel erschienenen Beitrag im Deutschen Ärzteblatt wird dargestellt, dass das deutsche Gesundheitswesen bisher für etwa acht Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

Davon wird etwa die Hälfte durch die Bereiche Anästhesie und Intensivmedizin verursacht, und zwar in erheblichem Umfang durch die Inhalationsanästhetika. Diese „Narkosegase“ haben aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung einen erheblichen Umwelteffekt, wenn sie über die Abluftanlagen der OP-Bereiche in die Atmosphäre gelangen.

„Wir Ärztinnen und Ärzte tragen eine ganz besondere Verantwortung, da der Klimawandel auch gravierende Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung haben wird“, erklärt Dr. Genzwürker.

Pandemiebedingt musste das Thema 2021 zunächst zurückgestellt werden, aber unter anderem durch den Beitrag im Deutschen Ärzteblatt wurden mögliche Beiträge zur Nachhaltigkeit im Team diskutiert sowie Möglichkeiten zur Umsetzung geprüft.

Dr. Gunther Hirsch, Leitender Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie am Standort Buchen, setzte sich ebenfalls für eine bereits im Frühjahr erfolgte Änderung bei den Narkoseverfahren ein, die unmittelbar aus den Empfehlungen der Fachgesellschaften resultiert: Statt des bisher verwendeten Narkosegases Desfluran kommt bei den Vollnarkosen inzwischen das inhalative Anästhetikum Sevofluran zum Einsatz.

Diese Änderung führt zu einer deutlichen Verringerung der Treibhausgasemissionen, denn bei gleicher Qualität der Vollnarkose führt Sevofluran zu einer Reduktion um etwa den Faktor 47. Umgerechnet in gefahrene Kilometer mit einem Auto entsprechen sechs Stunden Narkose mit der bisher eingesetzten Substanz bei einem Frischgasfluss von einem Liter pro Minute 1.825 Kilometern, mit Sevofluran aber nur 38,6 Kilometer.

„Frischgas ist die Mischung von Sauerstoff und Luft, die wir zur Beatmung benötigen und mit der das Narkosegas transportiert wird“, so Dr. Genzwürker. „Durch niedrigeren Frischgasfluss können wir die Emissionen generell reduzieren, sodass sich hier weitere Ansatzpunkte bieten.“

Da moderne Narkosegeräte, wie sie an den Neckar-Odenwald-Kliniken in Buchen und Mosbach zum Einsatz kommen, auch eine sogenannte „Minimal-Flow-Anästhesie“ mit einem Frischgasfluss von 0,5 Litern pro Minute ermöglichen, können die oben genannten Werke nochmals halbiert werden.

Um alle Operationssäle an den beiden Klinikstandorten mit speziellen Vaporen oder Verdampfern für das Narkosegas Sevofluran ausstatten zu können, mussten die Kliniken einen niedrigen fünfstelligen Betrag investieren.

Ausgehend von dieser wichtigen Änderung in der Klinik für Anästhesiologie sollen weitere Möglichkeiten geprüft werden, um die beiden Krankenhäuser in allen Bereichen nachhaltiger aufzustellen. „Die Bewertung verschiedener Produkte und Abläufe im Hinblick auf den CO2-Fussabdruck ist dabei teilweise sehr komplex.

Dennoch wollen wir unseren Beitrag leisten, wo immer das möglich und sinnvoll ist“, betont der Klinikgeschäftsführer Frank Hehn. Das unterstützt auch der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Neckar-Odenwald-Kliniken Landrat Dr. Achim Brötel: „Der Einkauf von Lebensmitteln bei regionalen Anbietern kann beispielsweise ebenfalls einen Beitrag leisten, wenn dabei lange Lieferwege vermieden werden.“

Bei dem Stichwort Regionalität fällt Dr. Genzwürker dann noch ein weiterer Aspekt ein: Werden Vollnarkosen durch den Einsatz von Teilnarkosen oder „Regionalanästhesien“ vermieden, kann auch das einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Treibhausemissionen darstellen.

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