Sind Stammtische aus der Zeit gefallen? NOKZEIT-Kolumnist Mamfred Leitheim aus Mosbach hat sich dazu Gedanken gemacht. (Symbolbild – Pixabay)
Von Manfred Leitheim
Mosbach. „Unser Krankenhaus wird geschlossen!“ – Hoch würde es hergehen an den Mosbacher Stammtischen. Die angeblichen „Stammtischparolen“ klingen in den Ohren: „Ich habe es immer schon gesagt!“ oder „Die da oben machen doch, was sie wollen!“, immer mit Ausrufezeichen.
Aber das Alles nur im Konditional. Wenn man mit Mosbacher Wirten spricht: es gibt diese Stammtische nicht mehr. An Gründen hört man Kneipensterben, Corona, Rauchverbot, mangelndes Personal, digitale statt persönlicher Treffpunkte.
Kneipensterben, Corona, Rauchverbot, mangelndes Personal, digitale Treffpunkte
Und natürlich verlieren die Vereine und vor allem die Kirche an Bedeutung. Denn ohne Gottesdienst kann es sonntags keinen Frühschoppen mehr geben. Die Statistik sagt allerdings etwas Anderes. Es gibt keine Zahlen, wie viele Stammtische es in deutschen Wirtshäusern gibt.
Aber so viel ist bekannt: 28 Prozent, der über 18-jährigen Deutschen treffen sich zu einer stammtischähnlichen Runde, so das Ergebnis einer von der Tageszeitung „Die Welt“, allerdings schon 2005, in Auftrag gegebenen Umfrage.
Das wären für Mosbach: 4.500 Stammtischbrüder und Stammtischschwestern, Wirtshaussterben und Facebook zum Trotz: Aber selbst, wenn der Stammtisch noch lebt, er diskutiert nicht mehr über Politik. Einst traf sich alles, was Rang und Namen hatte, meist nach dem sonntäglichen Kirchgang: Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Apotheker, Arzt, Großbauer.
Der Stammtisch war eine Art informeller Gemeinderat. Inzwischen hat längst nicht mehr jede Gemeinde einen Bürgermeister. Auch Pfarrer, Bauern und Landärzte sind aussterbende Arten. Aber an die Stelle des Honoratiorenstammtischs treten „Fach-Stammtische“, bei denen sich Motorrad- und Reptilienfreunde ebenso treffen wie Kartenspieler oder frühere Klassenkameraden.
Wind der Veränderungen weht durch deutsche Stammtische.
Im Nebenzimmer der „Gaststätte Kretz“ im Mosbacher Ortsteil „ Masseldorn“ würdigt ein liebevoll gerahmtes Schmuckblatt „25 Jahre Stammtisch Masseldorn 1958 – 1983“.
Dieser Stammtisch ist längst Geschichte, aber in der Gaststätte gab es ein Stammtisch-Revival. Inzwischen steht der schwere, schmiedeeiserne Stammtisch-Aschenbecher in der Gaststätte wieder öfter auf dem größten Tisch.
Seit einigen Monaten treffen sich frühere Ministranten von Sankt Josef als „Best-Ager-Stammtisch“. Eigentlich gegründet als „Rentnerstammtisch“, wurde er von Gottfried, dem Spiritus Rector, einem früheren Manager in einem Industriebetrieb, öffentlichkeitswirksam umbenannt.
Die Runde versammelt sich jeden ersten Donnerstag im Monat. Der Tisch ist bunt gemischt. Hans-Peter hat als Forstwirt gearbeitet, Harald war bei der Polizei, Manfred ist Geistlicher, Rene Informatiker, Richard handelte mit Baubedarf, Gerhard war Leiter eines Altenpflegeheimes, Dieter bei Audi und Herbert arbeitete als Industriekaufmann bei einer großen Mosbacher Firma. Als einzige Frau darf Tine mit am Tisch sitzen, sie ist die Wirtin. Es wird gelacht und gefrotzelt.
Der Stammtisch als „Gemütlichkeitsvollzugsanstalt“, wie es der Kabarettist Gerhard Polt einmal formuliert hat. Und der Stammtisch als Treffpunkt der Spießbürger? Das Zusammenkommen der Ewiggestrigen?
Der Wind der Veränderungen weht längst auch durch die deutschen Stammtische. Sie wurden spezieller und weiblicher. Das Dumpfe ist weg. Der Stammtisch als Rückversicherung: „Wenn nicht nur ich so denke, kann nicht so dumm sein, was ich meine.“, der ist passe.
Und so wächst in der „Gaststätte Kretz“, auch dadurch, dass die „Baby-Boomer“-Generation in den Ruhestand geht, die Zahl der Stammtische. Der Kommunikationsort kehrt aus dem Virtuellen in die Gaststätte zurück.
Vielleicht liegt es auch daran, dass, die in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geborenen, noch nicht völlig von der digitalen Welt bestimmt, aufgewachsen sind. Es macht für sie einen Unterschied, ob der Gesprächspartner reell oder virtuell, ob Kumpel oder KI ist.



