Wiederbelebung auf dem Sportplatz

Unser Bild zeigte von links: Jürgen Ullrich (DRK), Walter Hettenbach, Timo Kolbeck, Tobias Gehrig, Heiko Keller, Jochen Schilling und Notarzt Dr. Frank Hemberger. (Foto: Genzwürker)

47-jähriger Osterburkener von Sportkameraden reanimiert – „World Restart a Heart Day“ am 16. Oktober

Ravenstein. Anfang Mai trafen sich die Fußballer des „Hüngheimer Freizeitclub“ wie jeden Mittwoch zum gemeinsamen Kicken auf dem Otto-Weidle-Sportplatz. Eine knappe Stunde nach Beginn nahm der Abend dann eine dramatische Wendung.

Jochen Schilling brach während des Spiels plötzlich auf dem Platz zusammen. Schnell wurde seinen Mitspielern klar, dass es sich um eine ernste Situation handelte, denn der 47-Jährige röchelte nur noch und lief blau an.

Heiko Keller sprach ihn sofort an, aber es kam keine Reaktion. Nach kurzem Zögern begann er mit der Herzdruckmassage und der Zustand schien sich auch zunächst zu bessern.

Als der Sportkamerad aber wieder keine Reaktion zeigte, führte er die Herzdruckmassage fort und begann auch mit Beatmungen. Tobias Gehrig hatte inzwischen den Notruf über die 112 abgesetzt, Timo Kolbeck sowie Walter Hettenbach unterstützten bei den Wiederbelebungsmaßnahmen.

Um 19.57 Uhr wurde der Notarzt der Rettungswache Osterburken über die Integrierte Leitstelle in Mosbach alarmiert und bereits nach neun Minuten erreichten die Einsatzkräfte den Sportplatz.

Dienst am Standort hatte an diesem Abend Dr. Frank Hemberger, der als Internist und Allgemeinmediziner in der Inneren Medizin am Standort Buchen der Neckar-Odenwald-Kliniken beschäftigt ist.

„Als ich aus dem Fahrzeug stieg, sah ich bereits die vorbildlichen Maßnahmen der Ersthelfer. Sie führten die Herzdruckmassage durch und zwar mit der richtigen Tiefe und Frequenz“, lobt der erfahrene Notfallmediziner die Sportkameraden. Er übernahm die Beatmung am Kopf des Patienten, ein Defibrillator wurde angeschlossen und ein Venenzugang wurde gelegt.

Jochen Schilling erhielt Adrenalin, während sich Jürgen Ullrich als inzwischen eingetroffener ehrenamtlicher DRK-Helfer und die Ersthelfer mit den Thoraxkompressionen abwechselten.

Im Verlauf zeigte der Monitor ein Kammerflimmern und nach der dritten Defibrillation schlug das Herz nach über 15 Minuten Wiederbelebungsmaßnahmen durch Laien und Profis.

Der Kreislauf war stabil, Jochen Schilling begann wieder selbständig zu atmen und die Arme zu bewegen. Kurz danach traf auch das Team des Rettungswagens aus Möckmühl ein, das für die bereits bei einem anderen Einsatz gebundenen Kollegen aus Osterburken einsprang und der Patient wurde ins Fahrzeug gebracht.

Bereits während der laufenden Reanimation hatte Notarzt Dr. Hemberger entschieden, einen Rettungshubschrauber zu alarmieren, um Jochen Schilling bei erfolgreicher Wiederbelebung möglichst schnell in eine Klinik mit Herzkatheter transportieren zu lassen, wie es die aktuellen Leitlinien vorsehen.

Christoph 18 aus Ochsenfurt landete um 20.25 Uhr und gemeinsam mit seinem Notarztkollegen versorgte Hemberger den Patienten weiter. Nach Narkoseeinleitung wurde ein Beatmungsschlauch platziert und der Transport vorbereitet.

Kurzzeitige Probleme, eine Zielklinik zu finden, wurden rasch gelöst – aus dem Klinikum am Gesundbrunnen kam eine Zusage. Dort erfolgte die Weiterbehandlung mit Herzkatheter und Kühlung über 24 Stunden, um dem Gehirn eine „Erholungspause“ zu ermöglichen.

„Das erste, woran ich mich erinnern kann, ist der Dienstag in der Woche darauf, also sechs Tage später“, berichtet Jochen Schilling. „Als ich wach wurde, war ich noch an das Beatmungsgerät angeschlossen, aber der Schlauch wurde rasch entfernt und dann wurde ich gefragt, ob ich denn wisse, wo ich sei.“

Seine letzten Erinnerungen an den Tag seines Kreislaufstillstandes reichen bis zum Warmmachen zum gemeinsamen Fußballspiel, für die Zeit danach fehlt ihm jede Erinnerung.

Der Tag selbst war wohl ein wenig stressig, aber er hatte keinerlei körperliche Beschwerden und wollte ganz normal Sport machen. Das Personal der Intensivstation berichtete ihm dann, welch großes Glück er hatte, dass er so beherzte Hilfe erfahren durfte.

Zum Schutz vor einem erneuten Kammerflimmern musste er eine sogenannte „LifeVest“ tragen, einen direkt auf der Haut aufliegenden Defibrillator. Im Klinikum am Gesundbrunnen war eine ausgeprägte Verengung einer Herzklappe festgestellt worden, eine sogenannte Aortenstenose.

Die Veränderung der Klappe war bereits bekannt, aber offenbar hatte sich der Befund seit der letzten Kontrolle deutlich verschlechtert, ohne dass Jochen Schilling etwas davon bemerkte.

Die notwendige große Operation erfolgte am im herzchirurgischen Zentrum in Stuttgart. Ende Mai ging es kurz nach Hause, dann für drei Wochen zur Reha und im Anschluss trainierte er im Fitnessstudio weiter.

Anfang August, also gerade einmal ein Vierteljahr nach seinem Kreislaufstillstand, begann er im Rahmen des „Hamburger Modells“ wieder mit der Arbeit. Ende August führte ihn eine mehrtägige Motorradtour mit Kollegen über mehrere tausend Kilometer durch die Alpen.

Der Deutsche Rat für Wiederbelebung (GRC / German Resuscitation Council) möchte am 16. Oktober mit dem World Restart a Heart Day, dem Welttag der Wiederbelebung, Laien ermutigen, in genau solchen Situationen entschlossen zu handeln.

Diese Botschaft unterstreicht vor Ort die Kommunale Gesundheitskonferenz beim Landratsamt. Das Motto 2022 lautet „Wiederbelebung – Jede und jeder verdient die Chance“ und soll dafür sensibilisieren, wie wichtig die ersten Minuten beim Kreislaufstillstand sind.

Wie bei der Woche der Wiederbelebung steht die einfache Formel „Prüfen – Rufen – Drücken“ im Mittelpunkt der Aktivitäten zur Steigerung des Anteils von Fällen, bei denen Laien vor Ort die entscheidenden Maßnahmen umsetzen:

Den Bewusstseinszustand prüfen, den Notruf über die 112 absetzen sowie rasch mit der Wiederbelebung beginnen. Die Integrierte Leitstelle in Mosbach leistet mit der Anleitung der Anrufer zur Umsetzung der Maßnahmen, der sogenannten „Telefonreanimation“, ebenso einen Beitrag.

Im Neckar-Odenwald-Kreis sind die zahlreichen Defibrillatorstandorte, der ehrenamtliche Einsatz der „Helfer vor Ort“-Gruppen des DRK und der „Mobilen Retter“ sowie zahlreiche Schulungsangebote weitere Bausteine zur Steigerung der Überlebensraten (NZ berichtete).

Notarzt Frank Hemberger ist sich sicher, dass das sofortige Eingreifen der Ersthelfer den Unterschied machte. „Auch wenn wir sehr schnell vor Ort waren, hätte das Gehirn ohne die umgehende Herzdruckmassage sicher Schaden genommen. Wir als Notfallmediziner wünschen uns, dass Laien sich trauen, diese einfache lebensrettende Maßnahme durchzuführen.“

Jochen Schilling ist seinen Helfern sehr dankbar und appelliert an andere, es ihnen gleichzutun. Er ist selbst ausgebildeter betrieblicher Ersthelfer und weiß, dass die Maßnahmen nicht schwierig sind. „Das Entscheidende ist, sich zu trauen – bei mir war es erfolgreich, und ich hoffe, dass vielen anderen Betroffenen ebenso beherzt geholfen wird.“

Word Restart a Heart Day (WRAH):

Der Word Restart a Heart Day, der jährlich immer am 16. Oktober stattfindet, soll global das Bewusstsein für die Bedeutung außerklinischer Herz-Kreislaufstillstände stärken. Ziel ist es, weltweit so viele Menschen wie möglich in der Wiederbelebungsmaßnahme zu schulen.

Das Motto lautet „CPR – everyone deserves the opportunity“ – „Wiederbelebung – Jede und jeder verdient die Chance“.

 

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