Karnele – Nudeldicke Deern

In Zusammenarbeit mit der in Steinbach lebende Autorin Nele Tabler veröffentlicht NOKZEIT die Kolumne “Karnele”. Darin widmet sich die Autorin, die durch ihren Karnele – “Blog über Lesben und lesbisches Leben, Feminismus und Alltagswahnsinn” bundesweit bekannt geworden ist, künftig dem “normalen Alltagswahnsinn” im Odenwald und darüber hinaus. Passend zum Wahnsinn, wird es keine Regelmäßigkeit und thematisch keine Vorgaben bzw. geben.

Heute stellt Nele Tabler das Buch „Nudeldicke Deern“ von Anke Gröner vor:

nudeldickedeern»Das interessiert dich sicher.« Mit diesen Worten landete die »Nudeldicke Deern« bei mir. Ein Buch über Aussehen, Körperbild, Diäten und gedankliche Zwänge, mit denen sich viele Frauen ihr ganzes Leben lang herumschlagen. Die Autorin erzählt von ihrem langen Weg, sich von all dem zu befreien und darüber, wie sie essen gelernt hat. So lautet der treffende Untertitel dann auch: »Free your mind and your fat ass will follow« – eine äußerst treffende Zusammenfassung, auch wenn sich nur schwer eine wirklich passende deutsche Übersetzung finden lässt.

Anke Gröner war mir nicht unbekannt, letztes Jahr hatte sie mich sehr beeindruckt, als sie auf ihrem Blog darüber schrieb, weshalb sie sich jahrelang nicht »öffentlich« hatte zeigen wollen. Warum sie bis dahin an keinem Treffen der Bloggergemeinde hatte teilnehmen wollen, wieso sie ein Fernsehinterview absagte: Sie ist dick.

Der Leidensweg begann in der Kindheit, eine Ärztin stellte fest, dass Körpergröße/Gewicht der Fünfjährigen nicht mit den Maßen übereinstimmten, die als Norm vorgegeben waren. Zum Trost gab es einen Lutscher aus der Süßigkeitenschublade. Im Lauf der Jahre wurde aus dem dicken Kind der fetteste Teenager der Welt – im Kopf der Autorin, während ihr Körper bis zum Abitur normalgewichtig war.


Richtig Kochen hat sie nie gelernt, über zwanzig Jahre lang bestand ihre Ernährung hauptsächlich aus Fertiggerichten. Der Selbsthass beim eigenen Anblick im Spiegel und das Gewicht steigerten sich, Fressphasen und Diäten wechselten sich ab. Lightprodukte, Weight Watchers, Kohlsuppen mit all den bekannten Nebenwirkungen, Heißhungerattacken. Kilos runter und rauf. Das Essen ist der Feind, der mit Totessen bekämpft wird …

… dann kommt Frau Lu und die Autorin wird zur Essenspraktikantin. Sie misten die Speisekammer aus, gehen zusammen einkaufen. Welche Gewürze passen zu welchen Lebensmitteln, wie schmeckt was? »Freude am Essen« heißt das Ziel. Es geht nicht ums Abnehmen, es werden keine Kalorien gezählt, sondern ausschließlich darauf geachtet: »Was tut mir gut? Was will mein Körper?« Im Alter von 40 Jahren lernt Anke Gröner essen und meint, irgendwann müsse man ja mal anfangen.

Fast zwei Monate ist der Vorabdruck der »Nudeldicken Deern« bei mir auf dem Schreibtisch gelegen, nachdem ich es in einer Nacht durchgelesen hatte. Wie ein Buch vorstellen, bei dem ich an manchen Stellen den Eindruck hatte, es handelt von mir? Und von vielen anderen Frauen, die ich kenne? Distanzierte Rezension oder persönliche Eindrücke? Wenn Anke Gröner z. B. berichtet, dass sie Schwimmen oder Radfahren nicht mit Spaß und Freude verbunden, sondern immer dabei gedacht hat, wie viele Kalorien gerade verbrannt werden und diese dann auch noch gleich in Brot und Käse umgerechnet hat, schildert sie exakt meine Gedanken und Gefühle bei sportlichen Aktivitäten. Ich bezeichne diesen Zustand als essgestört, ein Wort, das sie nicht benutzt.

Manche Dinge, über die sie schreibt, wie den Setpoint, die Nahrungsmittelindustrie, die Mode waren für mich nicht neu, aber es war erfrischend, darüber einmal so humorvoll und ehrlich zu lesen. Keine theoretische Abhandlung, keine Statements, sondern für einige Frauen sicher auch ein praktischer Leitfaden, wie sie den Kreislauf von Selbsthass, miesen Gedanken und Diäten unterbrechen können.

Unsere News jetzt auch einmal täglich per Mail

© www.NOKZEIT.de


Artikel empfehlen: